21. Dezember 2020
21.12.2020
Mallorca Zeitung

Die Schutzengel der Obdachlosen von Palma de Mallorca

Die Zahl der Leute ohne Bleibe hat sich in der Pandemie fast verdreifacht. Eine nächtliche Runde mit den Streetworkern des Roten Kreuzes, die sich um sie kümmern

21.12.2020 | 01:00
Das Rote Kreuz schaut jede Nacht nach den Obdachlosen und hört sich deren Sorgen an (Archivaufnahme).

Die Nacht ist bitterkalt auf der Grünfläche vor dem Carrefour in Palma. Victor, der eben wegen eines Streits noch ganz aufgeregt war, schaut jetzt ein wenig wie ein Fünfjähriger, der an Heiligabend seine Geschenke erblickt. Mit einem lang gezogenen „Sí" beantwortet der etwa 30-jährige Obdachlose die Frage der Sozialarbeiter der Unidad Móvil de Emergencia Social (UMES), ob er eine heiße Schokolade haben möchte. Die Nacht lässt sich so etwas leichter überstehen.

Wir sind unterwegs mit Luciano Dot und Oscar Minuesa von der UMES. Die Einheit wird vom Inselrat finanziert und vom Roten Kreuz geleitet. Werktags gehen die Sozialarbeiter mit den Obdachlosen zu Arztterminen und auf die Ämter, nachts schauen sie bei ihnen nach dem Rechten. Um 22 Uhr geht es vor dem Roten Kreuz los. Wir packen Kekse, Getränke und Decken in den Kofferraum eines Leihautos. „Die beiden Lieferwagen des Roten Kreuzes sind kaputt", sagt Dot, der schon seit zwölf Jahren für die UMES als Streetworker arbeitet. „Früher war ich in der Tourismusbranche tätig. Über einen Nebenjob habe ich mich beim Roten Kreuz hochgearbeitet und will die Arbeit heute nicht mehr hergeben."

Die Route variiert von Nacht zu Nacht. Zum einen weil die Sozialarbeiter Obdachlose aufsuchen, die sie tagsüber nicht erreichen konnten, um sie an anstehende Termine beim Arzt oder auf dem Amt zu erinnern. Zum anderen kommt die UMES aber gewissermaßen auf Bestellung. Die Obdachlosen wählen den Notruf, wenn sie Sorgen oder Probleme haben. Der Anruf wird an die Sozialarbeiter weitergeleitet. Sie rücken dann mit heißem Kaffee, Schokolade und Keksen an – so hat der Dienst auch etwas von einem nächtlichen Lieferservice. Für Drogensüchtige gibt es neue Spritzen, für Prostituierte Kondome. „Es sind immer die gleichen Leute, die anrufen. Viele warten darauf, dass es 22 Uhr ist", sagt Dot.

Der erste Anruf stammt von Manuel. Anwohner lassen ihn in einer Abstellkammer schlafen. Wir warten auf der Kneipenmeile Blanquerna auf ihn, bis er aus einer Nebenstraße angeschlurft kommt. „Habt ihr heute Wein und bocadillos dabei?", scherzt er. Er lebe seit fünf Jahren auf der Straße. „Gibt halt keine Arbeit", sagt Manuel, nimmt sich zwei Becher Kaffee und eine Packung Kekse und zieht von dannen. „Wir waren schon tagsüber mit ihm beim Arzt", erklärt Dot das kurze Intermezzo.

Drogen, psychische oder familiäre Probleme, ein zu geringes Gehalt – die Gründe sind vielfältig, warum die Menschen auf der Straße leben. Die Pandemie hat die Anzahl der Obdachlosen fast verdreifacht. 208 Personen hatte die UMES im vergangenen Jahr gezählt. Ende September waren es schon 569. Im Winter werden wohl noch weitere hinzukommen.

Da die Temperaturen in der Nacht derzeit rapide absinken, hat die UMES-Leitung eine Kältewarnung ausgegeben. Dot und sein
Kollege bieten den Obdachlosen deswegen eine Unterkunft an. „Das machen wir eigentlich bei Temperaturen unter fünf Grad. Auch wenn es derzeit nicht so kalt ist, ist die gefühlte Kälte aber wesentlich größer", sagt Dot. Für die Unterbringung hat das Rote Kreuz ein Zimmerkontingent im Hotel Blue Sea Tower in Arenal gebucht, wo auch die ankommenden Migranten aus Algerien übergangsweise untergebracht sind (MZ berichtete). Manuel aber will nicht ins Hotel. Wie er ziehen viele ihre Schlafplätze in Palma vor. „In dem Hotel herrschen klare Regeln. Zudem müssen sie dann mit anderen Menschen auskommen. Einige schreckt es auch ab, dass sie aus Palma rausmüssen, wo sie sonst ihren Alltag verbringen", erklärt Dot.

