15. November 2020
15.11.2020
Mallorca Zeitung

"Wenn wir die Ziele nicht erreichen, wird es ein Pfandsystem geben"

Sebastià Sansó, Generaldirektor für Müllentsorgung, über miese Recyclingquoten, die Macht der Industrie-Lobby und Biotonnen ab dem kommenden Jahr

15.11.2020 | 01:00
Sebastià Sansó ist in der Landesregierung für Müllentsorgung zuständig.

Die balearische Landesregierung hat in einem Bericht im Detail offengelegt, wie sehr die ­Inseln beim Recycling hinterherhinken und ­damit die Kritik von Greenpeace bestätigt (MZ berichtete). Die Umweltschützer machen dafür vor allem den spanischen Recyclingverband Ecoembes verantwortlich, der – gegen eine Gebühr bei der Produktion von Verpackungen mit dem grünen Punkt – für deren Recycling verantwortlich ist. Für die Müllentsorgung sind zwar die Inselräte zuständig, die Landesregierung und damit Generaldirektor Sebastià Sansó kommt aber eine Rahmenkompetenz zu.

Die Recyclingquote auf den Balearen lag im vergangenen Jahr bei 16 Prozent. In diesem Jahr müssen die Inseln laut EU-Vorgaben 50 Prozent schaffen. Ist das mit dem derzeitigen System überhaupt möglich?
Ganz klar nein. Deswegen sieht das Rahmengesetz zur Abfallwirtschaft zusätzliche Maßnahmen vor, die über Kampagnen und Appelle hinausgehen. Es wird im kommenden Jahr eine Gebühr auf den Restmüll geben, der verbrannt wird oder auf der Deponie landet. Diese Gebühr müssen die Gemeinden nach dem Grundsatz umlegen: Wer am meisten verschmutzt, zahlt auch am meisten.

In den meisten Gemeinden wird der Müll in Sammelcontainern abgeholt, nicht an der Haustür. Wie will man das kontrollieren?
Die bisherige Anonymität bei der Müllentsorgung ist unsere große Herausforderung. Auch wenn sich die Abholung direkt an der Haustür am meisten bewährt, gibt es durchaus Alternativen für Viertel, wo das nicht möglich ist. Etwa intelligente Container oder kombinierte Systeme, das muss man von Fall zu Fall prüfen.

Das heißt aber auch, dass die Landesregierung darauf angewiesen ist, dass alle Bürgermeister ihre Hausaufgaben machen.
Wir haben über die Gesetzgebung durchaus Handhabe. Wir schreiben zum Beispiel auch vor, dass ab kommendem Jahr bei Dorffiestas keine Einwegbecher mehr ausgegeben werden dürfen. Darüber hinaus werden jene Gemeinden weniger Geld an den Inselrat zahlen müssen, die die Vorgaben für eine Gebührenordnung nach dem Verursacherprinzip umsetzen und den Biomüll getrennt abholen.

Die Biomüll-Tonne wird obligatorisch?
Ab 2021 müssen die Gemeinden Biomüll und Textilien getrennt einsammeln, auch Pflanzenöl und gefährliche Elektrokleingeräte.

Muss man dann seinen Biomüll zum Re­cyclinghof bringen oder wird der von der Müllabfuhr abgeholt?
Die konkrete Umsetzung ist Sache der Gemeinden, solange sie das System kommunizieren und korrekt verwalten.

Nehmen wir das Beispiel der Großgemeinde Marratxí. Wer wird seinen Biomüll getrennt entsorgen, wenn man dafür zum Recyclinghof ins Gewerbegebiet fahren muss?
Ich habe vor Kurzem mit dem Bürgermeister von Marratxí gesprochen, man plant dort für kommendes Jahr, den Müll direkt an der Haustür abzuholen, auch den Biomüll. Es ist nur logisch, dass die Wertstoffe, die täglich anfallen, an der Haustür oder mittels Containern an der Straße eingesammelt werden.

Ihr Bericht zeigt auf, dass das Recycling von Glas, Papier und Karton auf den Balearen ziemlich gut funktioniert, aber dagegen nur 25 Prozent der Leichtverpackungen wiederverwertet werden. Woran liegt das?
Bei Glas und Papier hat das Recycling Tradi­tion, es ist auch verständlicher, weil hier nach Materialtyp unterschieden wird. Auch wenn es die gelben Container für Leichtverpackungen inzwischen seit 20 Jahren gibt, kommen viele Bürger durcheinander und glauben, dass er für Plastik ist. Eingeworfen werden müssen aber Verpackungen, die den grünen Punkt tragen. Wir schlagen in unserem Rahmengesetz vor, nach dem Materialtyp zu unterscheiden, egal ob Verpackung oder nicht.

