22. Dezember 2018
22.12.2018

Gewalt vorbeugen: Warum Spanien weiter ist als Deutschland

Auf Mallorca und dem spanischen Festland gibt es längst Handlungsprotokolle, um Frauen zu schützen, denen häusliche Gewalt droht. In Deutschland ist das noch Wunschdenken

22.12.2018 | 01:00
Häusliche Gewalt: In Deutschland wird sie erst jetzt stärker thematisiert

Im Mai 2016 erstattet eine Frau bei der Guardia Civil Anzeige gegen ihren gewalttätigen Mann. Wenige Stunden später ersticht er sie auf ihrem Balkon in Port de Pollença. Im November 2018 zeigt die 36-Jährige Sacramento Roca ihren Exfreund wegen Belästigung an – und stirbt vier Tage später, nachdem er ihr an ihrem Arbeitsplatz, einem Möbelhaus in Palma, tödliche Stichwunden zufügte.

Verónica Domingo beharrt trotzdem auf ihrem Standpunkt: „Wenn auf Mallorca eine Frau aufgelöst auf der Wache erscheint, weil sie häusliche Gewalt erfahren hat, dann weiß der diensthabende Beamte in der Regel genau, was er zu tun hat." Domingo gehört dem speziellen Einsatzteam zum Schutz von Frauen und Minderjährigen der Guardia Civil auf den Balearen an. „Auf jeder Wache auf den Inseln gibt es Beamte, die wir auf den Umgang mit diesen Fällen vorbereitet haben", sagt Domingo. Ausnahmen bestätigten die Regel.

Alles ist genau vorgeschrieben: der Umgang mit den Opfern, die Identifizierung der Delikte als Geschlechtergewalt (violencia de género), die Einstufung des Gefährdungsgrads und die Weiterleitung an spezialisierte Untersuchungsrichter, die je nach Gefährdungsgrad innerhalb von kürzester Zeit Präventionsmaßnahmen wie ein Näherungsverbot für den mutmaßlichen Täter oder im Extremfall sogar Rund-um-die-Uhr-Personenschutz für das Opfer erwirken.

Auch die Nationalpolizei und Palmas Ortspolizei haben Sondergruppen, die auf Geschlechtergewalt spezialisiert sind. Rosa Cursach, Leiterin des Fraueninstituts auf den Balearen: „Schon seit Jahren existieren Handlungsprotokolle für verschiedene Institutionen, die von der Landesregierung erarbeitet worden sind".

Damit sind die Balearen und Spanien schon wesentlich weiter als Deutschland. Polizei und Justiz sind dort weit davon entfernt, über klare Handlungsvorschriften zur Prävention und Umgang mit Geschlechtergewalt zu verfügen. Das zeigt das Beispiel von Kriminalhauptkommissarin Monika Holtkamp. Das Präventionsteam bei der Polizeiinspektion Osnabrück besteht allein aus ihr. Trotzdem gilt das „Osnabrücker Modell" in vielen Landkreisen als Vorbild für die Prävention häuslicher Gewalt. „2014 hatte ich nach über 25 Jahren von Fällen mit Mord und Totschlag
genug. Ich dachte mir, man muss doch etwas tun können, bevor man die Frauen tot da liegen hat", sagt Monika Holtkamp der MZ am Telefon. Sie erarbeitete einen Fragenkatalog, mit dem eingestuft werden soll, ob und wie stark eine Frau gefährdet ist. Die Kriminalhauptkommissarin orientierte sich dabei an einem Fragebogen aus den USA, auf den Balearen wird mit einer ähnlichen Liste gearbeitet.

Das Konzept ging auf: Keine der seit 2015 mit dem Katalog als „gefährdet" eingestuften Frauen wurde seither in Osnabrück und Umgebung getötet, die Kooperation mit Rettungskräften, Beratungsstellen und Anlaufstellen für Frauen funktioniert gut. Zahlreiche andere Kreispolizeien wollen sich nun an Holtkamps Leitlinien orientieren. „Ich hoffe, dass die Politik bald endlich verpflichtende und flächendeckende Handlungsvorschriften vorgibt, das würde vieles erleichtern", so Holtkamp. Grund genug gäbe es gleich in zweierlei Hinsicht: Zum einen, weil laut Bundeskriminalamt im Jahr 2017 in Deutschland 147 Frauen von ihnen nahestehenden Männen getötet worden sind. Zum anderen, weil Deutschland im Oktober 2017 endlich die Istanbul-Konvention des Europarats ratifiziert hat – dreieinhalb Jahre nach Spanien. Das internationale Abkommen mit rechtlich bindender Wirkung verpflichtet die unterzeichnenden Staaten dazu, auf allen staatlichen Ebenen alles dafür zu tun, dass Gewalt gegen Frauen bekämpft und Betroffenen Schutz geboten wird.

Holtkamp glaubt, dass die Politik in Deutschland dem Thema auch deshalb so wenig Priorität einräumt, weil der gesellschaftliche Druck fehlt. „Von Einbruchszahlen ist jeden Tag in der Zeitung zu lesen, dabei gibt es viel mehr Fälle von häuslicher Gewalt. Erst in letzter Zeit habe ich das Gefühl, dass sich ein bisschen etwas bewegt." Demonstrationen und Schweigeminuten nach jedem Fall von häuslicher Gewalt, wie sie in Spanien üblich sind, gibt es in Deutschland nicht. Dabei ist die Zahl der Todesopfer als Folge von Geschlechtergewalt in Spanien mit 51 getöteten Frauen im Jahr 2017 deutlich geringer – auch, wenn man bedenkt, dass Spanien nur gut halb so viele Einwohner hat wie Deutschland.
„Wir sind sicherlich fortschrittlich, was Vorgaben und Hilfsmaßnahmen angeht, trotzdem liegt noch viel Arbeit vor uns", bewertet Rosa Cursach vom balearischen Fraueninstitut. Zwar würde anders als in Deutschland seit Jahren jeder Fall systematisch und flächendeckend analysiert, um die Prävention zu verbessern, und sei dieses Jahr auf den Balearen nur ein Todesopfer als Folge von Geschlechtergewalt zu beklagen gewesen.

„Aber das ist ein Opfer zu viel und hätte verhindert werden können." Es gebe eben immer noch Einsatzkräfte, die nicht geschult seien, um die akute Gefährdung einer Frau schnell zu erfassen. „Daran müssen wir weiterarbeiten. Denn die frühe Erkennung ist letztlich entscheidend."

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