20. Oktober 2018
20.10.2018

Wie Ärzte auf Mallorca trotz Madrider Auflagen Immigranten behandelten

Zwei Jahre lang war es auf den Balearen Pflegern und Ärzten untersagt, Ausländer ohne Aufenthaltserlaubnis zu versorgen. Sie taten
es trotzdem

20.10.2018 | 01:00
War bereits Krankenschwester und ist jetzt Uni-Professorin: Cristina Moreno

Eigentlich wollte Cristina Moreno Mulet ihre Doktorarbeit über die Gewissenskonflikte von Ärzten und Krankenschwestern schreiben, wenn es darum geht, einem todkranken Menschen die Maschinen abzustellen. Doch dann wurde im Jahr 2013 ein ihr nahestehender Mensch ernsthaft krank. Er stammt aus Bolivien und lebte zu dieser Zeit ohne Aufenthaltsgenehmigung auf Mallorca. Moreno, einst Krankenschwester, heute Professorin an der UIB, begleitete ihn zum Arzt im Gesundheitszentrum, wo beide zu hören bekamen, dass man eigentlich nichts für ihn tun dürfe. Schließlich halte er sich illegal in Spanien auf und seit Inkrafttreten eines Dekrets im Jahr 2012 seien Menschen ohne Aufenthaltserlaubnis von der Gesundheitsversorgung ausgeschlossen. Der Arzt behandelte ihn trotzdem. Moreno war beeindruckt und machte daraufhin diese kleine Rebellion zum Thema ihrer Doktorarbeit. Sie interviewte insgesamt 13 Ärzte und Krankenschwestern, die heimlich illegale Einwanderer behandelten und mit Medikamenten versorgten.

Wie haben Sie diese Menschen ausfindig gemacht?
Ich habe von der Gesundheitsbehörde die Erlaubnis beantragt, das Personal zu interviewen und Mails an Gesundheitszentren geschickt, vor allem an die Zentren in Vierteln mit einem hohen Prozentsatz von Nicht-EU-Ausländern und älteren Menschen. Bei denen ging es um die Zuzahlungen zu den Medikamenten, die ebenfalls mit dem Dekret 2012 begannen.

Wie hat das heimliche System funktioniert?
In Bezug auf die illegalen Einwanderer haben viele Gesundheitszentren ein alternatives Behandlungs-Netz geschaffen. Die Lücke im System waren die Notfälle, denn in die Notaufnahme durften auch weiterhin Menschen ohne Papiere behandelt werden. Hatte dann ein Arzt oder eine Krankenschwester einen Patienten ohne Aufenthaltserlaubnis einmal in der Notaufnahme, hat er ihn quasi festgehalten und ihm erklärt, dass er am nächsten Tag ohne Termin wiederkommen solle. Dann gab er ihm beispielsweise ein Rezept für ein Medikament mit. Illegale Einwanderer hatten sonst keinen Zugang zu verschreibungspflichtigen Medikamenten.

Hatten Ärzte und Krankenschwestern Angst, dass sie entdeckt würden?
Nein, in den Interviews habe ich bis auf eine Person alle sehr entschlossen und mutig erlebt. Ich bin mir auch sicher, dass bei der ersten Sanktion gegen einen Arzt oder eine Krankenschwester alle Kollegen auf die Straße gegangen wären. Aber es gab keinen einzigen Fall einer Sanktionierung, obwohl man bei der Regierung genau wusste, was da vor sich ging.

Was bedeutete der Tod von Alpha Pam, einem Einwanderer ohne Aufenthaltserlaubnis, der 2013 an Tuberkulose starb, nachdem er in Inca nicht behandelt wurde?
Auf den Balearen übererfüllte man zunächst das Dekret und verweigerte häufig selbst in der Notaufnahme die Behandlung, obwohl das das Dekret nicht vorsah. Nach dem Tod von Alpha Pam wurden die Vorgaben
gelockert. Auch die sogenannten Schattenrechnungen wurden nicht mehr ausgestellt. Das war im Fall von Alpha Pam das Problem: Man schrieb ihm auf einen Zettel, dass er eventuell für seine Behandlung aufkommen müsste, sollte sich herausstellen, dass es kein akuter Notfall war. Pam sah die Rechnung, verstand aber nicht, dass er nicht sofort zahlen musste, und ging ohne Behandlung.

Wie sieht die Lage im Jahr 2018 aus?
Kurz nach dem Regierungswechsel in Madrid ist im Juli ein neues Dekret in Kraft getreten, das besagt, dass wieder alle Menschen behandelt werden. Auf den Balearen ist das schon seit 2015 wieder so. Die Zuzahlung zu Medikamenten ist nicht rückgängig gemacht worden. Wobei das nicht schlecht sein muss. Wir müssen davon wegkommen, für alles Medikamente zu verschreiben. Man kann viele Dinge behandeln, indem man eine andere
Ernährung oder Bewegung verordnet.

Es gibt Menschen, die sich darüber beklagen, dass man illegale Einwanderer behandelt, und sie deshalb länger auf eine wichtige Operation warten müssen.
Das kann ich nicht verstehen. Nach meiner Auffassung sollte das Kriterium für eine Behandlung der Gesundheitszustand sein. Wir dürfen niemanden ausschließen. Hinzu kommt ja, dass viele der Illegalen Einwanderer junge gesunde Männer sind.

Haben Sie Angst, dass es wieder zu einer ähnlichen Situation kommen kann?
Wir müssen sehr aufmerksam sein in Europa. In Zeiten, in denen ultrarechte oder fremdenfeindliche Parteien zunehmend Erfolg haben, könnten derartige Gesetze wieder verabschiedet werden. Aber dann werden Ärzte und Krankenschwestern eben wieder versteckt behandeln. Das ist in ihrer DNA so verankert.

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