Ist eine solche Systemänderung nicht Aufgabe der spanischen Zentralregierung?
Unsere Erfahrung ist, dass man in Spanien der Umsetzung von EU-Vorgaben hinterherhinkt. Die Regionen haben durchaus Kompetenzen im Umweltschutzbereich. Voraussetzung ist freilich, dass die Entsorgungsbetriebe der ­Inselräte umgestellt werden.

Und Ecoembes? Das Unternehmen ist schließlich in Spanien für die Entsorgung der Leichtverpackungen verantwortlich.
Bislang funktionieren wir nach den Regeln von Ecoembes. Sie sind aber nicht immer optimal für die Entsorgung dieser Wertstoffe. Aber daran hat bislang kaum jemand gerührt. Wir sind in Kontakt mit Katalonien, Valencia oder Navarra, und wir wollen Änderungen im System. Das läuft auf eine direkte Konfrontation mit Ecoembes hinaus.

Eine Änderung auf regionaler Ebene, solange Madrid sich nicht bewegt? Eine Revolte?
Genau. Die Revolte gegen Ecoembes ist schon im Gange. Wenn im gelben Container verschiedene Materialien landen, sind die Wertstoffe von geringer Qualität. Joghurtbecher, Plastikflaschen oder Thunfischdosen verschmutzen sich gegenseitig. Würde man die PET-Flaschen getrennt abholen, hätte man beste Qualität und könnte daraus neue Flaschen herstellen. Und wenn Pfand verlangt wird, würde die Flasche nicht so einfach in der Natur entsorgt. Mehrere Regionen denken über ein Pfandsystem nach, aber Ecoembes stemmt sich kategorisch dagegen. Das bisherige System ist sehr günstig, aber so günstig, dass es nicht funktioniert. Das Unternehmen hat Geld im Überfluss für Kampagnen und Berater, um alles im besten Licht darzustellen. Aber nicht nur Umweltschützer, auch politische Institutionen stellen inzwischen klar, dass dem nicht so ist. Die Umweltschützer haben unseren Bericht für seine Transparenz gelobt, das gab es bislang nicht.

Wie realistisch ist denn ein eigenes Pfandsystem auf den Balearen?
Das ist mehr als nur Theorie. Wir haben ein solches System schon in der vergangenen Legislaturperiode geprüft. Aber auf uns wird viel Druck ausgeübt, nichts zu unternehmen.

Durch wen?
Ecoembes, die Hersteller, Supermärkte. Sie wollen keine Rücknahmesysteme verwalten oder Geräte aufstellen. Dafür haben wir Verständnis gezeigt, wollten uns aber keine Möglichkeiten für den Fall verbauen, dass wir die Recyclingziele nicht erreichen. Der Kompromiss lautete: Wenn wir bis 2020 die gesteckten Ziele nicht erreichen, wird es auf den Balearen ein Pfandsystem geben, zunächst in Form eines ein- oder zweijährigen Pilotsystems auf ­einer der Inseln. Da wird es dann kein Zurück geben. Die nötigen Gelder stehen uns aus Mitteln der Touristensteuer zur Verfügung.

Das Pilotprojekt wird aber nicht auf Mallorca starten, oder?
Korrekt. Auf den kleineren Inseln ist das leichter umzusetzen, die Ergebnisse werden aber übertragbar sein, und die Inselräte können auf dieser Basis eine Entscheidung treffen. Sie kennen ja die Trägheit der öffentlichen Verwaltung. Aber das Projekt ist in Arbeit, und Mitte kommenden Jahres wird es losgehen.

Gibt es inzwischen ein Datum für die Abschaltung eines Teils der vier Verbrennungsöfen der Anlage Son Reus?
Ich denke, dass die Restmüllmenge in absehbarer Zeit so stark sinken wird, dass wir zwei der vier Öfen abschalten können. Unser jetziges System ist pervers, es ist leider so angelegt, dass es teurer wird, je mehr wir recyceln, und diese Mehrkosten trägt die öffentliche Verwaltung. Der Inselrat überprüft die bestehende Konzession mit der Firma Tirme, die die Öfen betreibt. Es ist eine sehr ausführliche Rechnungsprüfung, um Möglichkeiten auszuloten, und wir sind gespannt auf die Ergebnisse.

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