16. März 2021
16.03.2021
Mallorca Zeitung

Eine Industrieruine in bester Lage auf Mallorca

Seit bald 40 Jahren bröckelt das stillgelegte alte Kraftwerk in Port d'Alcúdia vor sich hin. Ob es jemals abgerissen wird, ist weiterhin ungewiss

16.03.2021 | 01:00
Stillgelegt, abgesperrt, vergessen: das einstige Vorzeige-Kraftwerk am Frachthafen von Port d'Alcúdia.

Man glaubt es kaum, aber es gab schon einmal Zeiten, da ging es auf Mallorca um richtig viel Kohle. Um Braunkohle. Der fossile Brennstoff wurde zwischen 1870 und 1980 sowohl unter als auch über Tage abgebaut, in mehr als 140 Zechen. Alaró, Selva, Lloseta, Binissalem und Sineu bildeten damals eine Art mallorquinischen Ruhrpott, in dessen Kneipen staubgeschwärzte Minenarbeiter nach Feierabend ihr Bierchen tranken. Bis 1977 wurden auf der Insel mehr als 1,5 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert.

Braunkohle kam anfangs fast ausschließlich zum Befeuern von kleineren Ziegelbrennereien, Destillationsfabriken sowie natürlich auch als Brennstoff für Öfen und Herde in Wohnstuben und Küchen zum Einsatz. Im Zuge der weiteren Industrialisierung durch Dampfmaschinen und dem damit verbundenen Ausbau des Bahnschienennetzes kam die Kohleförderung auf Mallorca Anfang des 20. Jahrhunderts so richtig in Schwung.

So ging das bis 1958. Danach wurde das regionale, staatlich kontrollierte Elektrizitätsunternehmen Gesa zum Hauptabnehmer für mallorquinische Braunkohle. Grund dafür war die Inbetriebnahme eines neuen Stromkraftwerkes namens Central Térmica de Alcúdia - nicht zu ­verwechseln mit der heutigen Anlage Es Murterar - in unmittelbarer Nähe des Frachthafens von Port ­d'Alcúdia. Es war damals eines der modernsten seiner Art in ganz Spanien. Nicht umsonst beehrte Diktator Franco die Insel im Mai 1960, um das Werk zu besuchen und vor laufenden ­Kameras als grandioses Beispiel für den industriellen Fortschritt des Landes zu würdigen.

Auf der gegenüberliegenden Seite des knapp 30.000 Quadratmeter großen Fabrikgeländes mit den beiden, mehr als 40 Meter in den Himmel ragenden Kamintürmen ließ Gesa - und das kam bis dahin eigentlich nur bei sehr viel größeren Fabrikanlagen auf dem Festland vor - eine Siedlung mit rund 30 Wohnhäusern für hochrangige Werksangestellte und deren Familien errichten. Einschließlich Kirche, ­Supermarkt, Spielplatz und Schwimmbad.

Doch so spektakulär wie die Geschichte dieses Kraftwerks begann, so sang- und klanglos endete sie wieder. Bereits Mitte der 1980er-Jahre kam das Aus für Kohle, Kilowatt und Kichern am Pool. Gesa ließ das Heizkraftwerk samt Arbeitersiedlung nach gerade einmal 20-jähriger Betriebszeit stilllegen, ­Türen und Fenster der Siedlung vernageln - und alles zusammen mit einem meterhohen Maschendrahtzaun absperren.

Gründe für das Aus gab es reichlich. Zum einem erwies sich die auf Mallorca geförderte Braunkohle hinsichtlich ihres Brennwertes als dermaßen minderwertig, dass sie selbst in ­größeren Mengen nicht mehr ausreichte, um die immer hochtouriger laufenden Genera­toren in Gang zu halten. Bereits Anfang der 1970er-Jahre, im Zuge des Tourismusbooms, kletterte der Stromverbrauch auch im Inselnorden in bis dahin unvorstellbare Höhen. Gesa musste Schwarzkohle vom Festland nach Alcúdia transportieren, um eine Stromversorgung während der Spitzenverbrauchszeiten im Hochsommer zwischen Inca, Pollença und Artà gewährleisten zu können. Das war irgendwann nicht nur unrentabel, sondern stieß auch an technische Grenzen.

Das inzwischen zum Endesa-Konzern gehörige Gesa-Unternehmen sah sich ­letztendlich gezwungen, ein neues Stromkraftwerk zu
bauen, das 1990 in unmittelbarer Nähe zum Feuchtgebiet S'Albufera bei Alcúdia ans Netz ging. Und das jetzt im Zuge der Energiewende ebenfalls kurz vor der Schließung steht.

Schön und gut, möchte man meinen. Der Gang der Zeit eben - Schwamm drüber! Doch auf Mallorca ticken die Uhren bei der Beseitigung von Spuren aus der industrieller Ver­gangenheit anders. Insbesondere im Fall von Spuren, die das Stromunternehmen Gesa-­Endesa auf der Insel hinterließ. Wie zum Beispiel dessen 2008 aufgegebenen Firmensitz an Palmas Paseo Marítimo, dessen 15-stöckige Fensterfront selbst heute noch in der Sonne glänzt, ohne dass zwischen Eigentümern, ­Stadtverwaltung, Landesregierung oder Denkmalschützern eine definitive Entscheidung ­darüber gefallen ist, was mit dem längst abrissreifen Büropalast passieren soll.

Ähnlich verzwickt ist die Lage für das seit bald 40 Jahren vor sich hin bröckelnde Kraftwerk im Inselnorden. Die Siedlung ist inzwischen an einen privaten Investor verkauft, der dort eine luxuriöse Wohnanlage errichten will. Was mit dem Kraftwerk geschehen soll, ist weiterhin ungewiss. Die Landesregierung hat es ebenso wie den Gesa-Glaspalast unter Denkmalschutz gestellt. Beide Bauten seien sowohl aus architektonischer Sicht (Bürogebäude in Palma) als auch aufgrund ihrer außerordentlichen Relevanz als Zeugnis jüngster Zeitgeschichte (Stromkraftwerk) von öffentlichem Interesse. Einfach so dem Erdboden gleichmachen oder an privat verkaufen ist nicht möglich. Vorkaufsrecht haben Landesregierung, Gemeinde und Inselrat.

2004 wurden Pläne laut, hier einen Industrie- und Kulturpark entstehen zu lassen. Es kam sogar zu einer Ausschreibung für einen Ideenwettbewerb. 22 Millionen Euro wurden für die Umsetzung des Gewinnerkonzeptes veranschlagt. Doch auf die Frage, wer das zahlen soll, hat sich längst zentimeterdicker Staub gelegt. Kohlenstaub.

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