19. Juli 2019
19.07.2019

Neuer Tourismusminister auf Mallorca: "Das Thema Exzesse steht an erster Stelle"

Iago Negueruela über den Umgang mit den Saufurlaubern, Rückgänge bei den Buchungen im Sommer und Strategien gegen Airbnb

19.07.2019 | 01:00
Verlagert die Schaltzentrale vom Arbeits- ins Tourismusministerium: Iago Negueruela.

Die Balearen machen jetzt Tourismuspolitik mit galicischem Akzent: Das schwergewichtige Ressort hat der bisherige und künftige Arbeitsminister Iago Negueruela dazubekommen – der Nordspanier ist jetzt „Superminister" in Francina Armengols zweiter Linksregierung. Gleichzeitig wechselt das Ministerium von der linksökologischen Regionalpartei Més zu den Sozialisten. Negueruela kann offenbar ganz gut mit den Hoteliers, als Arbeitsminister vermittelte er einen Tarifvertrag, der 17 Prozent mehr Gehalt in vier Jahren für die Angestellten im Gastgewerbe vorsieht. Deutschland kennt der 39-Jährige bislang von Besuchen in Berlin und Nordrhein-Westfalen.

In Galicien gibt es nur eine sehr kurze Hauptsaison. Können Sie die Klagen auf Mallorca über die ungleiche Verteilung der Urlauberzahlen im Sommer und Winter überhaupt nachvollziehen?
Es regnet nicht nach jedermanns Geschmack, besagt ein spanisches Sprichwort – man kann es nicht allen recht machen. Während andere Regionen wie Galicien vor allem auf die Hauptsaison setzen müssen, können die Balearen noch viel mehr aus der Nebensaison machen. Wir werden die Strategie der vergangenen Jahre fortsetzen, das heißt, auf die Nebensaison setzen und unser Angebot diversifizieren.

Im Winter haben die Balearen dieses Jahr zugelegt, die Aussichten für die Hochsaison sind jedoch durchwachsen.
Im Mai gab es einen Rückgang von weniger als zwei Prozent. In den ersten fünf Monaten liegen wir jedoch im Vergleich zum Vorjahreszeitraum im Plus. Leichte Rückgänge sind angesichts der bisherigen Rekordzahlen akzeptabel. Bei der Zahl der Sozialversicherten im Gastgewerbe stellen wir weiterhin Monat für Monat neue Rekorde auf, im vergangenen Monat waren es 580.000 Menschen. Das ist ein ausgesprochen guter Wert.

Bei der Zahl der deutschen Urlauber gehen aber auch die offiziellen Prognosen von einem Minus von acht Prozent in dieser Hochsaison aus. Diese Zielgruppe entdeckt offenbar wieder die Konkurrenz.
Das mag sein, aber wir legen andererseits im innerspanischen Tourismus zu, dank der wirtschaftlichen Erholung. Natürlich sind Reiseziele wie die Türkei oder Tunesien, die sich derzeit erholen, unsere Mitbewerber. Aber wenn in Ländern die Gefahren von Bürgerkrieg oder Terror schwinden, ist das eine gute Nachricht. Der gesamte Mittelmeerraum steht geopolitisch besser da. Weltweit legt der Tourismus weiter zu, es gibt mehr Urlauber zu verteilen.

Wenn von Rückgängen von bis zu 30 Prozent in den Hotels zu lesen ist, handelt es sich um Panikmache?
Die Flughafen-Zahlen sind bislang positiv, auch wenn sicherlich nicht alle Besucher in den Hotels absteigen. Und auch im Monat Mai, für den die Prognosen zunächst schlecht aussahen, ist die Urlauberzahl nur leicht zurückgegangen. Wenn wir keine Einbußen bei der Rentabilität haben, stehen wir nicht schlecht da.

