24. Februar 2011
24.02.2011

„Schüttel mich": Internet-Portal von Mallorca hat Spanien im Griff

Mit 5,5 Millionen Besuchern monatlich ist die Newsbewertungsseite „Menéame" eines der erfolgreichsten Online-Projekte des Landes. Gründer Ricardo Galli erhält Millionenofferten

18.11.2010 | 02:00
Ricardo Galli

Im Fall von Menéame (www.meneame.net) ist die Garage ein schlichtes Zimmerchen mit freundlich gelb gestrichenen Wänden auf der Straßenseite einer geräumigen Wohnung in Palmas Stadtteil Camp Redó. Dort hat der gebürtige Argentinier Ricardo Galli das erfolgreichste Internet-Projekt Mallorcas programmiert und im Dezember 2005 nach einer durchgearbeiteten Nacht online gestellt.

Heute rangiert das Nachrichtenbewertungsportal mit mehr als fünf Millionen Besuchern monatlich neben den digitalen Ausgaben der großen Zeitungen unter den fünf meistbesuchten News-Portalen Spaniens. Und ist auch eines der begehrtesten. Der Informatik-Dozent der Balearen-Universität, der die Seite gemeinsam mit seinem Kollegen Benjamí Villoslada gegründet hat, kann sich die Millionen-Offerten für seine Seite mittlerweile aussuchen. „Zwei große Verlage in Spanien und Deutschland sind derzeit interessiert", erzählt der 46-Jährige.

Dabei weiß Galli noch gar nicht, ob er Menéame überhaupt abgeben will. Vor einiger Zeit schlug er bereits ein Angebot aus, weil er befürchtete, dass sein Projekt in diesem Unternehmen untergehen würde. Galli ist nicht in erster Linie Geschäftsmann, sondern vor allem Informatiker und ein Aktivist für freie Software. Er gehört zur weltweiten Avantgarde der kreativen Pioniere des Web 2.0, in der Szene hat er zahlreiche Bewunderer.

Die Idee für Menéame (zu deutsch etwa: Schüttel mich durch) schaute er sich allerdings beim US-amerikanischen Vorbild digg.com ab. „Das Portal war damals schon sehr erfolgreich, aber in Spanien gab es noch nichts Vergleichbares." Beide Seiten sind typische Anwendungen des Web 2.0, bei denen die User den Inhalt produzieren. Bei Menéame, digg und der ähnlichen, aber weniger erfolgreichen deutschen Seite yigg senden die Nutzer Links zu Nachrichten aus dem Internet, von Medienportalen und Blogs, die sie interessant finden, und treffen mit ihren Bewertungen eine eigene Nachrichtenauswahl.

Bei den großen spanischen Online-Zeitungen findet sich unter den Artikeln jeweils ein Menéame-Button, übrigens auch bei www.mallorcazeitung.es.

Die sonst von Journalisten getroffene Nachrichtenauswahl wird auf diese Weise kräftig durchgewirbelt. Bei Menéame messen sich etwa Artikel aus der konservativen „El Mundo" mit Beiträgen aus der linken „Público". „Viele traditionelle Zeitungskonsumenten lesen ja immer nur ihre Stammzeitung und haben vollkommen verschiedene Vorstellungen von der Realität im Kopf. Bei Menéame kommen die Welten zusammen", sagt Galli.

Auf seiner Seite finden sich oft Kuriositäten, soziale Aufregerthemen oder Artikel, die das Internet selbst betreffen, auf den ersten Plätzen. Dabei spiegelt sich auch das Profil der Nutzer wider. „Sie sind tenden­ziell Atheisten, schwulenfreundlich und links angehaucht", sagt Galli. Außerdem eint die Community, die auch äußerst aktiv beim Kommentieren der Nachrichten ist, die Ablehnung sämtlicher drohender Einschränkungen der digitalen Sphäre.

