07. November 2018
07.11.2018

Studie gibt Tipps, wie Städte mit "overtourism" umgehen sollten

Es geht darum, die Masse an Touristen besser zu verteilen. Die UNO-Ableger World Tourism Organization hat dazu Untersuchungen angestellt. Studienleiter Dr. Ko Koens erklärt der MZ ganz konkret seine Ergebnisse

07.11.2018 | 01:00
Wie auf diesem Wimmelbild der mallorquinischen Künstlerin Tamara K. Lloyd-Cox fühlte sich manch Insel­bewohner in den vergangenen zwei Sommern.

Im September 2017 protestierten zum ersten Mal Hunderte Mallorquiner in Palma auf der Rambla gegen die Auswirkungen des Tourismus auf ihre Stadt. Auf einigen Plakaten war das Wort „overtourism" zu lesen, was grob als „Übertourismus" übersetzt werden kann. Es ist ein recht neuer Begriff, von dem die auf die Reisebranche spezialisierte New Yorker Medienagentur Skift behauptet, ihn erfunden zu haben. Sie hat ihn sich jedenfalls 2017 als Trademark schützen lassen.

„Ich glaube aber, der Begriff spukt seit 2015 durch die Medien", sagt Ko Koens, Professor für Tourismus an der niederländischen Universität Breda der MZ am Telefon. Mittlerweile ist das Schlagwort auch in Fachkreisen weit verbreitet. So weit, dass jetzt sogar die 1945 gegründete World Tourism Organization (UNWTO) bei Koen eine gleichnamige Studie in Auftrag gegeben hat. Die UNWTO, mit Sitz in Madrid, ist eine Unter­organisation der Vereinten Nationen, 158 Länder sind dort vertreten. Man sieht sich als globales Forum für tourismuspolitische Fragen.

Es geht um Lebensqualität


Die Studie konzentriert sich auf den Städte­tourismus und will Strategien im Umgang mit dem Besucherandrang aufzeigen. Von Overtourism könne die Rede sein „wenn die Auswirkungen des Tourismus die Lebensqualität der Bürger oder die Qualität der Besuchererfahrungen negativ beeinflussen", heißt es zu Beginn. Schon lange vor dem Aufkommen des Schlagwortes habe die UNWTO die Belastung eines Ortes durch den Tourismus definiert als „die maximale Anzahl von Menschen, die gleichzeitig ein Reiseziel besuchen können, ohne dass das physische, wirtschaftliche und soziokulturelle Umfeld zerstört wird", so Generalsektretär Zurab Pololikashvili in dem Vorwort der Studie.

Vielleicht kann man auch einfach sagen: Wann ist es zu viel des Guten? Denn natürlich ist nicht alles schlecht am Tourismus. „Viele Leute sehen zwar die Probleme, die vom Besucherandrang ausgelöst werden, wissen aber gleichzeitig die Vorteile zu schätzen, die eine Belebung der Städte und der Wirtschaft mit sich bringt", sagt Koens. Er und seine Mitarbeiter haben sich die Lage in Amsterdam, Barcelona, Berlin, Kopenhagen, Lissabon, München, Salzburg und Tallinn angesehen und mit Residenten, Geschäftsleuten und Politikern gesprochen. In Barcelona sei das Phänomen am extremsten gewesen, da die Einwohner sehr viel Kontakt mit Touristen haben. „Die negativen Bewertungen in den Umfragen, aber auch die positiven, waren dort stärker als in den anderen Städten."

Die Zahlen steigen


Es sind vor allem zwei Entwicklungen, mit denen sich der Städtetourismus auseinandersetzen muss. Zum einen leben immer mehr Menschen in Städten. Waren es 1990 noch 43 Prozent der Weltbevölkerung, werden es 2030 60 Prozent sein. Zugleich wächst der Tourismus. Von 25 Millionen internationalen Reisenden im Jahr 1950 ist die Zahl im Jahr 2017 auf 1,3 Milliarden hochgeschnellt. Die UNWTO rechnet mit einem jährlichen Anstieg um 3,3 Prozent, sodass im Jahr 2030 1,8 Milliarden Touristen international unterwegs sein könnten. „Solange das Einkommen weltweit steigt, wird auch der Tourismus wachsen", sagt Koens.

Um den Besucherandrang zu managen und die Vorteile für die Residenten zu maximieren, sei es wichtig, dass alle verschiedenen Interessengruppen an einen Tisch kommen. „Und das ist gar nicht so einfach, da die Interessen sehr gegensätzlich sind." Ähnlich wie in Palma, wo mit mäßigem Erfolg versucht wird, die Kreuzfahrttouristen nicht nur zur Kathedrale zu lotsen, schlägt Koens vor, die Besucher mehr über die Stadt zu verteilen. „Dazu kann gehören, dass Veranstaltungen in Teile der Stadt verlegt werden, die sonst nicht so gut besucht werden."

Allerdings müssen die Bewohner durch Infoveranstaltungen darüber informiert werden. London hat zu einer besseren Verteilung der Besucher die kostenlose Handy-App „Play London with Mr. Bean" entwickelt, mit der man Besucher zu verschiedenen Attraktionen führen kann, die nicht alle rund um den berühmten Tower liegen. Mit der App kann man Punkte sammeln, Gutscheine oder Rabatte gewinnen, die in Geschäften eingelöst werden können.

Mobilfunkdaten helfen, Besucherströme zu identifizieren

Empfehlenswert sei auch eine Überwachung der Besucherbewegungen, so Koens. Antwerpen nutze seit 2016 Daten von Mobilfunkanbietern, um den öffentlichen Verkehr in Echtzeit zu regeln. Weiterhin könne man Touristen den Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln so einfach wie möglich machen, zum Beispiel mit einer Fahrkarte, die für alle Busse und Bahnen gelte. „Das hört sich einfacher an, als es ist. In Amsterdam hat man
sieben Jahre für die Einführung eines solchen Tickets gebraucht."

Eine gute Strategie sei es auch, Attraktionen zu schaffen, die nicht nur bei Touristen, sondern auch bei Residenten gut ankommen. In Paris engagiere man Straßenkünstler, die ein wenig abseits der Hotspots für Unterhaltung sorgen. Bei der Sanierung des Hafenviertels in Lissabon habe man Einkaufsmöglichkeiten für Residenten, aber auch typische Märkte für Touristen geschaffen.

„Die Möglichkeiten, den Tourismus zu lenken, sind so vielfältig und unterschiedlich wie die Städte selbst", sagt Koens. Wichtig sei, dass man stets auf die Bedürfnisse der Residenten eingeht und sie bestenfalls stolz auf ihre Stadt sein können. Zumal der Besucherandrang ja auch Vorteile hat, wie die unter 3.200 Menschen durchgeführte Umfrage zeige. Was den meisten Residenten am Tourismus gefällt, sei die vielfältigere internationale Atmosphäre, dass es mehr Veranstaltungen in der Stadt gibt und dass historische Stadtteile instand gehalten werden.

Am negativsten beurteilten sie den Anstieg von Immobilien-, Restaurant- und Taxipreisen. Insgesamt sahen 30 Prozent der Befragten keine Notwendigkeit, den Besucherandrang generell zu stoppen. 24 Prozent gaben an, dass es sogar noch mehr Platz für mehr Besucher gäbe. „Das lässt doch hoffen, dass es genügend Spielraum gibt, um den Städtetourismus besser lenken zu können", sagt Koens.

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