30. November 2019
30.11.2019

Die Türkei zieht bei der Touristensteuer nach

Das balearische Vorbild macht Schule: Nach Griechenland will jetzt auch die Türkei eine Touristensteuer einführen

30.11.2019 | 01:00
Könnte auch Mallorca sein: Yacht vor Alanya.

Den Inselhoteliers dürften langsam aber sicher die Argumente gegen die Steuer für nachhaltigen Tourismus ausgehen. Der Wettbewerbsnachteil gegenüber den anderen Urlaubsländern im Mittelmeerraum war stets eines der Hauptargumente gegen die Abgabe. Doch besagte Mitbewerber lassen sich sukzessive von der problemlosen Einführung und vor allem von den generierten Einnahmen inspirieren - und ziehen nach. Während in Griechenland schon 2018 eine Touristensteuer eingeführt wurde, deren Tarife nahezu identisch mit denen waren, die auf den Balearen galten, will jetzt auch der türkische Staat am wieder aufblühenden Tourismusgeschäft des Landes teilhaben.

Denn nach einem deutlichen Einbruch der Besucherzahlen 2016 geht es seitdem wieder steil nach oben. 2018 lag die Zahl der internationalen Besucher bei 39,48 Millionen, in den ersten neun Monaten 2019 wurden bereits 36,4 Millionen Urlauber gezählt - dem türkischen Tourismusministerium zufolge sind das 14,5 Prozent mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Von diesem Wachstum soll nun auch das Finanzamt profitieren. Wie die Tageszeitung „Hürriyet" berichtet, präsentierte der stellvertretende Fraktionsvorsitzende von Ministerpräsident Erdogans regierender Partei AKP, Mehmet Mu?, Ende Oktober ein ganzes Paket neuer Steuern - darunter auch eine Übernachtungsabgabe für Urlauber, die der Zeitung zufolge ab April 2020 erhoben werden soll.

Die deutsche Tourismus-Fachzeitschrift „fvw" berichtete Anfang November ausführlich über die im türkischen Parlament ­vorgestellte Übernachtungssteuer. 18 Lira (2,80 Euro) solle sie pro Person und Tag in Fünf-Sterne-Hotels betragen, 12 Lira in Vier-Sterne-Hotels, 9 in Drei-Sterne-Hotels und 6 Lira (80 Cent) in den einfachsten Herbergen, Aparthotels oder auf Campingplätzen. Ebenfalls wie auf den Inseln sollen Kinder von der Steuer befreit sein, allerdings nur bis zum ­Alter von zwölf Jahren und nicht wie auf den Balearen bis 16.

Dem Fachblatt zufolge könnte der türkische Staat mit den so gestaffelten Tarifen bis zu 2,5 Milliarden Lira (an die 400 Millionen Euro) einnehmen. Nicht zuletzt deshalb, weil in der Türkei mittlerweile ein Großteil der Hotels zum gehobenen Segment gehört: Von den 144 Millionen Übernachtungen, die 2018 im ganzen Land verbucht wurden, fanden 80 Millionen in Fünf-Sterne-Häusern und ­weitere 36 Millionen Übernachtungen in Vier-Sterne-Hotels statt.

Mittlerweile scheint der - erwartbare - Protest der türkischen Hoteliers aber bereits zu einer Änderung der Pläne geführt zu haben. Die Tourismusverbände der großen Urlauberregionen wie Antalya hatten der „fvw" zu­folge unmittelbar nach Bekanntwerden der neuen Abgabe Bedenken angemeldet und ­unter anderem gefordert, die Einführung erst einmal zu verschieben. Die Unternehmer waren bereits im Oktober vom Tourismusminister Mehmet Ersoy zu Kasse gebeten worden: Um eine neue nationale Tourismusmarketing-Agentur zu finanzieren, sind Hotels und andere Tourismusbetriebe neuerdings verpflichtet, 0,75 Prozent ihres Umsatzes in einen entsprechenden Fonds zu investieren.

Wie das unabhängige Online-Portal „Ahval" am 4. November berichtete, befürchteten die Hoteliers vor allem die Auswirkungen auf den innertürkischen Tourismus. Während die gehobenen Etablissements vorwiegend von ausländischen Besuchern gebucht werden, wählen die Türken für den Urlaub im Heimatland meist einfachere Hotels der Drei-Sterne-Kategorie - und in diesem Segment könne die ursprünglich geplante Abgabe die Übernachtung um satte 30 Prozent verteuern.

Am vergangenen Donnerstag (14.11.) lenkte die Regierung Erdogan ein. Statt der kategorieabhängigen Tarife soll nun ein fester Prozentsatz auf den Übernachtungspreis fällig werden, berichtet „Hürriyet". Finanzexperte Evren Özmen bestätigte der MZ gegenüber die neuen Pläne. „Selbst für uns Türken ist es gerade schwierig, bei den ganzen Änderungen den Überblick zu behalten", scherzt der in Istanbul ansässige Wirtschaftsprüfer. Letzten Informationen zufolge beträgt die Steuer laut Özmen nun zwei Prozent des Übernachtungspreises. Urlaubern müssen sie bei der Endabrechnung ihres Aufenthaltes zahlen. „Dazu kommt noch die Mehrwertsteuer von acht Prozent. Bei einem Zimmerpreis von 100 Lira kommen also 2 Lira Übernachtungssteuer und 8 Lira Mehrwertsteuer hinzu."

Özmen zufolge werden die zwei Prozent aber nicht ausschließlich auf Übernachtungen, sondern auf alle touristischen Dienstleistungen fällig. Auch Essen und Trinken, Ausflüge oder andere Aktivitäten sowie der Besuch von Pool, Strand oder Thermalbad werden, sofern kostenpflichtig, mit der Steuer belegt.

Wie „Hürriyet" im September berichtete, rechnet die Regierung für 2020 mit einem Umsatz im Tourismus in Höhe von 38 Milliarden US-Dollar (34 Milliarden Euro), für 2021 würden gar 42 Milliarden US-Dollar (38 Milliarden Euro) angestrebt. Bei einer Abgabe von nur zwei Prozent kämen da nächstes Jahr sogar 760 Millionen Euro zusammen. Wenn denn die Steuer nicht - wie von den türkischen Hoteliers befürchtet - zu einem Rückgang der Nachfrage führt. Auf den Balearen ist die Zahl der Besucher drei Jahre nach der Einführung der Steuer stabil geblieben und hat sich sogar 2017 und 2018 leicht erhöht.

Wofür diese Steuereinnahmen in der ­Türkei dann verwendet werden, darüber ist übrigens nichts bekannt. Über eine wie auf den Inseln zumindest theoretische Reinvestition in den Tourismus beziehungsweise einen Ausgleich für die durch das Urlaubsgeschäft verursachten Umweltbelastungen spricht in der Türkei derzeit niemand.

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