01. Januar 2018
01.01.2018
40 Años

Bettler in Palma: Arbeiten und arbeiten lassen

Palmas Bettler sind in Gruppen organisiert. Oftmals werden sie als Mafia bezeichnet. Kriminell aber wird es nur, wenn Personen zum Betteln gezwungen werden. Einen dieser Einzelfälle hat die Policía Nacional aufgedeckt

02.01.2018 | 09:05
An fast jeder Ampel in Palma wird gebettelt.

Ein Trampelpfad führt durch das Kiesbett neben der Ampel an der Autobahnausfahrt in Palma, die zur Redaktion der MZ führt. Passanten kommen hier nur selten lang. Zwei Männer sind für die Spur in den Steinen verantwortlich. Jeden Tag betteln sie schichtweise bei den wartenden Autos um Almosen. Sie können oder wollen nicht mit der MZ reden. „Nur Rumänisch", lautet die Standardantwort auf alle Fragen.

Die spanische Presse nennt die rumänischen Bettler abwertend eine Bettelmafia. Angeblich 95 Prozent aller Bettler in Palma seien in dieses kriminelle Netzwerk verstrickt.

Keine Mafia, sondern Familie
Die Polizei und Wohlfahrtsverbände widersprechen dem. Nicht nur auf Mallorca, auch in Deutschland. Die Kölner Caritas hat im vergangenen Oktober einen Leitfaden zum Umgang mit Bettlern herausgebracht. „Dass die meisten Südosteuropäer, die bei uns betteln, der Bettelmafia angehören oder von dieser gezwungen werden, ist ein Vorurteil. Für organisierte Bettelbanden oder die sogenannte Bettelmafia gibt es in Deutschland keine polizeilichen Belege. Es handelt sich allenfalls um Einzelfälle", heißt es darin.

Die Polizei auf Mallorca sieht das zum Teil ähnlich. „Zuerst muss man den Mafia-Begriff definieren", sagt José Manuel Jiménez, Chefermittler der Gruppe UCRIF. Diese Abteilung der Policía Nacional ist für illegale Einwanderer und Dokumentenfälschung zuständig. „Mafia ist ein Verbund von Kriminellen, die Morde, Betrügereien und Erpressungen verüben. Die Rumänen an den Ampeln töten und überfallen niemanden. Es ist ein organisiertes Betteln."

UCRIF hat zuletzt im Januar 2016 gegen die Bettler an Palmas Ampeln ermittelt. Bei der Operation „Slave" sammelten die Beamten die Bettler ein und verhörten sie auf der Dienststelle. „In Palma sind zwei bis drei Familienclans aktiv", sagt Jiménez. „Das Familienoberhaupt bestimmt, wer wo betteln geht. Die Bettler selbst fühlen sich nicht als Opfer."

Im Schnitt 15 bis 20 Euro hatten die rumänischen Bettler bei sich. „Sie sehen das Betteln als ihre Arbeit an. Beim Verhör hat sich niemand zum Betteln gezwungen gefühlt oder eine Anzeige gestellt. Da es sich um Familien handelt, glaube ich auch nicht, dass sie aus Angst gelogen haben."

Aus strafrechtlicher Sicht ist das organisierte Betteln nicht verboten. Illegal ist es, jemanden zum Betteln zu zwingen. Zudem dürfen weder Minderjährige noch Behinderte benutzt werden, um die Gutmütigkeit der Passanten zu wecken. „Bei einem Bettler auf Krücken am Paseo Marítimo hatte ich mal den Verdacht, dass die Behinderung gespielt sei", sagt Jiménez. „Ich habe ihm die Krücke weggenommen und da­rauf gewartet, dass er wegrennt. Da er sich ohne die Krücke nicht bewegen konnte, habe ich sie ihm schnell wiedergeben." Laut dem Chefermittler handelt es sich bei diesem Bettler um eines der Familienoberhäupter. „Sie wohnen im Sa-Riera-Park in Palma."

Santa Ponça statt Bahamas
Im Gegensatz zur rumänischen Familie versuchten zwei ­Bulgaren, ein kriminelles Netzwerk aufzubauen. Die professionellen Boxer im Alter von 24 und 31 Jahren hatten zwei ihrer Landsmänner im Alter von Anfang 20 zum Betteln gezwungen.

In der Nacht vom 6. auf den 7. Januar 2017 konnten die Opfer fliehen und wurden bei der Policía Nacional in Palma vorstellig. „Allerdings mussten wir erst mal einen Übersetzer finden", sagt UCRIF-Ermittlerin Laura Ron, die zu diesem Zeitpunkt Nachtdienst hatte.

„Eines der Opfer wusste überhaupt nicht, wo er ist. Die Boxer hatten ihn mit dem Versprechen gelockt, dass er auf einer Orangenplantage auf den Bahamas arbeiten würde. Er hatte sich über das kühle Wetter im Winter gewundert", sagt Ermittlerin Ron. Statt Orangenpflücken wurden die Männer gezwungen, jeden Tag von früh bis spät am Eroski in Santa Ponça zu betteln. Drei Monate lang ging das so. „Die Männer gaben an, dass sie in der Weihnachtszeit teilweise 500 Euro am Tag verdient haben. Das Geld mussten sie bei den Boxern abgeben. Wenn sie weniger als 100 Euro mit nach Hause brachten, wurden sie verprügelt."

Wobei der Begriff Zuhause relativ war. Die Männer wohnten mit den beiden Boxern zusammen. „Die Wohnung war zweigeteilt: In der einen Hälfte wohnten die beiden Opfer in einem vollgemüllten Zimmer mit Matratzen auf dem Boden. In der anderen Hälfte hatten sich die Boxer ein Luxusapartment eingerichtet. Es gab große Betten, neue Möbel und moderne Fernseher", sagt Ermittlerin Ron. Die Opfer besaßen nur ein altes Prepaid-Handy, damit sie von den Hintermännern angerufen werden konnten. „Als sie die Anzeige stellten, baten sie weinend darum, ihre Eltern anrufen zu dürfen."

Die Bulgaren kannten zwar nicht den Namen der Straße, in der sich die Wohnung befindet. Jedoch konnten sie die Beamten mit dem Auto hinführen. „Wir haben das Gebäude ein paar Tage lang observiert, um die Gewohnheiten der Boxer herauszufinden", sagt Ermittlerin Ron. Mit einer Einsatztruppe wurden beide Männer festgenommen. Im Auto fanden die Ermittler Münzen im Wert von 400 Euro, in der Wohnung 290 Euro sowie 2.265 Euro in einem Safe. Laut den Opfern hatten die Boxer zudem den Plan, noch mehr Bettler auf die Insel zu holen.

Die beiden Männer sind Anfang Oktober wegen Menschenhandels zu je fünf Jahren Haft und 6.000 Euro Schmerzensgeld verurteilt worden. Die Opfer bekamen vom spanischen Staat Rückflugtickets in ihre Heimat gestellt.

Solche negativen Beispiele sollten Passanten nicht davon abhalten, armen Menschen zu helfen, meint Marianne Jürgens, Pressesprecherin der Caritas Köln. „Unter zehn Bettlern ist höchstens ein schwarzes Schaf. Und selbst dieser Betrüger sitzt bei Wind und Wetter auf der Straße und sieht nicht wie ein Gewinner aus."

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