15. März 2020
15.03.2020

Deutschlands führender Klimaforscher und der Mallorca-Urlaub

Hans Joachim Schellnhuber über die Lehren aus der Corona-Krise, die Zukunft des Reisens und warum wir einen Paradigmenwechsel in unseren Fluggewohnheiten brauchen

15.03.2020 | 01:00
„Jeder Reisende, der viel Treibhausgas-Ausstoß verursacht, muss sehen: Er zerstört, was er liebt": Hans Joachim Schellnhuber.

Die Tourismusbranche steht nicht nur aufgrund des Coronavirus in diesem Jahr vor großen Herausforderungen. Vor allem Fluggesellschaften müssen sich für ihren Beitrag zur Erd-erwärmung rechtfertigen. Auch Professor Hans Joachim Schellnhuber sieht die Branche in der Pflicht. Der Gründer und Direktor Emeritus des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) beriet lange Zeit Kanzlerin Angela Merkel in Klimafragen. Der 69-Jährige ist der Vater des sogenannten „Zwei-Grad-Ziels", dem Bestreben, die Erde bis zum Jahr 2100 nicht um mehr als zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Wert zu erwärmen.

Die ITB ist wegen des Coronavirus abgesagt. Bedauern Sie, in Berlin nicht vor der versammelten Reisebranche sprechen zu können?
Ja, denn das ist stets ein interessantes Treffen. Vor allem auch eine große Bühne, auf der über die Zukunftsperspektiven der Branche diskutiert werden kann. Und dabei schiebt sich ja immer mehr das Thema Nachhaltigkeit ins Zentrum.

Die Buchungen, auch auf Mallorca, gehen aufgrund der Angst vor dem Virus, stark zurück, Flüge werden gestrichen. Das dürfte ja in Ihrem Sinne als Klimaforscher sein?
Diese Frage ist etwas zynisch. Niemand will kurzfristiges menschliches Leid, eine Krankheit, gegen langfristiges, die Umweltzerstörung, ausspielen. Die Flugtätigkeit wird ja auch sofort wieder einsetzen, wenn die Epidemie eingedämmt ist. Aber die Corona-Krise demonstriert uns auf krasse Weise, wie verwundbar das globale System ist. Ein weiterer Grund dafür, nicht einfach weiterzumachen wie bisher.

Andererseits könnte man sagen, der Tourismus ist nur für acht Prozent der weltweiten Treibhausgase verantwortlich. So viel ist das ja nicht.
Das gilt aber für jede Branche. Auch die Bauwirtschaft ist lange Zeit unter dem Radar der Wissenschaftler durchgeflogen, verursacht aber grob zehn Prozent der klimarelevanten Emissionen. Diese Dinge summieren sich. Und vor allem: Wenn es so weitergeht mit den Trends, wenn immer mehr Menschen aus den Schwellenländern Reisen unternehmen, was ja ihr gutes Recht ist, dann stehen wir erst am Anfang einer Tourismusmaschinerie, die ihre besten Destinationen selbst in Gefahr bringt. Wenn die Korallenriffe absterben, ist der Tauchtourismus auch tot; wenn in Australien die Wälder brennen und Bilder von verkohlten Kängurus um die Welt gehen, dann fährt da niemand mehr hin. Gerade in Australien wurde in der Vergangenheit stets versucht, die Klimadebatte unter den Teppich zu kehren. Aber just dort gibt es mit dem Great Barrier Reef ein einmaliges Naturwunder, das extrem gefährdet ist. Jetzt beginnt dort die Debatte - also erst, wo man schon in den Abgrund blickt.

Welchen Beitrag muss der Tourismus aus Ihrer Sicht im Kampf gegen die globale Erwärmung leisten?
Man sollte unbedingt darüber diskutieren, welche Preise die Tourismusunternehmen nehmen müssen, damit sie nachhaltiger arbeiten können. Man muss versuchen, die Transportmittel möglichst schnell klimaneutral zu machen. Das ist ein langer Weg, aber es ist vorstellbar, das bis 2050 zu erreichen. Außerdem ist eine Abkehr vom Mehr-Mehr-Mehr meiner Meinung nach unvermeidlich, wenn man den Tourismus retten will. Overtourism und Instant Tourism sind für die Branche ähnlich gefährlich wie der Klimawandel. Der Anspruch, quasi überall auf der Welt zu nahezu Nullkosten sofort aufschlagen zu können, ist gefährlicher Schwachsinn. Es muss eine kluge Bewirtschaftung der knappen Ressource „Reiseerlebnis" erfolgen, und das möglichst klimaneutral.