Um wie viel Prozent müsste die Urlauberzahl sinken, dass Sie sich Sorgen machen?
Haben Sie bitte Verständnis, dass ich so kurz nach meinem Amtsantritt noch keine konkrete Zahl sagen kann. Wenn vor drei Jahren Urlauber wegen der Krisen andernorts nach Mallorca auswichen, ist es normal, dass sich diese Situation jetzt wieder ausgleicht. Mallorca ist ein optimales, sicheres Reiseziel – wenn wir auf Qualität setzen, müssen wir die Konkurrenz nicht fürchten.

Die Hoteliers fordern mehr Handlungsspielraum bei Investitionen in die Qualität. Werden Sie Zugeständnisse machen und wieder zusätzliche Stockwerke erlauben, wenn im Gegenzug die Zahl der Sterne aufgestockt wird?
Wir haben genügend Gästeplätze. Diese Regierung erlaubt zwar keine zusätzlichen Stockwerke mehr. Wir haben aber eine Bestimmung erlassen, die Investitionen zur Sanierung erleichtert. Nun müssen wir sehen, wie viele Anträge bis zum Saisonende für Modernisierungsarbeiten eingehen.

Sie schließen also Zugeständnisse an die Hoteliers nicht aus?
Wir müssen schauen, wie es läuft. Dann muss man sehen, inwieweit Dinge, die nicht funktionieren, nachjustiert werden. Die Bestimmung zur Erleichterung der Investitionen ist erst seit gut einem Jahr in Kraft.

Haben die Hoteliers schon bei Ihnen vorgefühlt, ob man nicht die Touristensteuer etwas absenken kann?
Die Abgabe ist für uns von grundlegender Bedeutung und hat sich inzwischen konsolidiert. Mehrere Studien haben bestätigt, dass die Abgabe keinerlei Auswirkungen auf die Tourismuswirtschaft hat – sie macht schließlich nur einen kleinen Teil der Ausgaben eines Urlaubers aus.

Schließen Sie eine Absenkung also aus?
Ja, ein solcher Vorschlag ist nicht auf dem Tisch. Wir werden aber prüfen, wie sich die Verwendung der Gelder aus der Touristensteuer optimieren lässt.

Damit die Verteilung – anders als bislang – auch die Hoteliers zufriedenstellt?
Die Frage lautet: Was ist nötig für den Tourismus und was nicht? Ich bin der Meinung, dass Umwelt- und Landschaftsschutz dem Tourismus dienen. Dasselbe gilt für die Berufsausbildung, etwa im Fall der Tourismusschule auf Ibiza. Aber natürlich lässt sich darüber reden, ob wir mehr Geld für die Modernisierung von in die Jahre gekommenen Tourismuszonen bereitstellen müssen – auch, weil zugesagte Mittel der Zentralregierung auf sich warten lassen.

Sie haben als Arbeitsminister einen Tarifvertrag für vier Jahre in der Hotellerie vermittelt. Haben Sie sich als nächstes vorgenommen, Hoteliers und Umweltverbände in der Kommission für die Touristensteuer zu versöhnen?
Das wird schwieriger sein als bei den Tarifverhandlungen. Denn dabei muss am Ende immer eine Einigung stehen. Ich würde mir wünschen, dass dieses Ziel bei allen Verhandlungen wichtiger ist, als sich hinter einem Nein zu verbarrikadieren.

Für die meisten Schlagzeilen in dieser Legislaturperiode dürften Sie mit dem Gesetzesvorhaben sorgen, das gegen Exzesse im Tourismus angehen soll. Was genau planen Sie?
Das Thema steht an erster Stelle des Kapitels Tourismus in unserem Koalitionsvertrag. Nötig ist dafür eine öffentliche Debatte mit der gesamten Branche – Hoteliers, Gewerkschaften, Gastronomie, Einzelhandel, Nachtleben. Exzesse von Urlaubern finden nicht nur in den Hotels statt, auch wenn bestimmte All-inclusive-Angebote sie fördern dürften. Des Weiteren haben wir eine Zonen-Lösung geplant – die Probleme treten in bestimmten Gebieten auf, schaden aber dem Ansehen der gesamten Balearen im Ausland. Dagegen will diese Regierung angehen, etwa mit der Reglementierung des Alkoholverkaufs, von Öffnungszeiten, von Angeboten in Hotels.

