23. März 2021
23.03.2021
Mallorca Zeitung

Als der Krieg über Cabrera hereinbrach

Zwei Familien, ein notgelandetes Wasserflugzeug, Milizionäre und Faschisten: Das neu aufgelegte Buch ·Els de Cabrera" lässt ein blutiges Kapitel der Geschichte aufleben, das bis heute auf Mallorca nachwirkt

23.03.2021 | 01:00
Heile Welt auf Cabrera vor dem Sommer 1936. Die Familien Bonet und Suñer lebten friedlich zusammen.

Für seine Mutter wären die Erinnerungen zu schmerzlich gewesen. Joan Rigo Bonet veröffentlichte sein Buch „Els de Cabrera" (Die von Cabrera) erst nach ihrem Tod. Es basiert auf den Gesprächen mit seinem Onkel Jeroni ­Bonet, der 1992 davon erzählte, was zu Beginn des ­Spanischen Bürgerkriegs (1936–1939) auf ­Cabrera, der Inselgruppe vor der Südküste von Mallorca, geschah. Der Krieg brach damals wie aus dem Nichts über zwei bis dahin friedlich und freundschaftlich zusammenlebende Familien herein – und zeichnete sie über Generationen. Das 2008 erstmals erschienene Buch ist kürzlich bei Documenta Balear neu aufgelegt ­worden (22 Euro, auf Katalanisch). Der weit gereiste Buchautor – er arbeite viele Jahre bei dem deutschen Reiseveranstalter ­Neckermann – hat es dafür noch einmal erweitert.


Ausgangssituation: Der Frieden

Frühsommer 1936: Auf Cabrera leben zwei Familien. Das sind die Suñers (Vater Damià, seine Frau Jerònia Mas sowie ihre fünf Kinder: Joan, der mit der faschistischen Falange-Bewegung sympathisiert, Gaspar, Margalida, Maria und Francisca). Sie haben ihr Land vom spanischen Staat gepachtet. Bei ihnen lebt auch die Bedienstete Teresa Vicens mit ihren vier Kindern.

Und da sind die Bonets, die als sogenannte amitgers für die Suñers die Felder bestellen. Beide Familien teilen sich die Erträge auf. Auch Març Bonet und seine Frau Maria Barceló haben fünf Kinder: Jeroni, Francisca, Antoni, Març und Bàrbara, die Mutter des Buchautors. Der Alltag beider Familien auf Cabrera ist von der harten Feldarbeit und von der Versorgung des Viehs bestimmt. Das Zusammenleben ist freundschaftlich – wie zahlreiche Fotos belegen, auf denen vor allem die jungen Leute ausgelassen und vertraut wirken.

Auf der Insel stationiert sind zudem einige Soldaten sowie zwei Leuchtturmwärter. In jenem schicksalsschweren Frühsommer 1936 ist zufällig zudem ein ehemaliger Kommandeur der Soldaten auf der Insel, um dort mit seiner Familie Urlaub zu machen.


Seitenwechsel

Am 19. Juli wird auf Mallorca der Kriegszustand ausgerufen. Aufständische Militärs und Franco-Anhänger übernehmen die Macht. Die Repression gegen die Republikaner beginnt. Das Kriegsgeschehen erreicht die Hauptinsel Cabrera wenige Tage später und eher zufällig. Am 30. Juli muss ein republikanisches Wasserflugzeug an der Cala en Ganduf notlanden. Die auf Cabrera stationierten Soldaten nehmen die sechs Besatzungsmitglieder fest.
Zwei Tage später, am 1. August, legt eine republikanische Flotilla mit zwei U-Booten und einem republikanischen Schleppdampfer in der Hafenbucht an. Die Republikaner befreien die Besatzung des Wasserflugzeugs und nehmen stattdessen die Soldaten, den Kommandeur sowie Damià Suñer und seine Söhne fest. Vermutlich hatten die Besatzungsmitglieder des Flugzeugs die Suñers denunziert, weil der Falange-Sympathisant Joan bei ihrer Festnahme zugegen war. Die Gefangenen werden nach Menorca gebracht, das sich weiterhin in republikanischer Hand befindet, und bei Maó brutal ermordet.


Zurückgelassen

Cabrera bleibt unter republikanischer Besatzung. Am 5. August gehen rund 100 anarchistische Milizionäre an Land. Sie verbieten den Bonets, Lebensmittel an die verbleibenden Frauen und Kinder der nunmehr politisch gebrandmarkten Familie Suñer zu liefern.

