12. April 2018
12.04.2018
40 Años

Abriss des Drogen-Ghettos von Mallorca in der Schwebe

Eigentlich soll das Elendsviertel Son Banya am 17. April dem Erdboden gleich gemacht werden. Doch jetzt könnte sich die Aktion verschieben. Die Anwohner drohen ohnehin damit, sich gegen die Räumung "mit Stöcken und Steinen" zu wehren

18.04.2018 | 14:30
Son Banya - ein Streifzug durch Mallorcas Drogendorf

Die geplante Räumung und der Abriss von Mallorcas Drogen-Ghetto Son Banya, die eigentlich für den kommenden 17. und 18. April geplant sind, werden sich möglicherweise verschieben.

Wie das Rathaus von Palma de Mallorca am Donnerstag (12.4.) in einer Pressemitteilung bekannt gab, gibt es "bürokratische Probleme" die möglicherweise einen Aufschub des Abrisses von "mindestens einer Woche" mit sich bringen, wie Sicherheitsbeauftragte Angélica Pastor erklärt. Endgültig soll die Frage nach der Verzögerung bei einer Versammlung am Freitag (13.4.) geklärt werden. Als Erklärung schreibt das Rathaus nur: "Das Problem hängt mit einem Verzug einer Verwaltungsformalität mit der beauftragten Abrissfirma zusammen."

Seit Monaten hatte sich die Stadtverwaltung damit gebrüstet, das Elendsviertel Son Banya knapp 50 Jahre nach der Gründung endlich im April dem Erdboden gleichmachen zu wollen. Zahlreiche Bewohner hatten bereits angekündigt, sich "mit Stöcken und Steinen" dagegen zu wehren. 
   
 „Ich bin in Son Banya geboren worden, habe drei Kinder, meine ganze Familie lebt hier", sagt Bewohnerin ­Manuela Moreno bei einer von zahlreichen Anwohnern einberufenen Pressekonferenz. „Das Rathaus will uns rausschmeißen, aber das kann es nicht. „Sie sagen, es sei wegen der Drogen, aber die gibt es auch in Vierteln wie Son Gotleu oder La Soledat, und sie werden auch weiterhin verkauft werden", ereifert sich Manuela Cortés. Es sei nicht fair, alle Bewohner Son Banyas in eine Schublade zu stecken. „Wir fordern vom Rathaus, die Abrissvorhaben zu stoppen oder zumindest eine Alternative für die zu suchen, die keinerlei Hilfen beziehen", fügt sie hinzu.

In der Pressestelle des Rathauses will man von solchen Anschuldigungen nichts hören. „Wir werden niemanden auf der Straße stehen lassen", heißt es auf MZ-Anfrage. Nur eine Phrase? Von den 45 Familien, die von den Räumungs- und Abrissbeschlüssen betroffen sind, verfügen gut zwei Drittel über andere Häuser oder Wohnungen auf der Insel, in die sie ziehen können. „Bei 16 Familien ist das nicht der Fall", so eine Rathaussprecherin. Für diese soll das seit Monaten angekündigte Integrationsprogramm greifen, dass einen Neustart außerhalb des Gettos ermöglichen soll. 1.000 Euro Wohnungsgeld pro Haushalt sollen die bedürftigen Familien während der kommenden fünf Jahre bekommen. Gleichzeitig verpflichten sie sich mittels eines Sozialvertrags, die Spielregeln einzuhalten: keine Drogengeschäfte, keine anderen krummen Dinger, Wille zur Integration und strikte ­Einhaltung der Schulpflicht der Kinder.

Das Problem: Wohnungen sind in Palma mehr als knapp – erst recht, wenn man angibt, aus Son Banya zu sein. „Uns will doch niemand", sagte Bewohner Ángel bereits im Januar zur MZ, und er sollte Recht behalten. „Wir hatten sehr große Probleme, Unterkünfte für die 16 Familien zu finden", bestätigt man jetzt in der Pressestelle der Stadt. Von der Ursprungsidee, dass Brennpunktviertel wie Son Gotleu bei der Suche ausgeschlossen werden, sei man mittlerweile abgerückt. Nach einem großen Appell des Rathauses an Immobilienbesitzer, den Bewohnern von Son Banya eine Wohnung zu vermieten, wurde nur privat vermittelt. Für elf weitere Familien wurden Sozialwohnungen oder Behausungen in Gebäuden gefunden, die Banken gehören. Die restlichen vier Familien stehen bisher ohne Perspektive da. Fast. „Wir werden sie in Herbergen unterbringen, niemand muss unter der Brücke schlafen", versichert man im Rathaus.

„Wie sollen wir dort mit einem kleinen Kind hausen? Wir sind eine Familie", beschwert sich José Amaya, laut eigenen Angaben einer der Betroffenen. Wie viele der Anwohner des poblado klammert er sich an einen Hoffnungsschimmer, der den Abriss vielleicht doch noch vereiteln könnte. Man habe einen Detektiv beauftragt, der prüfen solle, ob die Abrisspläne mit dem nur fünf Gehminuten entfernten neuen Einkaufszentrum „Fan Mallorca Shopping" zu tun hätten, in dessen Nähe Son Banya noch mehr wie ein Dorn im Auge wirke. Man habe die Vermutung, das Rathaus habe verwandtschaftliche Beziehungen zu den Betreibern des Konsumtempels, beschwören die Bewohner. Bürgermeister Antoni Noguera weist die Vorwürfe von sich: „Alle wissen, dass wir immer gegen den Bau des Einkaufszentrums waren." Und gibt sich versöhnlich: „Palma ist euer Zuhause."

So unklar kurz vor dem eigentlich geplanten Abriss die Perspektiven für die Bewohner sind, so undurchsichtig scheint auch zu sein, wohin sich die Drogenverkaufspunkte verlagern werden. Denn dass der Handel mit dem Aus von Son Banya nicht beendet ist, bezweifelt niemand. Die Nationalpolizei will bereits Veränderungen der Verkaufsstrukturen beobachtet haben. Die Drogen-Clans von Son Banya zögen sich immer mehr aus der Schusslinie und beauftragten nun vermehrt Südamerikaner für den Direktkontakt mit den „Kunden".

Xavier Mesquida, der mit seinem Team von „Médicos del Mundo" regelmäßig vor dem Eingangsbereich des poblado saubere Spritzen an Drogenabhängige verteilt und dreckige einsammelt, hat dagegen nicht den Eindruck, dass sich bisher irgend etwas geändert hat. Man habe vergeblich versucht, neue Verkaufsstellen, etwa in Son Gotleu, auszumachen. „Aber bisher geht der Massenverkauf in Son Banya genauso weiter wie immer. Das ist schon komisch, eine Woche vor dem Abriss. Wo werden bald die 45.000 Spritzen weggeworfen, die wir bisher jährlich vor der Siedlung eingesammelt haben?"

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