Was heißt das konkret für All-inclusive?
Das Gesetz betrifft nur bestimmte Aspekte dieser Angebote. Für mich steht an erster Stelle, die Problemzonen zu definieren, auf Mallorca gibt es da ganz klar zwei (Playa de Palma und Magaluf, Anm. d. Red.). Wir können nicht zulassen, dass dort zu jeder Tageszeit Unmengen von Alkohol zu Dumping-Preisen unter die Leute kommen. Deswegen müssen wir auch Angebote wie Pub-Crawling limitieren, die zu einem Alkoholkonsum bis zum Umfallen in den teilnehmenden Bars führen. Das hat sonst Folgen für die öffentliche Ordnung, die Sicherheit und das gesellschaftliche Miteinander. Einen solchen Tourismus wollen wir nicht.

Inspektionen und Strafen müssen aber die Anbieter fürchten, und nicht etwa die Urlauber, oder?
Wir wollen konsequent die Kommerzialisierung bestimmter Angebote im weitesten Sinne regulieren. Wenn wir etwas erreichen wollen, müssen wir bei den Anbietern statt bei den Kunden ansetzen.

Da werden sich aber die Inspektoren im Tourismusministerium freuen, die schon jetzt mit der Kontrolle der Ferienvermietung heillos überfordert sind. Im Gegensatz zu den Arbeitsinspektoren machen sie bislang keine gute Figur.
Das ist ein wichtiger Aspekt. Im Arbeitsministerium konnten wir nur deswegen ein gesondertes Inspektionsprogramm auflegen, weil die Zentralregierung Inspektoren aus anderen Regionen auf die Balearen schickt. Denn in diesem Bereich hat auch Madrid Zuständigkeiten. Nur so konnten wir auf zusätzliche Leute zurückgreifen. Im Tourismus dagegen ist allein die Landesregierung zuständig, und die Einstellung neuer Mitarbeiter ist infolge der Sparauflagen aus der Zeit der Krise sehr kompliziert. Hinzu kommen juristische Aspekte: Dürfen nur Beamte Sanktionen aussprechen?

Warum nicht die Synergien nutzen, wenn jetzt Arbeits- und Tourismusministerium zusammengehören?
Das geht leider nicht. Die Inspektoren haben jeweils ihre eigenen Kenntnisse und Zuständigkeiten. Beim Kampf gegen Exzesse sind aber nicht nur Inspektoren des Tourismusministeriums zuständig – etwa, wenn es um die Öffnungszeiten geht.

Das Portal Airbnb lässt sich auch nicht durch Rekordstrafen davon abhalten, weiterhin nicht zugelassene Ferienwohnungen anzubieten. Was ist Ihr Konzept, um den Konzern in die Schranken zu weisen?
Wir müssen uns erneut mit Airbnb zusammensetzen und klarmachen, was der gesetzliche Rahmen ist. Ein Unternehmen kann nicht permanent gegen das Gesetz verstoßen. Es ist ein Problem, das wir auch bei anderen Internetplattformen wie Google, Facebook oder Whatsapp beobachten können. Sie nehmen eine beherrschende Stellung in einem Markt ein, und gleichzeitig fehlt es an Normen, die Monopole einschränken. Der Kapitalismus neigt nun einmal zu Monopolen, und die demokratisch gewählten Regierungen müssen die Kontrolle zurückgewinnen. Wenn Airbnb die Gesetze nicht respektiert, müssen wir härtere Maßnahmen ergreifen.

Wo macht der neue balearische Tourismusminister Urlaub?
In den vergangenen Jahren hatte ich wenig Urlaub. Wenn ich mal eine Woche frei habe, bin ich in Nordspanien, um meine Familie und meine Freunde zu sehen.

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