17. Juli 2020
17.07.2020
Mallorca Zeitung

Baubranche auf Mallorca blickt mit Sorge auf den Herbst

Noch herrscht allenthalben Betrieb auf Baustellen. Aber der Einbruch ist bereits absehbar

17.07.2020 | 01:00
In Nou Llevant, einem Viertel im Osten von Palma, entstehen zurzeit mehrere Wohnanlagen.

Es wird gehämmert, gefräst, gebaggert und gemauert, was das Zeug hält. Für die Bauwirtschaft auf Mallorca, so scheint es, ist das Wort Corona-Krise ein Fremdwort. Die großen Neubauten von Mehrfamilienhäusern in Palma, speziell nahe dem Kongresszentrum, zahlreiche Einfamilien- und Reihenhäuser vor den ­Toren der Stadt, so etwa in Marratxí, oder auch Luxusprojekte an den Küsten von Calvià und Andratx weisen auf volle Auftragsbücher hin. Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Denn ab Herbst dürften die Betonmischer vielerorts wieder stillstehen.

„Es ist richtig, dass wir zurzeit nicht über einen Mangel an Arbeit klagen können", sagt Tolo Mayol, der Vizepräsident der Bauträgervereinigung auf Mallorca, Proinba. Die Nachfrage auf der Insel sei - nicht zuletzt aufgrund der bis vor Kurzem zunehmenden Bevölkerungszahl - hoch. Vor allem suchten viele Menschen bezahlbaren Wohnraum in der Stadt oder in der Nähe von Palma.

Zudem ist das üblicherweise im Sommer herrschende Bauverbot in touristischen Gebieten in diesem Jahr aufgehoben worden, um die durch den Lockdown verlorene Zeit wieder aufzuholen und die Bauarbeiter wieder in Lohn und Brot zu bringen. An einigen Orten zum Leidwesen der Anwohner. So beklagt sich ein MZ-Leser, der in der Siedlung Gotmar nahe Port de Pollença lebt, dass die Bagger am ­dortigen Hang nicht mehr stillstehen. Viele Wohnungen werden vor allem in den Sommermonaten von ihren Zweithausbesitzern aufgesucht. Und die, so befürchtet der Leser, könnten durch den Baulärm abgeschreckt werden. Derzeit würden mehrere Aushübe im Fels bewerkstelligt, die teilweise bis zu 100 Dezibel laut gewesen seien. Das habe er ­eigenhändig gemessen.

Der MZ-Leser wird den Lärm womöglich nicht allzu lange ertragen müssen. Im Herbst werden die im Bau befindlichen Projekte vielerorts abgeschlossen werden. Und es fehlen Folgeaufträge. „Es wird zu einer Vollbremsung bei der Bautätigkeit kommen", sagt Mayol, der hauptberuflich als Anwalt und Berater von Immobilienfirmen tätig ist und daher täglich im Kontakt mit zahlreichen Unternehmern steht. „Es gibt keine neuen Projekte, die Unsicherheit in der Branche ist riesig." So gut wie kein Bauträger riskiere, sein Geld in dieser Situation auf drei Jahre zu binden. So lange dauert derzeit im Schnitt ein Projekt von der Planung über die Lizenz bis hin zur Fertigstellung.

Zum einen wisse niemand, wie es mit der Pandemie und der wirtschaftlichen Situation auf der Insel weitergehe. „Die Bauträger beginnen natürlich keine neuen Projekte, wenn sie nicht wissen, ob der potenzielle Kunde sie überhaupt bezahlen kann", sagt Mayol.

Die Telefone vieler Bauunternehmer stünden so still wie nie zuvor, sagt Oliver Girharz, Projektmanager beim Unternehmen Matrol. Er steht mit einigen Bauträgern auf der Insel im Kontakt, die ihm ihr Leid klagen. Und ­Girharz sieht ein weiteres Problem: „Die ­Monate des Lockdowns sind eine Zeit, die uns im kommenden Jahr fehlen wird." Seiner ­Erfahrung nach materialisieren sich Kontakte zu Investoren oder Privatkunden erst nach rund eineinhalb Jahren in einem Auftrag, so dass es spätestens ab Herbst 2021 zu einem Loch kommen dürfte.

Ein weiteres Problem ist, dass die Banken, die in den vergangenen Jahren aufgrund günstiger Zinsen und einer verbesserten wirtschaftlichen Lage auf den Inseln wieder bereitwilliger Kredite verteilten, ebenfalls eine Vollbremsung hingelegt haben. „Wer in Kurzarbeit war, der muss sich erst gar nicht die Mühe machen, eine Hypothek zu beantragen. Die Banken werden sie ihm ohnehin verweigern", sagt Tolo Mayol.

Und wenn die Banken nicht mitmachen, dann sieht es für einen Großteil des heimischen Marktes düster aus. Denn die wenigsten einheimischen Familien, selbst wenn sie zwei Verdiener beinhalten, können einen Wohnungskauf aus eigenen Mitteln stemmen. ­„Zumal die Preise aufgrund der Politik der Balearen-Regierung, die uns ständig Stöcke zwischen die Beine wirft, weiterhin steigen", sagt Mayol. Er bezieht sich dabei vor allem auf das Dekret, das das Bauen im ländlichen Raum deutlich erschwert und auch sogenannte falsos urbanos mit einschließt, von denen es etwa in Marratxí einige gebe. „Das Rathaus will hier weiterbauen, darf aber nicht", sagt ­Mayol. Die Infrastruktur wäre vorhanden, die Straßen sind angelegt. Dennoch wuchere dort seit Jahren das Gestrüpp.

Lage auf dem Luxusmarkt

Und was ist mit dem Markt für hochwertige ­Ferienimmobilien? Dort wird zunächst, wie so oft, Entwarnung gegeben. „Im Luxussegment geht es kräftig weiter", sagt Hanz Lenz, Managing Director von Engel & Völkers im Südwesten. „Dieser Markt ist abgekoppelt von den ­Mechanismen der Krise. Hier wird es immer Nachfrage geben", sagt auch Tolo Mayol.

Allerdings wachsen auch in diesem Segment die Sorgen. „Wir haben mehr Anfragen und auch konkrete Abschlüsse als in den Juli-Monaten der Vorjahre. Jedoch sind die Kunden in ihrem Reiseverhalten sehr unsicher, da die Politik der Balearen-Regierung bezüglich Einreisen und Sicherheitsmaßnahmen als konzeptionslos empfunden wird", sagt Lutz ­Minkner von ­Minkner & Partner. „Wenn Weltärztepräsident Montgomery für Mallorca-Rückreisende über Quarantäne-Maßnahmen nachdenkt, fördert das nicht gerade die Reiselust."

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