15. August 2013
15.08.2013
40 Años

Landhotel statt Behindertenwerkstatt

In Ariany wurde ein ehemaliges Kloster zur noblen Herberge umgebaut. Ein Teil des Personals ist geistig behindert. Nun wird das Projekt ausgeweitet

21.08.2013 | 09:02
Ruhe und traumhafte Aussichten: Eine Angestellte bedient einen Gast auf der Terrasse des Hotels

Für den Gast ist das „Es Convent" bei Ariany ein Hotel wie jedes andere – auch wenn man auf der Insel nicht viele so ruhige und idyllische Fleckchen findet. Doch die Herberge – im historischen Klostergemäuer untergebracht und mit modernem Interieur ausgestattet – ist einzigartig auf Mallorca. Sie nennt sich „Sozialhotel", was nicht bedeutet, dass die Preise besonders günstig sind, sondern dass ein Teil der Mitarbeiter geistig behindert ist.

Die junge Frau etwa, die einem Urlauber gerade mit einem freundlichen Lächeln im Gesicht eine Tasse Kaffee serviert. Oder der junge Mann, der das Frühstück anrichtet. Neben der Cafeteria und dem Restaurant werde das Personal mit Behinderung im Zimmerservice oder im Garten eingesetzt, erklärt Jaume Salas, einer der ­Geschäftsführer des Hotels. Zudem werden das Mandarinenduschgel oder das Lavendelschampoo, das die Gäste im Bad vorfinden, in einer Werkstätte für geistig Behinderte in ­Palma hergestellt.

Denn hinter dem Projekt steckt die mallorquinische Stiftung „Treball i Natura", die derzeit 24 Menschen mit geistiger Behinderung Arbeit gibt. Die Idee, in dem ehemaligen Konvent der Franziskanerinnen in Ariany ein Hotel zu eröffnen, lag auf der Hand – die Stiftung wird schließlich ebenfalls vom Franziskanerinnenorden getragen, und das Kloster, das einst als Schule diente, stand seit Jahren leer. „Nun schlagen wir hier zwei Fliegen mit einer Klappe", sagt Jaume Salas. Das Gebäude werde wieder genutzt – und fünf Menschen mit Behinderung haben einen Job gefunden. Ziel sei es, dass die Mitarbeiter in einem „geschützten Raum" Erfahrung in der Gastronomie- und Hotelbranche sammeln, um irgendwann – Salas rechnet mit fünf bis sechs Jahren – in einem herkömmlichen Tourismusbetrieb unterkommen zu können. „Für Menschen mit geistiger Behinderung ist auf dem normalen Arbeitsmarkt in der Regel kein Platz."

Behindertenfreundlich ist das „Es Convent" aber nicht nur bei der Personalauswahl, sondern auch für Besucher. Neun der elf Zimmer seien barrierefrei, auch der Pool verfüge über eine Rampe, erklärt Salas. „Wobei das nicht bedeutet, dass unsere Kunden vorrangig behindert sind. Aber wir wollen einfach ein Hotel für alle sein." Um nicht nur als Haus attraktiver für Urlauber mit Behinderung zu werden, sondern die Insel insgesamt als Reiseziel für Behinderte zu bewerben, werde man demnächst ein Abkommen mit der Stiftung „Handisport" in Calvià schließen, die dem Hotel spezielle Sport­geräte, etwa Handbikes, zur Verfügung stellen wird.

Seinen Betrieb hat das Hotel im vergangenen Jahr aufgenommen – zunächst allerdings nur mit vier Apartments für Selbstversorger. Über den Winter wurde dann noch einmal kräftig erweitert, sieben Suiten und Zimmer sowie ein Res­taurant kamen hinzu. Im Mai dieses Jahres folgte die Wiedereröffnung. Die umfangreichen Umbaumaßnahmen, die insgesamt mit 1,2 Millionen Euro zu Buche schlugen, konnte – und musste – die Stiftung nicht alleine stemmen: 600.000 Euro wurden vom balearischen Wirtschaftsministerium, durch EU-Fördermittel, über die Sozialfonds einiger Banken und von privaten Spendern finanziert.

Zudem habe man versucht, möglichst kostengünstig zu bauen, erklärt Boni Martínez, der andere Geschäftsführer. „Wir haben
geschmackvolle Materialien ausgewählt, aber keine sündhaft teueren." Statt puren Luxus wolle man den Gästen schließlich vor allem Ruhe bieten.

Die Rechnung scheint aufzugehen: Zwischen Mai und September sei das Hotel komplett ausgebucht, sagt Martínez. „Und die Kunden sind höchst zufrieden mit unserem Service." Auf dem Online­buchungsportal booking.com haben Nutzer der komfortablen Herberge – nach ihrem Eindruck befragt – im Schnitt 9 von 10 möglichen Punkten gegeben. „Das hat sogar unsere Erwartungen übertroffen."

Das Pilotprojekt von Jaume Salas und Boni Martínez ist somit erfolgreich angelaufen, weshalb die beiden große Pläne haben: Da es auf Mallorca noch viele weitere, inzwischen nicht mehr genutzte Klöster der Franziskanerinnen gibt – mehrheitlich in den kleinen, schmucken Dörfern im Inselinneren gelegen – wollen sie expandieren. Nach und nach sollen auch die verwaisten, aber prachtvollen Bauten in anderen Orten in ­behindertenfreundliche Sozial­hotels umgewandelt werden. Bis zu zehn Herbergen – mit qualitativ hochwertigem Service und erholsamer Stille – sollen es am Ende sein.

Jaume Salas Stimme überschlägt sich schon jetzt fast vor Begeisterung, wenn er von seinen Plänen spricht. „Auf diese ­Weise schaffen wir noch mehr Arbeitsplätze für geistig Behinderte." Und zwar ohne auf Staatsgelder und Sozialhilfen angewiesen zu sein. Anders als Behindertenwerk­stätten, die die öffentliche Hand finanzieren muss, würden die Hotels Einnahmen generieren, mit denen weitere Projekte angeleitert werden können. „In Krisenzeiten muss man sich nach anderen Finanzierungs­möglichkeiten umsehen, und das hier ist ein großartiges Modell", sagt Salas.

Obendrein würde es das touristische Angebot auf Mallorca enorm bereichern. „Die Gebäude, über die wir verfügen, sind wahre Perlen, die man Gästen nicht vorenthalten sollte", schwärmt der Mallorquiner.

Weitere Informationen unter www.esconvent.org. Im Restaurant können mittwochs bis sonntags (19.30 bis 21.30 Uhr) auch Nicht-Übernachtungsgäste zu Abend essen (Buffet), Reservierung unter Tel.: 666-44 43 38 erforderlich.

Im E-Paper sowie in der Printausgabe vom 15. August (Nummer 693) lesen Sie außerdem:

- Ein Schlag gegen die Sonne: Wird Solarenergie unattraktiv?
- Gemeinsam für Ferienapartments
- Cityguide für mallorquinisches Dorf: Sineu soll bekannter werden
- Es brodelt wieder an der Playa
- Nach dem Waldbrand: Wer kümmert sich eigentlich um die Serra?

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