27. Oktober 2018
27.10.2018

Per App Hochwasser auf Mallorca vorhersagen

Messstationen und Satellitendaten: Forscher der Balearen-Universität sind an einem EU-Projekt beteiligt, das Prognose und Evakuierung ermöglichen soll

27.10.2018 | 01:00
In kurzer Zeit stieg am 9. Oktober der Wasserspiegel im Sturzbach von Sant Llorenç um fünf Meter. Die Flut riss auch zahlreiche Pkw mit sich.

„Sollte eine Evakuierung eingeleitet werden? Und wie viel Zeit bleibt, um diese auch sicher durchzuführen?" Diese Fragen soll in Zukunft eine Web- und Smartphone-Anwendung beantworten, die derzeit Forscher unter anderem auf Mallorca im Rahmen eines von der EU geförderten Projekts entwickeln. „Ein Prototyp wird bis Ende des Jahres vorliegen", erklärt Dolores Ordóñez von der Firma Anysolution in Palma, die in dem Projekt „Tribute" die Kommunikation zwischen Forschern und Politik koordiniert. Um Risiken von Überschwemmungen auf Mallorca vorherzusagen, müsse dieser Prototyp dann in einem zweiten Schritt den Gegebenheiten auf der Insel angepasst werden.

Wie bereits in dem Projekt „Treasure", bei dem ebenfalls unter Mitarbeit mallorquinischer Forscher Echtzeit-Anwendungen für Hitzewellen entwickelt wurden (MZ berichtete), geht es der EU um die Folgen des Klimawandels – um extreme Wetterereignisse und die Risiken für die Bevölkerung. „Tribute" steht für „Trigger buffers for inundation events" und läuft seit Anfang 2017. Wobei die Geografen an der Balearen-Universität seit vielen Jahren die Überschwemmungsrisiken auf der Insel erforschen, wie Joan Estrany gegenüber der MZ betont. Der Teilnehmer an dem EU-Projekt ist Mitglied der Forschungsgruppe Medhyco an der UIB, due Hydrologie und Ökogeomorphologie im Mittelmeerraum untersucht. Einfacher ausgedrückt: die Verteilung und den Fluss des Wassers sowie die durch Waldbrände, Verschmutzung oder Zersiedelung ausgelösten formbildenden Prozesse der Erdoberfläche.

Während die Anwendung für „Tribute" in Athen programmiert wird, fällt den Geografen auf Mallorca die Aufgabe zu, Daten zu sammeln und bereitzustellen. Die Balearen-Universität verfügt über ein Netz von 34 Messstationen in den Sturzbächen – allein im Torrent de Sant Miquel, der von den Quellen Ses Fonts Ufanes in der Gemeinde Campanet bis zum Feuchtgebiet S?Albufera an der Nordostküste fließt, seien es sechs Stationen, so Estrany. In die Forschungen fließen zudem Niederschlagswerte des Wetterdienstes Aemet ein sowie auch Daten von Satellitenbildern, die über überschwemmte Gebiete Auskunft geben.

Rote Linien für Evakuierung

„Wir wollen die Grundlage dafür schaffen, mit maximaler Vorlaufzeit Warnungen aussprechen zu können", so der Geograf. Da die Folgen jedoch lokal sehr unterschiedlich ausfallen, wie die Katastrophe von Sant Llorenç auf dramatische Weise gezeigt hat, spielen die sogenannten Trigger-Puffer eine zentrale Rolle: Werden diese vorab definierten Wassermengen überschritten, wird in bestimmten Gebieten eine Evakuierung empfohlen. „Wir wollen vorhersagen, wo sich das Wasser seinen Weg bahnt und ob eine Evakuierung notwendig ist", erklärt Dolores Ordóñez.

Während die Hydrologen jetzt, nach der Flutkatastrophe, im Fokus der Öffentlichkeit stehen, hätte sich Estrany mehr Interesse durch die Politik auch in der Vergangenheit gewünscht. Schon seit mehreren Jahren bemühe man sich um ein Abkommen mit dem balearischen Umweltministerium, um das Konzept für ein Warnsystem umzusetzen. Dass es nicht zustande kommt, liege vor allem an bürokratischen Fragen sowie parteiübergreifend am bislang fehlenden politischen Willen, kritisiert der Wissenschaftler.

Dabei hat die balearische Landesregierung einen Betrag von 1,2 Millionen Euro bereitgestellt, davon 762.000 Euro aus Einnahmen der Touristensteuer, um ebenfalls Daten zu erfassen und ein Frühwarnsystem einzurichten – es ist der zweite Anlauf, nachdem eine Ausschreibung 2017 ohne Erfolg geblieben war. Der Beschluss des Kabinetts vom 14. September – rund drei Wochen vor der Katastrophe von Sant Llorenç – sieht die Instandsetzung von balearenweit 21 bereits bestehenden Messstationen und die Installation von 20 neuen Stationen vor, deren Daten in Echtzeit übertragen werden. Warum keine Kooperation mit der UIB? Die Landesregierung benötige als politisch Verantwortlicher ein eigenes Vorwarnsystem, heißt es im Ministerium gegenüber der MZ. Ein Abkommen sei zudem nicht möglich, da die Universität nicht Teil der öffentlichen Verwaltung ist und es sich deswegen um eine nicht rechtmäßige Subvention handele. Die einzige Möglichkeit wäre die Teilnahme der UIB an der Ausschreibung gewesen.

Fünf Meter Anstieg in halber Stunde

Eine der Stationen der Forschungsgruppe Medhycon steht im Sturzbach Ses Planes bei Sant Llorenç. Am 9. Oktober um 18.45 Uhr maß sie laut Estrany einen Wasserstand von gerade mal einer Handbreit. Nur eine halbe Stunde später, um 19.15 Uhr, sei der Pegel auf fünf Meter angestiegen gewesen. Eine solch extreme Entwicklung erklärt der Geograf nicht nur mit der Regenmenge, die selbst für das gefürchtete Phänomen der gota fría während der Herbstgewitter außergewöhnlich groß war, sondern auch mit den Hanglagen und der Vegetation. Denn während Mallorcas Wälder im Allgemeinen üppig gewachsen sind und infolge des Niedergangs von Forstwirtschaft und Köhlerei wieder dem Zustand von vor 2.000 Jahren entsprechen, haben Waldbrände der Gegend des Llevant stark zugesetzt: Wo statt Kiefern und Steineichen nur ein paar Büsche wachsen, könne die Vegeta–tion den Lauf des Wassers kaum bremsen.

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