Am 15. August kommt auch Alberto Bayo nach Cabrera. Der den Kommunisten nahestehende republikanische Offizier bereitet die Rückeroberung Mallorcas vor. Der Versuch, die Gegenoffensive mit den anarchistischen Milizionären abzustimmen, scheitert. Bayo und seine Truppen gehen am 16. August an der Ostküste Mallorcas an Land, werden jedoch in den folgenden drei Wochen von den Anhängern Francos zurückgeschlagen und müssen Anfang September unter hohen Verlusten den Rückzug antreten.

Auch Cabrera müssen die Republikaner am 5. September aufgeben. Allein zurück auf der Insel verbleiben die Frauen und die jüngeren Kinder. Kaum wer scheint sich mehr an sie zu erinnern. Nach einer Woche, am 12. September, setzen Teresa Vicens mit ihren vier Kindern – eines davon krank – gemeinsam mit Bonets Tochter Francisca und Suñers Tochter Margalida mit einem Ruderboot nach Colònia de Sant Jordi über. Nachdem sie von dem Geschehen auf dem Archipel berichtet haben, sticht ein Boot in See, um die letzten sechs dort verbliebenen Bewohner zu retten.


Zwietracht und Habgier

Suñers Witwe Jerònia war für den Rest ihres Lebens schwer gezeichnet. Sie hatte nicht nur ihren Mann und ihre zwei älteren Söhne ­verloren. Auch ihr Bruder Joan Mas, sozialis­tischer Bürgermeister von Montuïri, war ermordet worden, allerdings von der Gegenseite, von den Anhängern Francos.

„Jerònia suchte keine Vergeltung für ihr Unglück", sagt Joan Rigo Bonet, „aber sie wollte einen Verantwortlichen ausmachen." Ihr Cousin Pere Antoni Mas Roig alias Calco, ein Anhänger der Falange, unterstützt sie darin. Er kauft die Wolle der Schafe auf Cabrera auf. Wenn die Bonets verschwänden, so sein Kalkül, wäre das Geschäft perfekt. Jerònia billigt das Vorhaben, und gemeinsam mit einem weiteren Falangisten nimmt Calco Bonets Frau Maria und deren ältere Tochter fest. Beide Frauen kommen für mehrere Monate ins Gefängnis. Das Hab und Gut der Bonets wird ­geplündert. „Der Raub und die Habgier haben nicht nur unserer Familie zugesetzt", sagt Buchautor Joan Rigo Bonet. „Die wirtschaft­lichen Beweggründe waren auch sonst ein wichtiger Antrieb bei der Verfolgung, der die Republikaner ausgesetzt waren."

Die Söhne der Bonets fliehen nach ­Menorca, wo sie sich in die republikanischen Truppen einreihen, ohne aber an Kämpfen teilzunehmen. Der Vater arbeitet auf dem Feld. Als der Bürgerkrieg 1939 endet, werden sie vor ein Kriegsgericht gestellt. Es ist das Verfahren 1029/36, das „die Mitverantwortung an der Besetzung der Insel Cabrera durch marxistische Kräfte" untersucht. Es droht die Todesstrafe. Marc Bonet und seine zwei Söhne kommen nur knapp mit dem Leben davon. Am 16. März 1943 werden sie zu lebenslanger Haft verurteilt.

Der Vater kommt in ein Gefängnis in Palma und wird ein Jahr später begnadigt. Für die Söhne Jeroni und Antonio Bonet beginnt eine Odyssee durch Gefängnisse und Arbeitslager in Mittel- und Nordspanien, bis sie 1946 ebenfalls begnadigt werden. Sie sind frei – und gebrandmarkt. Über Jahrzehnte werden den ­Bonets Steine in den Weg gelegt. Simple Schritte, wie einen Führerschein zu machen, werden für Jeroni Bonet zum Spießrutenlauf.

Joan Rigo Bonet hat seinen Onkel Jeroni 1992 zu den Geschehnissen befragt und über Jahre hinweg weiter recherchiert. Der Onkel zeigte ihm auch den alten Koffer, mit dem er 1946 das Gefängnis verließ. Darin befanden sich Dokumente, darunter das Urteil des Verfahrens 1029/36, sowie eine Handvoll Münzen. Jeroni hatte darauf das Antlitz von Franco bis zur Unkenntlichkeit zerkratzt.

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