Größte Hassfigur ist derzeit die spanische Kulturministerin Ángeles González Sinde. Die sozialistische Politikerin treibt ein Gesetz voran, das die Piraterie bei Musik und Filmen stoppen soll, indem es Behörden die Abschaltung von Peer-to-Peer-Netzwerken zum Datenaustausch erleichtert. „Damit sollen die Gerichte entmachtet werden. Absolut undemokratisch!" ärgert sich Galli.

Scharf kritisiert er alles, was die Freiheit des Datenaustausches und die Neutralität der Netze bedroht. Die drohende Kontrolle der Telekommunikationsunternehmen über die Geschwindigkeit des Datentransports müsse unbedingt verhindert werden. „Das Internet konnte deswegen so fantastisch wachsen, weil es beim Datenverkehr neutral ist. Deswegen hatten zwei Typen auf Mallorca die gleichen Bedingungen wie zum Beispiel die Verlagsgruppe Prisa (u.a. „El País", Anm.d.Red.). Aber stellen Sie sich vor, künftig bekommen Videos von Telefónica und Ono Priorität, während unsere Qualität schlechter wird. Das würde viele Initiativen im Keim ersticken."

Seinen heutigen Investor Martin Varsavsky lernte Galli kennen, weil er ihm zunächst heftige Vorwürfe machte. Der Gründer des W-Lan-Unternehmens Fon und mehrerer anderer Internet-Unternehmen wie Jazztel und Viatel hatte bei der für Fon verwendeten freien Software nicht wie vorgeschrieben den Quellcode angegeben. Nach Gallis Intervention korrigierte Varsavsky dies und kaufte außerdem im Dezember 2006 für eine hohe Summe ein Drittel der Anteile von Menéame. Weitere Einnahmen kommen aus Anzeigen von Google Adsense und einer Social Media-Agentur in Madrid.

Bis heute ist Menéames Mitarbeiterstamm klein geblieben. Gründer Galli schlägt sich mit Kaffee und Zigaretten die Nächte um die Ohren, um seine Aufgaben als Programmierer und Administrator zu erfüllen. Kompagnon Villoslada, auf der Insel auch bekannt durch eine Radiosendung bei Ona Mallorca, kümmert sich um die Buchhaltung. Unterstützt werden sie außerdem von zwei Community Managern, einer Anwältin in Bilbao sowie einem Katalanen, ­der kurioserweise in Sibirien sitzt. Galli gibt außerdem weiterhin seine Informatik-Kurse an der UIB, obwohl er mit Menéame inzwischen deutlich mehr Geld verdient. „Das Lehren macht mir einfach Spaß. Und deswegen bin ich ja auch nach Mallorca gekommen." Anfang der 90er Jahre, als der Universitätsabsolvent Galli im argentinischen Bariloche über eine Promotion in den USA nachdachte, holte ihn ein Professor der UIB nach Palma.

Die größte Herausforderung bei der Arbeit für Menéame ist die Abwehr frecher Versuche von Einflussnahme auf die Nachrichtenauswahl. Immer wieder melden sich Blogger und Journalisten mit mehreren Konten an, um mit mehr Stimmen ihre Artikel nach oben zu hieven. Als Gegenmittel setzt Menéame eine Software ein, die User mit mehreren Identitäten ausfindig macht. Diese werden dann gelöscht.

So ging Galli auch vor, als vor den Wahlen 2008 Aktivisten der PSOE sozialistenfreundliche Themen auf unfaire Weise bekannter machen wollten. „Das war ein Skandal. Sie warfen mir auch noch Zensur vor! Hinterher entschuldigte sich aber ein Parteisekretär." Noch stärker zu kämpfen hatte Galli mit einem Angriff argentinischer Hacker, die nach einer Nachricht über ihre kriminellen Machenschaften auf Menéame die Seite im Februar 2008 für zwei Stunden komplett lahmlegten.

Demnächst gibt es auch eine japanische Version des Nachrichten­bewertungsportals. Der Online-Shopping-Gigant Rakuten startet die Seite, an der Menéame 10 Prozent hält, in diesen Tagen. Außerdem will Galli mit speziellen Länder-Versionen seine Präsenz in Lateinamerika ausbauen.

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