Sie fordern, Kurz- und Mittelstreckenflüge abzuschaffen. Das wäre das Ende des Mallorca-Tourismus.
Abschaffen ist eine Möglichkeit, saubere Treibstoffe für Flugzeuge entwickeln eine andere. Die Flugpreise müssen endlich die Wahrheit sagen, also die Kosten für Umwelt und Gesundheit miteinbeziehen und sichtbar machen. Wir müssen Übergangsstrategien nutzen, also etwa die Emissionen von Flügen kompensieren durch Emissionsminderungen anderswo, was aber selbstverständlich auch Geld kostet. Wir müssen andere Systeme ausbauen, um vor allem Kurzstreckenflüge überflüssig zu machen. Wir brauchen ein gut ausgebautes Hoch-
geschwindigkeitsnetz der Bahn quer durch Europa. Möglichkeiten gibt es viele. Nur eine Möglichkeit gibt es nicht: einfach weitermachen wie bisher.

Das wäre ein kompletter Paradigmenwechsel. Mal schnell ein Wochenende auf Mallorca wäre dann nicht mehr denkbar.
Ich kann es ja verstehen, wenn jemand für drei Tage mal raus will aus dem Alltag und in den Urlaub fliegt. Aber jeder Reisende, der viel Treibhausgas-Ausstoß verursacht, muss sehen: Er zerstört, was er liebt. Wer die Schönheit Mallorcas bewundert, muss sie bewahren helfen! Dafür müssen wir aber unser Klima stabilisieren, und das heißt: die Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts auf netto null senken. Dafür muss Reisen auch langsamer werden, das ist richtig. Aber es ist doch auch schade, eine Insel wie Mallorca in drei Tagen zu konsumieren. Es wäre schön, wenn man wirklich mal drei Wochen bliebe. Ich glaube nicht, dass dieses Hop-on Hop-off schlussendlich glücklich macht. Mallorca kann langfristig nur als Tourismusziel überleben, wenn sich die Verantwortlichen darüber Gedanken machen. Es ist in erster Linie nicht das Problem der Nachfrage, sondern des Angebots. Man muss mit weniger Urlaubern und weniger Reisen mehr Geld verdienen.

Von den Vielfliegern einmal abgesehen: Wie schädlich ist es denn, wenn eine vierköpfige Familie einmal im Jahr nach Mallorca in den Urlaub fliegt? Müsste man ihr auch dieses eine Mal verbieten?
Wenn wir wirklich ernst nehmen würden, was wir Klimaforscher ausrechnen, müssten wir spätestens 2040 dazu kommen, dass wir pro Jahr nur noch durchschnittlich zwei Tonnen CO2 pro Kopf in der Atmosphäre deponieren. Momentan sind es in Deutschland neun Tonnen. Wenn wir rechnen, dass eine Reise nach Mallorca und zurück insgesamt etwa eine Tonne verbraucht, dann darf sich die Familie dieses eine Mal gerade noch erlauben. Klimatechnisch ist das noch keine Todsünde. Da gibt es ja leider ganz andere Beispiele. Ich habe mal einen Manager kennengelernt, der auf seiner Finca auf Menorca lebte und von dort jeden Tag mit dem Flugzeug ins Büro nach London gependelt ist. Von diesen Exzessen müssen wir wegkommen. So etwas ist auch zutiefst undemokratisch. Dieser Mann hat in einem Jahr das CO2-Kontingent von hundert Familien verbraucht.

Welche Optionen haben wir? Sie fordern einen anderen Narrativ des Reisens. Was meinen Sie damit?
Wir sind in eine Spirale gekommen, aus der wir schwer wieder herausfinden. Ich bin 1950 geboren und habe meine erste Flugreise im Jahr 1974 gemacht. Aber ich hatte auch davor schon wunderbare Reiseerlebnisse, etwa im Bayerischen Wald oder am Chiemsee. Wir müssen alle regionaler, langsamer und länger reisen. Der Glücksgewinn ist wahrscheinlich sogar höher, wenn wir uns von dem Narrativ abwenden können, uns spontan einen Flug nach New York zu gönnen, dort auf der Fifth Avenue ein paar Klamotten einzukaufen und am nächsten Tag wieder zurückzufliegen. Oder nehmen Sie viele Asiaten. Die können nicht wirklich glücklich darüber sein, fünf Tage lang durch Europa getrieben zu werden. Die Leute sehen sich überhaupt nicht mehr um, sondern machen nur noch Fotos - und selbst die werden zwar verschickt, aber vermutlich nie angeschaut.

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