23. Mai 2020
23.05.2020
Mallorca Zeitung

Zurück zu den Ursprüngen im Mühlenviertel Es Jonquet in Palma de Mallorca?

Um den traditionellen Charakter der Zone zu erhalten, sollen nicht nur zwei Discos weichen

23.05.2020 | 01:00
Wer wohl bald die Aussicht von der Sala Luna und dem Sabotage aus aufs Meer genießen darf?

Als Marta Rodríguez die Nachricht über die baldige Schließung ihrer zwei Lieblingsdiskotheken in Palma de Mallorca in ihrer WhatsApp-Gruppe teilt, ist die Empörung bei ihren Freunden groß. Mit Sätzen wie „Das kann nicht sein", „Schließen sie für immer?" und mehreren Smileys mit Tränen in den Augen kommentieren sie die Neuigkeiten. Seit Jahren waren die Sala Luna-La Demence und vor allem das Sabotage im Mühlenviertel Es Jonquet oberhalb von Palma de Mallorcas Paseo Marítimo freitags und samstags Martas fester Treffpunkt und Synonym für Spaß, Tanzen zu alternativer Musik sowie unvergessliche Erinnerungen an durchfeierte Nächte. Nun sollen die Lokale aus einem der ältesten Viertel der Stadt weichen.

Das sieht unter anderem der neue Denkmalschutzplan der Stadtverwaltung vor. Schon seit Jahren diskutieren Anwohner, ­Lokalbetreiber und Stadtpolitiker über die Umgestaltung des barrio, der 2009 unter Denkmalschutz (Bien de Interés Cultural) gestellt wurde. Um seinen traditionellen Charakter zu erhalten, will das Rathaus nun endlich die ­traditionsreichen Windmühlen, die die Nachtlokale beherbergen, restaurieren und höchstens Restaurants in ihrem Innern dulden, aber keine Discos. Die derzeitigen Betreiber müssen zudem alle Bauelemente an der Fassade entfernen, die nicht zu dem ursprünglichen Gebäude gehören. Bereits verhindert wurde ein vor Jahren geplantes unterirdisches Einkaufszentrum. Eine ebenfalls geplante Tief­garage darf nur mit 122 statt der ursprünglich 368 konzipierten Stellflächen gebaut werden.

Wie Arenal und Magaluf?


Stefan Werner lebt seit 20 Jahren auf der Insel und seit zwei Jahren direkt in der an die Plaça Vapor angrenzenden Straße Carrer de Cabrinetty. Wie wohl die Mehrheit der Anwohner hat er vor allem die Nachricht über das Aus der Diskotheken mit Interesse gelesen. „Ich habe schon oft gehört, dass die Clubs zumachen sollen", so Werner. „Ich glaube es aber erst, wenn sie tatsächlich geschlossen sind, worüber ich mich sehr freuen würde." Vor allem seit im Rahmen des tardeo auch am Samstagnachmittag dort gefeiert wird, hätten die Drogen-, ­Fäkalien- und Lärmprobleme zugenommen. „Schon ab 16.30 Uhr standen die Leute regelmäßig um mein Haus herum Schlange. Die meisten von ihnen waren zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich angetrunken, erleichterten sich dann zwischen den Autos oder an den Häuserwänden", erzählt Werner.

Obwohl er gut isolierende Fenster habe, höre er regelmäßig bis 6 Uhr morgens die ­Bässe der Musik. Meist zwei- bis dreimal pro Stunde sei er nachts aufgewacht. Am nächsten Morgen habe er nicht selten ausnüchternde Partygäste vorgefunden – solche, die mit neuen Bekanntschaften auf den Autos der Anwohner zugange waren, auch Flaschen und Becher oder Kokainreste auf dem Fensterbrett zeugten von der Nacht. „Ich gönne den Menschen ihren Spaß, aber sie sollten die Feierei nicht mit Respektlosigkeit verwechseln", appelliert Werner, der am Wochenende regelmäßig nach Sa Ràpita geflohen ist. Einen Großteil der geplanten Vorhaben der Stadtverwaltung findet der Deutsche sinnvoll. Allerdings müssten sich die Behörden auch fragen lassen, warum sie zwar oft über die Zustände in den Touristenhochburgen Arenal und Magaluf schimpften, aber zu wenig gegen ähnliche Szenen von Einheimischen in Es Jonquet vorgingen.

Nachtleben gab es dort immer


Zumindest mit Lärmproblemen dürften die Anwohner des Mühlenviertels schon Mitte der 60er-Jahre zu tun gehabt haben. Schon damals entwickelte sich der barrio rund um die Plaça Vapor in den Sommermonaten zum Hotspot des städtischen Nachtlebens. Zunächst hatte sich dort Anfang der 50er-Jahre in einer der Mühlen das Restaurant mit Showbühne Jack El Negro niedergelassen. Dank des Lokals, dessen Name auf den gleichnamigen in Palma ­gedrehten Film anspielt, wurde das Gebiet ­zunächst vor allem bei Touristen des gegenüberliegenden Yachthafens bekannt. Mitte der 60er-Jahre eröffneten immer mehr Diskotheken und Nachtlokale rund um die Plaça ­Vapor, die ihren Namen von einem Schiff hat, das man damals von dort aus nach Barcelona aufbrechen oder ankommen sehen konnte. Jack El Negro ging später an den „Discokönig" ­Bartolomé Cursach über, der daraus die Disco Abraxas machte. Im Erdgeschoss lag das nicht weniger bekannte JB, in dem langsame Musik aus den Lautsprechern ertönte.

Weitere Namen, an die sich ältere Mallorquiner erinnern, lauten: Whisky a Fru-Fru, ­Babel's, Cerebro, Griffins oder Art Decó. Die meisten der Lokale waren nicht zuletzt wegen des Blicks auf den Paseo Marítimo und das Meer bei ihren Besuchern beliebt. Doch der ist schon seit Jahren durch eine eingezogene Mauer und den Anbau an eine der Mühlen versperrt. Auf der Plattform change.org (https://www.change.org/p/ajuntament-de-palma-obrim-la-pla%C3%A7a-del-vapor-del-jonquet-palma?fbclid=IwAR0EXmW64qv-SUpfYO4xU7n4tpf4Lo41iLSVvUnbstgPULwhVyYS55ZppAM) sammeln die Anwohner von Es Jonquet daher Unterschriften dafür, dass die Plaça Vapor im Rahmen der Umgestaltung wieder zum Meer hin geöffnet wird und nicht zweigeteilt bleibt. Immerhin mehr als 200 Personen haben bisher an der ­Aktion teilgenommen.

Am Dienstagabend (12.5.) sieht an den beiden Nachtclubs an der Plaza Vapor nur wenig nach Schließung aus. An der Sala Luna weist ein Schild darauf hin, dass Events wegen ­Covid-19 verschoben seien. Am zweiten Lokal gibt es keinerlei Hinweise. In der Nähe sitzen, wie sonst auch, Gruppen Jugendlicher ­herum. Eine Familie lehnt über der Brüstung und ­genießt den Ausblick aufs Meer. Es riecht gerade nicht nach Urin, sondern nach Salzwasser. Plötzlich kommen aus der Sala Luna vier ­Bauarbeiter heraus. Es bleibt unklar, ob sie am Ausräumen sind oder das Lokal auf die Wiedereröffnung vorbereiten.

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