Das Telefon bleibt erst einmal still. „In dem Fall können wir beliebte Schlafplätze aufsuchen: Der Sa-Riera-Park, der Pocoyo-Park, die Carretera de Valldemossa. Es ist eine lange Liste." Da noch eine Terminerinnerung ansteht, machen wir uns aber auf in Richtung Krankenhaus Son Espases und legen einen Zwischenstopp beim Carrefour ein. Auf einer Grünfläche zwischen dem Supermarkt und dem Kino Ocimax haben sich Obdachlose mit Zelten und Planen ein Camp gebaut.

Dort empfängt uns Victor, der schon die Polizei gerufen hat. „Es gibt ein großes Problem", sprudelt es aus ihm heraus. Etwas wirr erzählt er von einer blutigen Schlägerei und dass ihm die Brieftasche geklaut wurde. Die Sozialarbeiter hören dem Betrunkenen geduldig zu. Die drei dort campierenden Männer hätten eine Art Nachbarschaftsstreit mit anderen Obdachlosen, wird Dot später erklären. Victor lebe schon lange ohne Papiere. Außer ihm eine heiße Schokolade anzubieten, könnten sie ihm bis zum nächsten Tag nicht weiterhelfen.

Am Krankenhaus angekommen dauert es nicht lange, bis der Obdachlose mit dem Arzttermin aufgespürt ist. Der Mann liegt vor einem Notausgang. Eine Ecke weiter ist unter einer Brücke ein weiterer Schlafplatz. „Ist da jemand", ruft Dot in die Dunkelheit. Zwei junge Männer kommen aus der mit Matratzen zugestopften Nische hervor. Sie stellen sich als Sergio und José Luis vor. Anders als die bisherigen Obdachlosen nehmen sie das Angebot an, mit ins Hotel zu kommen. Oscar Minuesa meldet die Schlafgäste telefonisch an. Nach den Namen muss er nicht fragen. Er kennt seine Pappenheimer. „Ich hoffe, wir kommen nicht in Einzelzimmer. Wir sind beste Freunde und bleiben immer zusammen", sagt José Luis.

Während der Fahrt erzählen die beiden 21-Jährigen Mallorquiner ihre Geschichte. Schon mit 16 Jahren seien sie das erste Mal auf der Straße gelandet. „Das hatte damals mit Drogen zu tun. Das müssen wir nicht verleugnen", sagt Sergio. Beide sind ausgebildete Gärtner und schlagen sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. „Im vergangenen Jahr haben wir in einem Hotel in Magaluf gekellnert", erzählt Sergio.

Seit sechs Monaten lebten sie auf der Straße.„Mein Vater sitzt im Knast, und mit meiner Mutter komme ich nicht klar", sagt José Luis. Bei Sergio ist es ähnlich: „Meine Mutter ist Alkoholikerin. Ich habe es zu Hause nicht mehr ausgehalten." Sie hätten schon mehrfach vergeblich Sozialhilfe beantragt. „Wenn man jünger als 25 Jahre alt ist und keine Kinder hat, gibt es kein Geld", sagt José Luis. „Die Sozialarbeiter sind unsere Stütze. Wenn sie nicht wären, könnten viele von uns nicht überleben."

Jetzt hört das Handy nicht mehr auf zu klingeln. Im Schnitt betreut die UMES zwischen 30 und 50 Menschen pro Schicht. Dringende Notfälle gibt es selten. „Wegen der Kältewarnung sind wir heute eher Taxiservice und pendeln zwischen Palma und dem Hotel", sagt Dot. Die nächste Station ist eine Autobahnbrücke der Via Cintura. Maria ist wenig erfreut, dass die Sozialarbeiter einen Journalisten im Schlepptau haben. „Sie ist manchmal schlecht drauf – und stark heroinabhängig", sagt Dot, der sie schon drei Mal mit einer Überdosis vorgefunden hat. Marias Mitbewohner lassen sich ins Hotel fahren, sie selbst bleibt lieber unter der Brücke. „Durch unsere nächtlichen Besuche gewinnen die Menschen Vertrauen in uns. Das hilft uns tagsüber, wenn die eigentliche Arbeit ansteht", sagt Dot. Bis 3 Uhr morgens werden die beiden weiter ihre Runde drehen.

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