20. Oktober 2020
20.10.2020
Mallorca Zeitung

Das sagen die Briefwähler auf Mallorca zur US-Wahl

In den USA geht der Wahlkampf in den Endspurt, auf der Insel haben viele ihre Stimme schon abgegeben - wohl mehrheitlich für die Demokraten

20.10.2020 | 01:00
Wer macht das Rennen - Joe Biden (li.) oder Donald Trump? Schnappschuss aus dem Wahlkampf in Florida.

Es ist nur eine von unzähligen Widersprüchen um die Person Donald Trump: Während der Amtsinhaber bei den Präsidentschaftswahlen am 3. November seine Stimme selbst per Brief abgibt, wettert er seit Wochen dagegen, weil die Briefwahl seiner Meinung nach höchst anfällig für Betrug ist. Der wahre Grund ist wohl, dass vor allem Demokraten und im Ausland lebende US-Bürger, die häufig eher demokratisch eingestellt sind, per Brief oder Mail ihre Stimme abgeben. Das hatte eine Umfrage vor wenigen Wochen ergeben. Und so ist das auch auf Mallorca, wo viele der rund 1.000 auf der Insel lebenden US-Bürger eher den Demokraten näherstehen - und eben per Mail wählen.

Eine von ihnen ist Doris Molina. Die New Yorkerin lebt seit 2014 auf der Insel und ist als freie Grafikdesignerin und Englischlehrerin aktiv. Seit Wochen verfolgt Molina, die lateinamerikanische Wurzeln hat, die Berichterstattung rund um die Wahlen. „Ich bin zurzeit regelrecht süchtig danach." Molina, die vor vier Jahren bereits Hillary Clinton unterstützte, hat auch diesmal „gegen Trump" gewählt. „Als er vor vier Jahren angetreten ist, hatten viele Menschen in den USA gedacht, er bringt einen revolutionären Umbruch. Und das hat er auch, aber in negativer Hinsicht", sagt Molina. Die Lage im Land sei unter Trump noch viel schlimmer geworden, als sie das zur Amtsübernahme befürchtet hatte. Inzwischen hätten aber viele Menschen in den USA realisiert, wie viel man mit einem solchen Präsidenten zu verlieren habe.

Ganz ähnlich sieht das auch Englischlehrer Jim Miele (64), der bereits seit 1996 auf Mallorca lebt und mit einer Deutschen verheiratet ist. „Donald Trump hinterlässt in den USA einen Scherbenhaufen. Noch dazu ist er mit internationalen Diktatoren befreundet." Außenpolitik existiere für Trump nicht, Umweltpolitik auch nicht. „Dabei ist der Klimawandel das drängendste Problem unserer Zeit", findet Miele. Es brauche einen Präsidenten, der den fossilen Brennstoffen den Kampf ansage und auf erneuerbare Energien setze. „Wir haben doch die Infrastruktur und vor allem auch den Platz, um das in den USA voranzutreiben", sagt Miele. Unter Trump sei Umweltschutz aber überhaupt kein Thema gewesen.

Einer hält's mit Trump

Joseph Anderson findet unterdessen, dass unter Trump nicht alles schlecht ist. „Meine Meinung ist: Die USA stehen heute besser da als vor vier Jahren", sagt der 28-Jährige aus Louisiana, der auf Mallorca seit vier Jahren ebenfalls als Englischlehrer arbeitet. Vor allem die Wirtschaft sei stärker als zuvor, viele Frauen und Latinos seien aus der Arbeitslosigkeit entkommen. Das habe sich seit Beginn der Corona-Pandemie natürlich ein wenig verändert, wie Anderson einräumt.

Jeff Harter, 57-jähriger Koch aus Colorado, hat dazu eine etwas andere Meinung. „Die Wirtschaft steht zwar tatsächlich besser da als vor vier Jahren, das hat aber weniger mit Trump zu tun, sondern mit den Entscheidungen von Barack Obama, die nun Wirkung gezeigt haben." Für Harter ist Trump Persona non grata, unter anderem weil er nach seiner Meinung „die Amerikaner gespalten hat".

Auch die Schere zwischen Arm und Reich sei in den vergangenen vier Jahren deutlich auseinandergegangen. „Ich war vor Kurzem zu Besuch in New York und erschüttert darüber, wie viel Armut und wie viele Obdachlose ich in Manhattan gesehen habe", erzählt Harter, der seit 13 Jahren auf Mallorca lebt. Er werde mit gekreuzten Fingern am Wahltag dasitzen und auf einen Sieg des Herausforderers Joe Biden hoffen. „Biden hat die nötige Erfahrung, dadurch, dass er acht Jahre Vizepräsident unter Obama war." Das werde ihm dann auch bei der Bekämpfung der Covid-19-Pandemie zugutekommen.

Auch das ist ein Thema, das Trump-Befürworter und -Gegner entzweit. Joseph Anderson ist froh, dass es in den Staaten keinen generellen Lockdown gegeben hat. „Die Regeln sind ziemlich locker, man kann Freunde treffen, seinem Alltag nachgehen." Die exorbitanten Infizierten- und Todeszahlen lassen den 28-Jährigen kalt. „Überall auf der Welt sterben gerade Leute an dem Virus."

Diese Einstellung können Molina und Miele nicht nachvollziehen. „Man muss sich das mal vorstellen. Die USA haben gerade mal vier Prozent der Weltbevölkerung, aber 20 Prozent der Covid-19-Toten zu verzeichnen. Das ist doch offensichtlich, dass da etwas schiefläuft", ereifert sich Miele. Zum ersten Mal überhaupt in der Geschichte habe das „New England Journal of Medicine" im jüngsten Bericht einen Kommentar zur politischen Lage abgegeben, in dem klar zur Sprache gekommen sei, dass die Politik unter Trump das Gesundheitssystem in den USA verschlechtert habe. Und dann begebe sich ein Covid-19-kranker Präsident mit seinem Stab an Leibärzten in eine Behandlung, die wohl einen sechsstelligen Betrag gekostet habe. „Davon hat Trump aber keinen Cent selbst gezahlt."

Das passe ins Bild eines Präsidenten mit einer ausgeprägten Doppelmoral. „Er missachtet alle Grundsätze, bei denen er von anderen verlangt, dass sie sie einhalten", schimpft Miele. Sowohl er als auch Molina und Harter kritisieren Trump für sein Pandemie-Management scharf - vor allem, dass er in einer Ausnahmesituation nicht die Kontrolle übernommen hat. „Er hat jeden Staat das Problem selbst angehen lassen, das Management ist lächerlich", sagt Harter. Nicht geholfen hätten zudem seine Aussagen im Zusammenhang mit dem Virus. „Es wird dich schon nicht umbringen, war immer seine Botschaft", ärgert sich Doris Molina.

Sie glaubt und hofft, dass die Pandemie­situation in den USA einen großen Einfluss auf das Wahlergebnis nehmen wird. „Corona hat die Stimmungslage in vielen Staaten für Biden verbessert", sagt Molina. Die Umfragen zeigten derzeit die meisten sogenannten Swing States auf der Seite von Biden. „Es sieht nicht gut aus für Trump zurzeit", frohlockt Molina. Das sei zwar vor vier Jahren mit Hillary Clinton ähnlich gewesen, doch die New Yorkerin macht sich berechtigte Hoffnungen, dass es diesmal für die Demokraten reicht. „In der Partei ist so viel mehr Geld zur Verfügung als vor vier Jahren. Die Kampagne von Biden ist deutlich mächtiger als die von Clinton."

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