10. November 2018
10.11.2018

Deutsche Hetze in Cala Ratjada

Er spricht vulgär, direkt – und diskriminiert ganze Bevölkerungsgruppen. Von Mallorca aus betreibt Aktivist Oliver Flesch einen rechts­populistischen Youtube-Kanal – auch wenn er diese Einordnung gar nicht gerne hört. Zehntausende schauen zu

10.11.2018 | 01:00
„Merkel muss weg" – Menschen wie Flesch dürften zur Rückzugsankündigung der Kanzlerin am Montag (29.10.) beigetragen haben

„Ich lebe auf Mallorca, weil es hier mehr Sonne und weniger Kopftücher gibt", sagt Oliver Flesch. Überhaupt sagt der 49-Jährige viele Sachen, die schockieren. Dass Muslime durchschnittlich einen niedrigeren IQ hätten, weil sie über Generationen Inzest betrieben. Dass er „Ekel" bekomme, wenn er sie auf der Straße sehe. „Allein schon ihre Anwesenheit." Dass das Kopftuch für ihn für ein blau geschlagenes Auge stehe. Zwar käme der Vater seines besten Freundes aus dem Iran, und ein guter Kumpel sei aus Pakistan und – nicht gläubiger– Moslem. Dennoch: „Ich würde keinen einzigen mehr reinlassen, keinen einzigen. Es sind nicht alle schlecht, aber wie willst du das trennen?" Auch dem netten Gemüsehändler von nebenan traue er nicht. „Wer weiß, wie der seine Frau behandelt?" Und überhaupt seien es ja meist die „üblichen Verdächtigen", die in Deutschland ihre Frauen vergewaltigen und ermorden: „Moslems und Afrikaner."

All das sagt der Hamburger, der seit November 2015 in Cala Ratjada lebt, offen im Gespräch mit der MZ. Und vieles davon hat er in den vergangenen Monaten so oder so ähnlich auch in den sozialen Netwerken kundgetan. Auf Youtube hat er mehr als 32.000 Abonnenten und bereits zwei Verweise bekommen, Facebook hat ihn seinen Angaben zufolge bestimmt schon 50 Mal gesperrt. „Ich habe es sogar in die „New York Times" geschafft", sagt er. Das war Anfang September, nachdem er auf seinem Youtube-Kanal mit teils fehlerhafter Berichterstattung über den Tathergang der tödlichen Messerstecherei und die darauffolgenden Hetzjagd von Rechtsextremisten in Chemnitz bei der Google-Suche zeitweise vor den Publikationen herkömmlicher Medien auftauchte.

Nein, als politisch rechts stehend will Oliver Flesch sich nicht einordnen. „Auch wenn ich immer in diese Ecke gedrängt werde." Seiner Meinung nach sind solche Einordnungen schon lange überholt. „Wir leben in einer linksfaschistischen Meinungsdiktatur", sagt er. In Deutschland sowieso. Aber auch die Balearen-Regierung sei „kommunistisch". Er selbst sei ein großer Juden- und Israelfreund. „Den Holocaust sollte man nicht leugnen", sagt er. Dass er online auch ab und an als Vaterlandsverräter beschimpft wird, weil er im Ausland lebt, störe ihn nicht. „Ich lehne Neonazis komplett ab."

„Es ist offensichtlich, dass Oliver Flesch mindestens als Rechtspopulist zu bezeichnen ist, und es ist auch wichtig, ihn so zu nennen", bewertet Götz Frommholz, Soziologe und Managing Director des gemeinnützigen und überparteilichen Think Tank „d|part". Er beobachtet zu Forschungszwecken, was am rechten Rand im Netz passiert. Flesch ist ihm dabei mehrmals aufgefallen. „Populismus zeichnet sich dadurch aus, dass komplexe Sachverhalte überspitzt und simplifiziert dargestellt und Minderheiten in einem Land stigmatisiert werden. Das ist bei Flesch klar gegeben."

Als er im November 2015 von Berlin-Neukölln nach Cala Ratjada zog, habe das „noch gar nichts mit dem Ausländerthema zu tun gehabt", sagt Flesch. Er habe Lust auf gutes Wetter und eine Veränderung gehabt, erzählt er. „Aber heute würde ich es in Deutschland gar nicht mehr aushalten." Nicht, dass er persönlich mal Probleme mit Ausländern gehabt hätte. Aber deutsche Mädchen, beteuert er, könnten „keine zehn Meter durch Neukölln gehen, ohne belästigt zu werden". Immer wieder spielt Flesch auf diese Angst an. „Mach dir Sorgen über die eine Milliarde Muslime auf der Welt, und nicht über die 300 Neonazis in Deutschland. Vor denen brauchst du keine Angst zu haben, du hast blaue Augen", rät er der MZ-Reporterin. Von Kriegen und Terror, die Menschen zur Flucht zwingen, will er nichts wissen. „Das ist doch alles Verarsche. Denen geht es allein um die Kohle."

