10. Juli 2020
10.07.2020
Mallorca Zeitung

Kuriere auf Mallorca: Ausgebeutet oder doch eher privilegiert?

Die Boten von Portalen wie Glovo und Deliveroo begehren auch in Palma de Mallorca auf. Das Kuriose: Sie sind nicht für eine Festanstellung, sondern dagegen

10.07.2020 | 01:00
Ein Demonstrant bei den Protesten der Rider am 26. Juni in Palma de Mallorca

Sie sind aus dem Stadtbild von Palma de Mallorca seit einigen Jahren nicht wegzudenken, die Kuriere mit ihren Fahrrädern oder Mopeds, die durch die Balearen-Hauptstadt fahren und Essen, Medikamente, Supermarkteinkäufe oder andere Lieferungen in ihren Rucksäcken zu Privatleuten bringen. Ihre Aufträge bekommen die sogenannten „Riders" zumeist von großen digitalen Portalen wie Glovo, Deliveroo oder Uber Eats. Seit Jahren befassen sich Gerichte mit dem Online-Business, einige Urteile kritisieren die prekären Arbeitsbedingungen der freischaffenden Boten als gesetzeswidrig, andere Urteile sehen keinerlei Probleme. Jetzt haben sich rund 70 von etwa 150 Riders in Palma zu Protestaktionen zusammengefunden – gleichzeitig gab es ähnliche Rider-Demonstrationen in anderen spanischen Städten.

Das Kuriose: Die Kuriere kämpfen nicht für eine Festanstellung, sondern dagegen. „Es ist schlimm. Alle haben immer das Bild des armen Verteilers im Kopf, der ohnehin nur ausgebeutet wird und sich kaputt schuftet, dabei geht es uns gut mit unserem Status als Selbstständige. Wir wären schlimm dran, wenn wir angestellt wären", sagt Sergio Bueno. Er ist der Sprecher des Netzwerks repartidoresunidos.org und lebt selbst seit Jahren davon, in Palma Botengänge zu erledigen, die ihm auf seinem Smartphone durch die bekannten Online-Portale aufgetragen werden.

„Wir sind nicht gegen die Portale, die uns angeblich ausbeuten, sondern gegen die spanische Regierung, die Glovo, Deliveroo und Co dazu zwingen will, uns feste Arbeitsverträge zu machen", sagt Bueno mit Nachdruck. Tatsächlich hat die Zentralregierung im Juni ihr Vorhaben publik gemacht, der problematischen Verbreitung der falsos autónomos – also der Scheinselbstständigen – im Metier der Online-Botendienste ein Ende setzen zu wollen. Scheinselbstständig deshalb, weil, wie einige Gerichtsurteile belegen, viele der Riders fast ausschließlich für ein Portal arbeiten und deswegen ein Anrecht auf die vermeintlichen Vorzüge des Angestellten haben. Grundlage für den Regierungsvorstoß war ein Treffen der spanischen Arbeitsministerin Yolanda Díaz mit Vertretern von RidersXDerechos, einem Zusammenschluss selbstständiger Riders.

„Wie viele Rider in ganz Spanien sind wir der Meinung, dass die Leute von RidersXDerechos überhaupt nicht repräsentativ für unser Metier sind", so Sergio Bueno. Es handele sich vielmehr um größtenteils ehemalige Boten, die den großen Portalen eins auswischen wollen. „Wir fordern von der Regierung, dass sie endlich uns Ridern zuhört, die wie wir wirklich in dieser Branche tätig sind. Dann würden sie feststellen, dass sie uns mit ihren Plänen nur schaden", so Bueno weiter.

Er kann mit der Vorstellung, bald ein festes Gehalt zu beziehen und geregelte Arbeitszeiten zu haben, nicht viel anfangen. „Das klingt toll, aber wir wissen doch, wie die Realität ist. Das sieht man doch bei Firmen wie Telepizza oder Justeat. Die stellen ihre Zusteller fest an, aber sie arbeiten zu viel schlechteren Bedingungen als wir Selbstständigen und verdienen obendrein weniger Geld", lamentiert Bueno.

Er ist sich sicher: Nur als Selbstständiger könne er auch in Zukunft weiter die Freiheiten seines Jobs genießen, die ihn derzeit so attraktiv machten. „Ich arbeite, so viel ich will und wann ich will. Wenn es mir passt, mache ich ganz viele Aufträge, verdiene gut und kann dann ein paar Tage entspannen", sagt er. Wie viel genau er denn verdient, möchte er nicht erläutern. „Aber es ist mehr als ein Durchschnittsgehalt auf der Insel", behauptet er.

Dass die Welt der Riders tatsächlich so rosig sein soll, wie die Demonstranten es behaupten, bezweifelt Ana Landero von der Gewerkschaft UGT in Palma. „Bei uns sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Beschwerden von Riders eingegangen, die sich über die Ausbeutung seitens der ditigalen Portale beschweren", so Landero. Als Gewerkschaft stehe man hinter dem Vorhaben der Regierung, die Firmen dazu zu zwingen, Leute, die regelmäßig für sie arbeiten, endlich fest unter Vertrag zu nehmen. „Das Fundament, auf dem die Auftragsvergabe basiert, ist nicht für die Selbstständigkeit ausgelegt. Der Rider hat eben keine Freiheit, er muss Aufträge annehmen, um nicht von der Boten-Liste gestrichen zu werden, und darf in keiner Weise über sein Gehalt mitbestimmen. Zudem hat er keine Sicherheiten bei Arbeitsunfällen oder Verdienstausfällen durch Krankheit", so Landero weiter. Davon abgesehen erschlichen sich die Portale unrechtmäßige Vorteile gegenüber Konkurrenten mit angestellten Zulieferern. „Letztlich käme es den Arbeitern zugute, wenn sie angestellt wären, schließlich gibt es Tarifverträge für Kurierdienstleistende, und es gibt durchaus Firmen, die diese auch einhalten."

Dass trotzdem spanienweit Hunderte Rider gegen die Festverträge auf die Straßen gegangen sind, findet Landero schwer nachvollziehbar. Die Gewerkschafterin vermutet, dass bei vielen der Riders, die derzeit demonstrieren, Angst mit hineinspielen könnte, dass sie die schlechte Arbeit, die sie derzeit haben, auch noch verlieren könnten.

„Wenn die Regierung die Portale zwingt, uns anzustellen, dann werden einige Firmen das Land vielleicht ganz verlassen, und dann stehen wir ohne Arbeit da. Und so oder so werden weniger Rider benötigt, wenn es Festverträge gibt", so Demonstrant Sergio Bueno. Er wolle nicht abstreiten, dass einige Dinge verbesserungswürdig seien, räumt er dann doch ein. „Ich hätte gerne bezahlte Urlaubstage und würde eine Vereinheitlichung der Gehälter begrüßen. Aber das ist ein anderes Thema. Vor allem will ich selbstständig bleiben."

Bueno wirft dem Staat vor, vor allem an die eigenen Einnahmen zu denken. „Als autónomo zahlen wir nur 60 Euro Gebühr im Monat. Wären wir dagegen angestellt, würde die Firma weit mehr für uns an die Seguridad Social zahlen müssen." Letztlich, findet er, müsse ein Mittelweg her, ein neues Konzept für digitale Kuriere. „Sie sollen uns einfach mal zuhören. Das wäre der erste Schritt."

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