07. September 2020
07.09.2020
Mallorca Zeitung

"Klimaschutz heißt nicht, dass man sich einsperrt"

Infolge von Corona sind die Emissionen stark gesunken. Daraus dürfe man aber keine falschen Schlüsse ziehen, warnt Klimaforscher Pau de Vilchez

07.09.2020 | 01:00
Anflug auf Palmas Airport: Die Zahl der Mallorca-Flüge ist seit Ausbruch der Pandemie massiv zurückgegangen. Das ist erst mal gut für die Klimabilanz - allerdings nur eine Momentaufnahme.

Anfang August haben verschiedene in dem Bündnis Aliança per l'emergència climàtica Mallorca zusammengeschlossene Initiativen dazu aufgerufen, über die Pandemie und ihre Folgen nicht die Bedrohung durch den Klimawandel zu vergessen – und die Krise vielmehr als Chance zum Umbau von Wirtschaft und Gesellschaft wahrzunehmen. Der Jurist Pau de Vilchez ist Sprecher einer interdisziplinären Forschungsgruppe an der Balearen-Universität (UIB) zum Thema Klimawandel und hat bereits an drei Klimagipfeln teilgenommen.

Die CO2-Emissionen sind in den vergangenen Monaten deutlich zurückgegangen. Andererseits ist der Klimawandel aus der öffentlichen Debatte verschwunden. Wie wirkt sich Corona auf den Klimaschutz aus?
Die Corona-Krise ist symptomatisch dafür, dass wir die Umweltzerstörung zu weit getrieben haben. Viele Tiere, die früher abgeschieden lebten, sind jetzt in Kontakt mit Menschen. So können Pathogene von einer Spezies zu einer anderen überspringen. Speziell hier auf den Balearen sehen wir zudem, dass die einseitige wirtschaftliche Abhängigkeit von einer einzigen Branche fatale Folgen hat. Aber das schien ja bislang ein Tabu-Thema zu sein.

Klimawandel und Corona-Krise ist gemein, dass sie hausgemachte Probleme sind?
Ja, aber es eröffnen sich auch Chancen. Wenn wir über Klimawandel sprechen, ist immer von Opfern die Rede, die wir bringen müssen – wir sollen weniger Auto fahren, weniger fliegen. Das ist eine enorme Last, die wir den Menschen aufbürden, und eine schlechte Strategie. Natürlich müssen wir uns anders fortbewegen, anders Energie verbrauchen, anders produzieren. Aber gerade für die Balearen eröffnet das neue Möglichkeiten. Für die Produktion sauberer Energie müssen Menschen ausgebildet und Stellen geschaffen werden. Das ganze Geld, das bislang in die erdölproduzierenden Länder fließt, bleibt dann hier. Und diese Jobs kann man auch nicht ins Ausland verlagern. Auch der Ausbau der Landwirtschaft könnte dazu beitragen, die Emissionswerte zu senken.

Welche Bedeutung messen sie der Reduzierung der Emissionswerte durch Corona zu?
Die Emissionen gingen bis Mai stark zurück. Aber zuvor haben wir jedes Jahr neue Rekorde aufgestellt. Die Gase reichern sich in der Atmosphäre an. Wenn wir plötzlich innehalten, verschwinden sie nicht. Zudem setzen viele Länder zur Bewältigung der Krise wieder auf fossile Energieträger, China etwa auf Kohle. Es gibt Studien, wonach der Rückgang dadurch sogar kompensiert werden könnte. Wenn wir aber etwas erreichen wollen, müssen wir die Emissionen jährlich um sieben Prozent zurückfahren.

Und wie beurteilen Sie die Situation auf den Balearen? Hier wurde schon vor Corona die Kohle drastisch zurückgefahren, und Flug- wie Schiffsverkehr gingen stark zurück.
Ja, aber der Klimawandel ist ein globales Phänomen. Und wenn wir solche Entwicklungen mit Covid-19 in Verbindung bringen, tun wir der Klimaschutzpolitik keinen Gefallen. Die Menschen assoziieren dann, dass man das Klima schützt, indem man nichts tut. Klimaschutz heißt nicht, dass man sich zu Hause einsperrt. Darum geht es nicht.

Sondern?
Die Antwort auf die Pandemie kann – im Gegensatz zu dem, was in China geschieht– sowohl gegen Covid-19, als auch gegen den Klimawandel helfen: wirtschaftlicher Wiederaufbau, aber anders. In vielen europäischen Städten wurde die Krise genutzt, um den Verkehr neu zu organisieren: mehr Platz für Radfahrer, für die Fußgänger.

Klappt das auch auf Mallorca?
Es gab Initiativen, aber sie gehen nicht weit genug. In Palma hat man tage- und stundenweise den Fußgängern und Radfahrern mehr Platz eingeräumt. Der Shutdown wäre eine Gelegenheit gewesen, die Höchstgeschwindigkeit auf Palmas Ringautobahn auf 80 zu senken. Das würde die Emissionen deutlich senken. Und schauen wir auf die EU, dann haben wir ein Konjunkturpaket, das nicht unbedingt mit dem Klimaschutz einhergeht. So etwas liefert nur kurzfristige Lösungen.

Aber braucht es nicht sofortige Antworten, wenn Menschen ihren Job verlieren?
Es gibt keine einfachen Lösungen. Aber wie viele Menschen mussten Mallorca verlassen, weil sie keinen Job außerhalb des Tourismus gefunden haben? Und wie viele sind hierhergekommen, um den Stellenbedarf durch immer mehr Urlauber zu befriedigen? Wenn wir mal davon ausgehen, dass nicht immer schon alle im Tourismus gearbeitet haben, gibt es Möglichkeiten zur Anpassung. Das geht natürlich nicht von einem Tag auf den anderen. Aber die Menschen in der Bauwirtschaft könnten im Bereich der Energieeffizienz arbeiten. Im Energiesektor werden neben Technikern auch Marketingleute und Büroangestellte gebraucht. Entweder stellen wir die Weichen, oder der Klimawandel entscheidet für uns. Auch mit dem Temperaturanstieg dürften weniger Urlauber kommen. Nutzen wir die derzeitige Krise und die EU-Hilfen für strukturelle Änderungen. Aber ich verstehe, dass das harte Worte für jemanden sind, der sein Hotel schließen musste.

Was bedeutet Covid-19 für die Klimagipfel?
Der Gipfel, der im November in Glasgow stattfinden sollte, wurde um ein Jahr verschoben. Ein für das Frühjahr in Bonn vorgesehener Minigipfel soll Ende dieses Jahres stattfinden.

Und inhaltlich?
2020 sollten sich die Länder neue Ziele setzen, das ist nun alles in Stand-by. Viele Menschen sagen, dass die Gipfel nicht viel taugen. Aber wenn man mit Vertretern von Ländern spricht, die durch den Anstieg des Meeresspiegels akut gefährdet sind, entsteht Empathie, die für das Gelingen der Gipfel wichtig ist. Natürlich ist es schwierig, dass sich 195 Länder einigen. Das heißt aber nicht, dass die Gipfel keinen Beitrag dazu leisten, die Realität zu verändern.

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