Es seien ihre unverblümte Sprache und die an Verschwörungstheorien grenzenden Szenarien, mit denen politische Youtuber wie Flesch die Leute auf der Instinktebene abholen, so Soziologe Frommholz. Und anders als bei herkömmlichen Medien gebe es im Internet kaum Korrektive – die Rechte sei online deutlich präsenter als die Linke. „Youtube ist die größte rechtspopulistische Propaganda-Plattform", bestätigt Miro Dittrich, Monitoring- und Analyse-Fachreferent der Amadeu-Antonio-Stiftung in Berlin, der Fleschs Videos ebenfalls im Auge hat. Es gebe etwa 20 deutsche Blogger seines Kalibers, mit 32.000 Abonnenten liege Flesch im Mittelfeld. Genau wie Beauty-Influencer überzeugten Politblogger durch parasoziale Beziehungen zum Zuschauer. „Sie zeigen sich im Privatleben und bauen so Vertrauen auf", sagt Dittrich. „Das Problem ist, dass die wenigsten Internetnutzer die Kompetenz haben, nachzuprüfen, ob die Quellen, auf denen die Behauptungen gestützt sind, vertrauenswürdig sind", so Frommholz. Fakten gingen dann schnell verloren, ebenso Differenziertheit und Meinungsvielfalt.

Ob Menschen in Cala Ratjada ihn wegen seiner politischen Haltung meiden, weiß Oliver Flesch nicht. Nur wenige User würden von Mallorca aus seine Videos schauen. Er habe viele Bekannte im Ort, Spanier gehören nicht dazu. Dass er nicht integriert ist und kaum Spanisch spricht, daraus macht er keinen Hehl. Er fühle sich hier als Gast und benehme sich, darauf komme es an.

Flesch postet viele Videos von der AfD. Sie ist für ihn „die einzige Alternative". Auch mit der unter Wissenschaftlern als rechtsextrem geltenden Identitären Bewegung, die die „europäische Kultur" von der „Islamisierung" bedroht sieht, sympathisiert er. Es sei ein „absoluter Skandal", dass sie vom Verfassungsschutz beobachtet wird.

In den 80er-Jahren, erzählt Flesch, sei er mal „ganz links" gewesen. „Mein Vater war Antifaschist und saß drei Jahre im KZ. Aber ich bin mir sicher, dass er heute auf meiner Seite kämpfen würde." Zwischen 1994 und 2003 war Flesch als Journalist tätig, bei der „Hamburger Morgenpost", bei der „Bild-Zeitung", bei der „Neuen Revue". Intellektuell sei er nicht. Sein salopper Schreibstil kommt an, das zeigen ein Blick auf den Sex-Blog „Wahre Männer – Liebe, Lust & Populärkultur für böse Mädchen und große Jungs", den er seit 2012 betreibt, und der Erfolg seines ersten Buches – „Let the good times roll!", über einen Hamburger Musikmanager – das es 2006 in die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Heute sieht sich Flesch nicht als Journalist, sondern als Aktivist. „In den Massenmedien ist alles zensiert", behauptet er. Dass Angela Merkels Flüchtlings-Agenda vor allem 2015 und 2016 unkritisch begleitet wurde, ist für ihn eine Tatsache. Obwohl einige Medien mittlerweile „schon besser" berichteten als noch 2015. „Heute kann ich Flüchtlings- und Islamkritik jeden Tag aus dem Mainstream bestücken."

Einwanderungskritisch sei er schon lange gewesen, berichtet Flesch. „Aufgewacht" sei er aber durch den „Grabsch-Holocaust", damals, Silvester 2015, auf der Domplatte in Köln. Anfangs sei er bei Youtube als „Wutbürger hoch zehn" aufgetreten. Mittlerweile habe er seine härtesten Videos aus dem Netz genommen, wolle sich nun breiter aufstellen, auch über andere Themen reden. Hunde oder seine Auswanderung zum Beispiel. „Ich bin vorsichtiger geworden, halte mich jetzt auch zurück", sagt er. Ein dritter Verweis bei Youtube würde eine Löschung seines Kanals bedeuten – und den Verlust sämtlicher Abonnenten. Natürlich wolle er weiter Menschen von seinen Ansichten überzeugen. „Das ist einer der Gründe, warum ich nicht mit Neonazis in Verbindung gebracht werden möchte, weil ich ganz genau weiß, dass ich dann keinen überzeugen kann."

Es sei schwer, auszumachen, wie viele Menschen tatsächlich von Fleschs Ideen beeinflusst sind, so Frommholz. Die Abo-Zahlen seien mit Vorsicht zu genießen. Nachgewiesen sei jedoch, dass rechte Akteure wie AfD und Pegida sich ohne die sozialen Medien nie so hätten formieren können. Und dass sie längst die Mitte der Gesellschaft erreichten. Deshalb sei es wichtig, die Existenz politischer Youtuber wie Oliver Flesch ernst zu nehmen. „Und es ist wichtig, etwas dagegen zu tun." In Online-Diskussionen einzugreifen, diskriminierende Inhalte zu melden. Kurz: dagegenzuhalten.

MZ-Kommentar: Das geht auch uns auf Mallorca etwas an!

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