29. Oktober 2020
29.10.2020
Mallorca Zeitung

Ist die kommende Urlaubssaison auf Mallorca noch zu retten?

Und ab wann sind flächendeckende Corona-Impfungen auf Mallorca realistisch? Drei mögliche Szenarien, wie es mit der Insel, dem Tourismus und der Pandemie weitergeht

29.10.2020 | 01:00
Ist die kommende Urlaubssaison auf Mallorca noch zu retten?

Die Ansprache von Spaniens Ministerprä­sident Pedro Sánchez am Freitag (23.10.) klang wenig erbaulich. „Es werden harte ­Monate auf uns zukommen", so der Regierungschef, der dann am Wochenende den Alarmzustand ausrief. Gleichzeitig stehen die Balearen mit ihren Corona-Fallzahlen im Spanien-Vergleich relativ gut da. Und noch immer hoffen viele darauf, dass im Frühjahr die Urlauber-Saison wieder ­starten kann. Wie wahrscheinlich ist mittelfristig ein Ende der Pandemie? Und was bedeutet das für die Inselwirtschaft? Die MZ hat drei mögliche Szenarien mit einem Facharzt für Mikrobiologie und einem Wirtschaftswissenschaftler durchgespielt.


Szenario 1: Aufatmen im Winter

Es wäre fast zu schön, um wahr zu sein: Noch vor Jahresende sind die Infektionsketten unter Kontrolle und die Fallzahlen im Keller. Oder noch besser: Ein wirkungsvoller Impfstoff kommt auf den Markt, der die einschneidenden Auflagen zum Anfang des ­Jahres überflüssig macht. Unternehmer könnten mit Planungssicherheit im Frühjahr in die neue Saison starten.

Dieses Szenario ist das einzige, das die kommende Sommersaison wirklich retten könnte", sagt Antoni Riera, Wirtschafts­wissenschaftler an der Balearen-Universität. „Die Entwicklung der Wirtschaft auf den ­Balearen ist unumstößlich mit der Entwicklung der Pandemie verknüpft." Der von ­Corona ausgebremste Tourismus mache ­unmittelbar 40 Prozent der Wirtschafts­leistung auf den Inseln aus. „Keine andere Region Europas ist so schwer von der Krise betroffen wie die Balearen", sagt Riera.

Um tatsächlich auf eine mehr oder weniger normale Sommersaison 2021 hoffen zu können, sei es unumgänglich, dass sich schon Monate vor Saisonstart im April eine konstante Besserung des Pandemieverlaufs auf den Balearen abzeichne. Nur dann könne sich der Sektor schon ab dem Frühjahr wieder weitestgehend erholen. „Ein kurz­zeitiges Senken der Fallzahlen wie im vergangenen Sommer reicht dagegen nicht aus, es braucht Stabilität." Riera geht aber davon aus, dass es sich bei diesem Szenario nur um ein Wunschdenken handelt.

Xavier Mesquida, Vorsitzender des Komitees für ansteckende Krankheiten im Krankenhaus Manacor, sieht das ähnlich. Es sei „sehr unwahrscheinlich", dass noch vor Ende des Jahres ein Impfstoff entwickelt und auf den Balearen angewendet werden könne, um bereits vor dem Frühjahr die für die Wirtschaft nötige Stabilität zu schaffen. „Über den Winter wird die Situation in etwa so bleiben, wie sie derzeit ist", prophezeit der Facharzt für Mikrobiologie. Bisher sei ­alles in etwa so eingetreten, wie die Experten es vorhergesagt haben. „Die einzige Überraschung war, dass die zweite Welle in Spanien früher eingesetzt hat als gedacht." Im Winter seien die Menschen anfälliger für Krankheiten und verbrächten mehr Zeit in geschlossenen Räumen – unter diesen Bedingungen die Ansteckungszahlen dauerhaft zu senken, sei schwer. Auch Mesquida glaubt nicht an eine unmittelbar bevorstehende Einführung eines neuen Impfstoffs . „Mit der zweiten Welle werden wir noch den ganzen Winter zu kämpfen haben. Auch wenn die Möglichkeit, die Pandemie unter Kontrolle zu bekommen, natürlich steigt, wenn sich alle an die Regeln halten."


