29. August 2019
29.08.2019

Wie konnte es zu dem Hubschrauber-Crash über Mallorca kommen?

Sieben Menschen sterben bei der Kollision eines Hubschraubers und eines Ultraleichtfliegers bei Inca. Die Piloten flogen auf Sicht, was das Unglück begünstigt haben könnte

29.08.2019 | 01:00
Reste des Ultraleichtfliegers.

Was genau geschehen ist an jenem Sonntag (25.8.) am Himmel zwischen Inca und Costitx, wird wohl erst in ein paar Monaten genau geklärt werden können. Um 13.36 Uhr waren bei strahlendem Sonnenschein ein Hubschrauber und ein Ultraleichtflugzeug in einer Höhe von rund 250 Metern kollidiert und unmittelbar darauf in zwei Fincas zwischen dem Camí del Pou d'en Tarí und dem Camí Vell de Costitx gestürzt. Dabei starben die fünf Insassen des Hubschraubers ebenso wie die beiden Männer, die im Ultraleichtflieger gesessen hatten. Überlebende gab es nicht.

Über die genaue Unfallursache kann bisher nur spekuliert werden. Klar ist, dass sich die beiden Piloten übersehen haben müssen. Nach Informationen der MZ-Schwesterzeitung „Diario de Mallorca" war es das erste Mal in der Geschichte der spanischen Luftfahrt, dass zwei Maschinen im Flug zusammenstießen. Nach Zeugenaussagen berührte ein Rotorblatt des Hubschraubers einen Flügel des vom Flugplatz in Binissalem aus gestarteten Ultraleichtflugzeuges, der daraufhin zerbrach, was zum Absturz führte. Der Hubschrauber verlor seinen Rotor und prallte ebenfalls auf den Boden.

Erfahrene Piloten können auch Tage nach dem Unglück immer noch kaum glauben, was da passiert ist. Von einem schrecklichen Zufall sprechen die meisten. Einem Zufall, den es eigentlich gar nicht geben darf. Denn just zu der Zeit, als die beiden Maschinen kollidierten, war nach Informationen des „Diario de Mallorca" am Himmel über der ganzen Insel kein weiteres Kleinflugzeug unterwegs.

Anwohner berichten unterdessen, dass es nur eine Frage der Zeit gewesen sei, dass es zu einem solchen Unfall komme. Wer sich an sonnigen Wochenenden in der Einflugschneise von Son Bonet aufhält, der könnte tatsächlich das Gefühl bekommen, auf der Insel flögen sehr viele Menschen aus Vergnügen durch die Lüfte.

Pablo Ruiz, Verantwortlicher des Flugplatzes in Binissalem, reagiert gereizt auf solche Vermutungen. „Wenn wir alle Kleinflugzeuge, Leichtflugzeuge und sonstige Fluggeräte auf Mallorca zusammenzählen, dann kommen wir vielleicht auf 20. Sagen Sie mir doch, ob das für ein Territorium wie Mallorca viel ist." Ruiz rechnet dafür die drei Flugplätze Son Bonet, Binissalem und Vilafranca de Bonany zusammen. Eine deutsche Hubschrauberpilotin geht davon aus, dass es zusätzlich noch rund zwölf bis 15 Helikopter auf Mallorca gibt. „Davon fliegen allerdings maximal fünf bis sechs pro Tag." Dazu kommen Flugschüler, die ihre Runden drehen, sowie vor allem im Sommer die Flugzeuge der Forstbehörde Ibanat, die auf der Insel Waldbrände aufspüren und löschen sollen.

Das klingt zunächst nicht nach einer akuten Verkehrsüberlastung am Himmel. Schaut man sich allerdings die Statistik von Son Bonet an, fällt auf, dass die Zahl der Flüge von Marratxí aus in der jüngeren Vergangenheit geradezu explosionsartig zunimmt. Nach den aktuellen Statistiken von Aena für die Monate Januar bis Juli 2019 gab es in Son Bonet 8.343 Flugbewegungen. Das entspricht 24,6 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Son Bonet steht damit immerhin an 25. Stelle aller Flughäfen in Spanien, noch vor den Airports von Asturien, Almeria oder San Sebastián. Noch deutlicher wird das Wachstum bei der Zahl der beförderten Passagi­ere. Die stieg in den ersten sieben Monaten des Jahres nämlich um 214 Prozent im Vergleich zum Vorjahr auf 2.953 an – der prozentual mit Abstand stärkste Zuwachs aller Flughäfen in Spanien. Allein im Juli verzeichnete Son Bonet 886 Fluggäste,

71 Prozent mehr als im Juli 2018. Bereits im vergangenen Jahr war die Passagierzahl um knapp 38 Prozent im Vergleich zu 2017 nach oben geschnellt. Ein ehemaliger Hobbypilot erzählt der MZ, dass in Son Bonet lange Zeit vor allem die Mallorquiner abhoben. In jüngerer Vergangenheit allerdings habe die Zahl der touristischen Flüge, vor allem die der Rundflüge über die Insel, stark zugenommen.

Son Bonet funktioniert nach den seit 2014 europaweit vereinheitlichten Sichtflugregeln, den sogenannten VFR (visual flight rules). Das heißt, es findet keine Instrumentenüberwachung der Flugbewegungen statt. Die Piloten gehen nach dem Prinzip „See and Avoid" (Sehen und Ausweichen) vor.

Zusätzlich sind sie angehalten, über ihre Radiofunkgeräte immer wieder ihre Position und Flugrichtung durchzugeben. Das allerdings ist nicht vorgeschrieben. Zumal es verschiedene Frequenzen gibt. Lediglich in direkter Nachbarschaft von Son Bonet ist es üblich, sich über die Frequenz 123,50 zu verständigen. Weitere Vorschriften für den Sichtflug sind, dass die Piloten eine Höhe von 300 Metern (1.000 Fuß) nicht überschreiten dürfen und angehalten sind, auch in etwa auf dieser Höhe zu fliegen. Deutlich niedriger ist es nur über unbewohntem Gebiet erlaubt.

Die Erfahrung zeigt, dass diese Vorschriften normalerweise ausreichen, um Unfälle zu verhindern. Doch nach der Tragödie in Inca wurden auf der Insel Stimmen laut, die neue Sicherheitsmaßnahmen fordern. Pablo Ruiz vom Flugplatz in Binissalem hat dazu eine klare Meinung: „Das ist nicht nötig und gar nicht möglich. Grenzenlose Sicherheit hat eben auch einen grenzenlosen Preis."

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