11. April 2020
11.04.2020
Mallorca Zeitung

Der Flughafen auf Mallorca bietet einen "gespenstischen Ausblick"

Der Flugverkehr in Palma ist um 99,3 Prozent eingebrochen. Marga Riosalido, die Sprecherin der balearischen Fluglotsen, über den Umgang mit dem Stillstand

11.04.2020 | 01:00
Marga Riosalido arbeitet seit 18 Jahren in der Luftraumüberwachung.

Der Passagierverkehr auf den Flughäfen der Balearen ist innerhalb eines Monats um 99,3 Prozent eingebrochen. Son Sant Joan zählte am 31. März 380 Passagiere, am Vorjahrestag waren es 60.398 Reisende. Marga Riosalido (Wien, 1972) ist Sprecherin der Fluglotsengewerkschaft (USCA) auf den Balearen. Sie beschreibt die Arbeit an einem Geisterflughafen.

Wie ist die Situation am Flughafen?
Der Verkehr ist drastisch zurückgegangen. Im Sommer teilen wir den Luftraum je nach Intensität des Flugverkehrs in fünf Sektoren ein. Jetzt haben wir nur noch einen.

Nur einen Sektor für die ganzen Balearen?
Ja. Der Flugverkehr ist vergleichbar mit dem, den wir sonst nachts haben – es gibt kaum welchen. Was ankommt, sind Frachtflugzeuge, etliche, ein Inlandsflug pro Tag und Ziel, medizinische Flüge...In einem normalen Sommer ist das undenkbar. Da haben wir tausend Operationen am Tag.

Ist es normal, dass so viel Fracht mit dem Flugzeug gebracht wird?
Ja, wenn auch der größte Teil die Insel per Schiff erreicht. Mit den Flugzeugen kommen solche Lieferungen meist in den frühen Morgenstunden an. In der Regel landen jede Nacht vier oder fünf Frachtflugzeuge.

Wie hat sich die Arbeit im Kontrollzentrum verändert?
Wir versuchen, die Schichtwechsel zu minimieren, um die Kontakte zwischen den Teams so gering wie möglich zu halten. Jeder achtet auf die Desinfektion. Die Sitze sind mit Plastik geschützt, die Leute kommen mit Atemschutzmasken und desinfizieren ihre Helme, wenn sie welche tragen. Wir arbeiten in Zwölf-Stunden-Schichten anstatt wie sonst in Acht-Stunden-Schichten, um weniger zu wechseln. Aufgrund der strengen Protokolle von Enaire haben wir es geschafft, dass es bislang keinen Coronavirus-Fall bei uns gab. Zwar mussten einige in Quarantäne, nachdem sie Kontakt mit möglichen Infizierten hatten, aber es wurde niemand positiv getestet. Wir sind eine sehr wichtige Berufsgruppe für die Inseln, und wir halten durch.

Gab es Protokolle, die Sie für eine Pandemie vorbereitet hätten?
Auch wir haben uns an diese Situation anpassen müssen. Niemand hat sich das vorstellen können, und es wurden so schnell wie nur möglich Maßnahmen ergriffen, die sehr effektiv gegriffen haben. Vor einem Monat hätten wir das nicht für nötig gehalten.

Wird es bei Ihnen Freistellungen oder Kurzarbeit geben?
Das kann ich noch nicht sagen. Wir konzentrieren uns weiter auf unsere Arbeit. Seit vielen Jahren hat es keine Aufstockung des Personals gegeben, wir waren zu wenige. Wir sollten an den Mitarbeitern festhalten und die notwendigen Vorkehrungen treffen, um den wieder aufkommenden Flugverkehr bewältigen zu können. Ich glaube nicht, dass wir es uns leisten können, Personal dort abzubauen, wo es eh schon dünn gesät ist.

Wie sieht es mit der Überalterung der Belegschaft aus?
Das Durchschnittsalter liegt bei ungefähr 55 Jahren. In anderen Ländern gehen Fluglotsen in diesem Alter in Rente, bei uns wird man erst mit 67 Jahren in Pension geschickt. Im höheren Alter wird es schwieriger, die harten Nachtschichten zu überstehen. Dieser Beruf sollte nicht bis ans Limit des Machbaren betrieben werden. Während der Pandemie wurde der Einsatz der über 60-Jährigen zurückgefahren, um Risiken zu vermeiden.

Greift das Militär in die Luftraumüberwachung ein?
Nein, sie verstehen sehr gut, dass sie nicht einfach so die Luftraumüberwachung übernehmen können. Die Einarbeitung und Übergabe würde viel Zeit erfordern. Es ist bisher auch noch nie vorgekommen, dass Soldaten von einem Tag auf den anderen die Kontrollbefugnisse übernommen haben. Das wird sicher nicht passieren.

Es gibt aber Absprachen?
Wir kommunizieren ständig miteinander und werden das ganze Jahr über in ihre Vorhaben eingebunden. Wenn sie eine Übung veranstalten, schließen wir den Luftraum über dem Gebiet des Manövers. Sie bekommen jedwede Unterstützung, die sie brauchen. Das wird sich niemals ändern und jetzt erst recht nicht.

Wie erleben Sie derzeit den Ausblick vom Tower?
Es gibt null Bewegungen. Einige Airlines haben ihre Flugzeuge hier geparkt. Vom Tower aus ist es ein gespenstischer Ausblick. Es erinnert mich an den Vulkanausbruch in Island vor einigen Jahren. Das war damals ähnlich. Der Stillstand, die plötzliche Stille.

Gibt es Flüge, die nur aus Wartungsgründen durchgeführt werden?
Hier nicht. Ich habe gehört, dass das in Barcelona vorkommt. Dazu muss man wissen, dass ein Flugzeug am Boden nicht nur teuer ist, weil es kein Geld einfliegt. Wenn ein Flugzeug lange steht, sind teure und intensive Wartungsarbeiten erforderlich.

Um die Weihnachtszeit herum war die Erweiterung des Flughafens ein großes Thema. Jetzt nicht mehr?
Dazu können wir nichts sagen. Wir Fluglotsen haben unsere persönliche Meinung, was die Zunahme des Tourismus angeht.

Was ist Ihre Meinung?
Der Tourismus ist ein bisschen exzessiv geworden. Man sollte den Zustrom begrenzen, die Ressourcen sind limitiert. Gleichzeitig realisieren wir gerade wieder einmal, wie sehr wir vom Tourismus abhängen. Die Besucherzahlen müssen wieder steigen, aber auf rationale Art und Weise, mit ein wenig Rücksicht auf die Umwelt.

Es wurden bewegende Abschiede zwischen Piloten und Flughafenlotsen beobachtet. Wie sind die Beziehungen?
Sie sind sehr eng. Wenn es ein Problem mit den Fluggesellschaften gibt, muntern wir sie auf. Wir sitzen im gleichen Boot und erleben sehr schwierige, persönliche Momente. Hoffen wir, dass bald alles wieder gut wird.

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