Szenario 2: Flugkorridore im Sommer

Der Winter vergeht mit strikten Auflagen und intensivem Kampf gegen die Pandemie. Zum Frühlingsbeginn liegen die ­Fallzahlen ähnlich niedrig wie im vergangenen Sommer und die Politik schafft es endlich, die ­sicheren Reisekorridore einzurichten, von denen schon seit Monaten die Rede ist. Auch ein fürs erste Quartal 2021 angekündigter Impfstoff steht kurz vor der Markteinführung.

„Wenn wir von diesem Szenario ausgehen, dürfen wir nicht glauben, dass sich die Inselwirtschaft in der Sommersaison 2021 dadurch vollkommen erholt und mit frü­heren Jahren vergleichbar sein wird", sagt Wirtschaftswissenschaftler Antoni Riera. Zwar seien sichere Reisekorridore und eine Kontrollierbarkeit der Virusverbreitung die Grundlagen dafür, wieder Urlauber auf die Insel holen zu können. Doch die Skepsis und Zurückhaltung sowohl der Reisenden als auch der Unternehmer werde den Tourismus weiter bremsen. „Dann können wir froh sein, wenn sich die Wirtschaft 2022 ­wieder vollkommen erholt."

Xavier Mesquida hält dieses Szenario für das Wahrscheinlichste. „An den Impfstoffen wird auf Hochtouren gearbeitet, und die Balearen sind gewappnet für Massenimpfungen." Es sei gut möglich, dass sie im Frühjahr einsatzbereit seien. Dann könne man innerhalb weniger Monate eine Impfkampagne durchführen.


Szenario 3: Stillstand bis 2022

Der worst case: Trotz strenger Verhaltens­regeln und Alarmzustand bleiben die Fallzahlen auch im Frühjahr 2021 weiterhin so hoch wie bisher. Kurzzeitige oder lokale Lockdowns bringen die Wirtschaft zum ­Erliegen, Reisewarnungen und -beschränkungen bleiben bestehen und an der Impfstoff-Front gibt es keine Fortschritte.

„Wenn es dazu kommt, können wir davon ausgehen, dass sich die Wirtschaft auch im Jahr 2022 nicht wieder vollständig erholt", so Antoni Riera. Umfassende Lockdowns seien wirtschaftlich gesehen die schlimmsten Einschnitte. „Und je länger diese Situation andauert, desto weniger ­Unternehmen können sich über Wasser ­halten." Für einen wirtschaftlichen Aufschwung sei es unerlässlich, dass die Pan­demie, wenn auch nicht besiegt, so doch ­immerhin so weit unter Kontrolle ist, dass sich Quarantäneregelungen und Ausgangssperren auf einzelne Individuen beschränken. „Alles andere macht es den Balearen ­unmöglich, wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen." Spätestens dann gelte es, die Balearen-Wirtschaft neu auszurichten: weg vom Massentourimus und hin zu Bereichen, in denen das bereits gesammelte Know-how zur Geltung kommen könne, wie etwa im Gesundheitstourismus.

„Sollte tatsächlich auch im kommenden Jahr noch kein Impfstoff zur Verfügung ­stehen, ist das Verhalten jedes Einzelnen wichtiger denn je", so Xavier Mesquida vom Krankenhaus Manacor. Eine Pandemie könne sich durchaus auch ohne entsprechende Impfungen irgendwann „totlaufen", Stichwort Herdenimmunität. Diese müsse allerdings kontrolliert ablaufen. „Es sind nur sehr vereinzelte Fälle bekannt, in denen eine Person sich zweimal mit dem Coronavirus angesteckt hat. Wir werden nicht für immer mit dem Virus leben müssen. Aber ohne Impfungen wird es sicherlich noch bis 2023 dauern, bis wir zur Normalität zurückkehren können", sagt Xavier Mesquida.

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