24. Oktober 2020
24.10.2020
Mallorca Zeitung

Palmas Straßenkünstler sind nun offiziell keine Bettler mehr

Musiker, Künstler und menschliche Statuen bekommen einen Ausweis. Sie müssen sich aber auch an strikte Vorgaben halten

24.10.2020 | 01:00
Straßenkünstler brauchen ab November eine Lizenz. Geiger Miguel Forteza hat seine beantragt.

Erst hat es Mabel Chavarino für das Geld getan. Später hat es ihr gefallen. Die Mallorquinerin tritt seit 20 Jahren als Straßenmusikerin in den Gassen und auf den Plätzen Palmas auf. „Es ist eine Lotterie. Im Prinzip spielt man täglich das gleiche Programm. An manchen Tagen geben die Leute viel Geld, an anderen fast nichts. Dafür muss ich Wind und Wetter trotzen." Chavarino ist die Vorsitzende der mallorquinischen Straßenmusikervereinigung. Seit Jahren kämpft sie für die Rechte der Künstler und freut sich, dass ihre Arbeit nun endlich offiziell anerkannt wird. Auch wenn das bedeutet, dass sie Geld für eine Lizenz bezahlen muss.

Bis zum vergangenen Jahr hatten die Straßenkünstler den gleichen rechtlichen Status wie Bettler. „Das geht auf ein Dekret der PP (Partido Popular, Volkspartei, Anm. d. Red.) von vor fünf Jahren zurück. Die Partei wollte damals die Straßenkunst gänzlich verbieten", sagt Alberto Jarabo, der im Rathaus der Abteilung für Bürgerbeteiligung vorsitzt und aus der Straßenkunst ein Herzensprojekt gemacht hat. „Es gab sie schon im Mittelalter, und sie ist in ganz Europa präsent. Es wird Zeit, dass wir den Wert der Straßenkunst endlich anerkennen. Aber wir müssen sie auch regulieren."

Bereits 2019 führte das Rathaus eine Lizenz für die Straßenkünstler ein. Sie gilt für das gesamte Stadtgebiet und die erste Linie an der Playa de Palma. Die Regelung hatte jedoch Kinderkrankheiten. „Das Dekret wurde im April beschlossen, dann kamen im Mai die Wahlen dazwischen." So waren die Einzelheiten, wie die Höhe der Kosten für die Lizenz, nicht geklärt. Das ist nun geklärt, und ab November soll es in Palma nur noch lizenzierte Künstler geben. Zu denen zählen nicht nur die Musiker. „Beim Rathaus gingen 107 Anfragen ein: 51 Musiker, 46 Künstler, sechs Zirkusartisten und vier menschliche Statuen", sagt Jarabo.

Unabhängig von der Kunstform richten sich die Preise für die Lizenz nach dem Platz im öffentlichen Raum, der beansprucht wird. Der Quadratmeter kostet pro Monat 4 Euro. Die Lizenz kann nur ganzjährig oder für die Sommersaison beantragt werden. Ein Casting der Straßenkünstler, wie man es aus deutschen Großstädten kennt, gibt es in Palma nicht. „Es bekommt eigentlich jeder Antragsteller die Lizenz", sagt Jarabo.

Mindestens 18 Lieder

Die Künstler müssten sich nur an die Regeln halten. Manche Straßen, Plätze oder Viertel, wie die Einkaufsstraße Sant Miquel oder das Viertel Santa Catalina, sind tabu. Auftritte sind nur zu vorgegebenen Zeiten erlaubt, im Winter nur zwischen 11 und 14.40 Uhr sowie 17 und 21.40 Uhr. „Wir müssen zudem nach einer halben Stunde Auftritt eine halbe Stunde Pause einlegen", sagt Chavarino. „Sowohl für uns als auch für die Anwohner." Die Stadt erwartet von den Musikern ein Repertoire von mindestens 18 Liedern. „Sonst langweilen sich die Anwohner, wenn sie immer das Gleiche hören", so Chavarino. Wer sich nicht an die Regeln hält oder ohne Lizenz erwischt wird, riskiert ein Bußgeld in Höhe von 100 bis 3.000 Euro.

Für die Qualität der Straßenmusiker soll das Publikum selbst sorgen. „Wenn ein Musiker schlecht spielt, werden sich die Leute beschweren, und wir müssen darüber entscheiden", sagt Jarabo. Falls der Musiker nicht vorher schon die Lust verliert, da es in der Kasse nicht klingelt. „Frankreich ist das Vorbild. Die sogenannte taquilla inversa soll zur Regel werden. Dabei zahlt der Zuschauer je nachdem, wie sehr ihm die Vorstellung gefallen hat", sagt Alberto Jarabo.

Einigen Straßenkünstlern wird es nicht recht sein, dass sie für ihre Auftritte nun knapp 50 Euro im Jahr zahlen müssen. „Viele Leute haben nicht einmal dafür das Geld", sagt der argentinische Musiker Geroni Silveira, der mit der Band „Los Swingers" auftritt. Dafür können sie sich mit der Lizenz dann aber ausweisen. „Jahrelang musste ich mit Anwohnern und der Polizei streiten. Der Ausweis gibt uns nun das Recht aufzutreten", sagt Chavarino.

„Wir sind Straßenratten"

Die Frage ist, ob es sich noch lohnt. Wie so viele Leute auf der Insel sind auch die Straßenkünstler auf die Touristen angewiesen. „Die Urlauber schätzen die Musik mehr", sagt Chavarino. Der Argentinier Alejandro Possetto sieht das etwas anders, die Touristen seien in den vergangenen Jahren knauseriger geworden. „Wir sind Straßenratten. Am untersten Ende der Nahrungskette", sagt er. Possetto hat lange Zeit auf den Straßen Deutschlands gespielt, mittlerweile aber auf Mallorca seine Heimat gefunden. Wegen der Krise haben einige Profi-Musiker derzeit keine andere Bühne als die Straße. „Ausschließlich davon kann aber keiner leben", sagt Chavarino, die hauptberuflich Gitarrenstunden gibt und Mathematik unterrichtet.

Wie viel die Musiker verdienen, ist ein Berufsgeheimnis. „Jeder verdient unterschiedlich", sagt Mabel Chavarino. „Im Gegensatz zu anderen Straßenkünstlern, die für Zeichnungen oder ihre Handwerkskunst Festpreise fordern, haben wir nur den Hut auf dem Boden liegen. Das sorgt oft für Mitleid der Passanten, die uns für Bedürftige halten." Sie selbst hält sich auch ohne Urlauber gut über Wasser. „Ich spiele spanische Boleros. Das spricht ältere Mallorquiner an, da es die Musik aus ihrer Zeit ist. Da kommt dann selbst der ein oder andere Rentner aus der Wohnung und gibt mir Geld."

Eine Rolle spielt der Auftrittsort. „Ich singe unter der Woche an der Plaça d'Espanya oder auf dem Platz vor dem Mercat d'Olivar", so Chavarino. „Am Wochenende lohnt es sich kaum, da weniger Leute unterwegs sind." Es gilt das Windhund-Prinzip, wer zuerst da ist, spielt zuerst. „Der Musiker-Kodex gebietet die Musik der anderen zu respektieren und auf Hörweite Abstand zu halten." Chavarino will ihre Auftritte nicht missen. „Es hat etwas Magisches. Kinder bleiben stehen und fangen an zu tanzen. Die Straße gibt dir als Musiker mehr Erfahrung als jede andere Bühne der Welt."

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