11. Januar 2021
11.01.2021
Mallorca Zeitung

Durchhalten oder endgültig dichtmachen? Mallorcas Gastronomie im Corona-Tief

Wie viele Bars und Restaurants sind in der Krise schon auf der Strecke geblieben? Was kann den anderen helfen? Hat die Politik versagt? Das sagen die Gastronomen

11.01.2021 | 13:49
Die Auflagen für gastronomische Betriebe auf Mallorca sind streng – ab Dienstag (12.1.) müssen Bars und Restaurants komplett schließen

Kaum Urlauber, wenig Kaufkraft und dazu strenge Auflagen seitens der Politik: Die Gastronomen auf Mallorca treffen die Auswirkungen der Corona-Krise bekanntlich besonders hart. Die Verantwortlichen zweier großer Branchenverbände erklären, wo die Not am größten ist – und wie sie die Maßnahmen der Landesregierung bewerten.

Noch sei nicht abzusehen, wie viele Bars und Restaurants auf Mallorca wegen der Krise für immer die Türen schließen werden, sagt Helmut Clemens, Gründer von Es Rebost und stellvertretender Vorsitzender der Vereinigung Restauración-PIMEM. Zum einen, weil ein Teil noch aushalte, sich aber irgendwann die Frage stellen müsse, ob es sich überhaupt noch lohne, den Betrieb trotz der wachsenden Verschuldung weiterzuführen. Zum anderen müsse unterschieden werden zwischen Betrieben in städtischen Gegenden, die normalerweise das ganze Jahr über geöffnet haben, und jenen, die in Touristenorten liegen, und ohnehin im Winter geschlossen sind, so Clemens, der selbst gerade eine Filiale seiner Es-Rebost-Kette an der Plaça d'Espanya in Palma hat schließen müssen.

„Die Angestellten in touristischen Gebieten, die temporäre Festverträge haben, bekommen momentan Arbeitslosengeld, die Lokale sind zu, und die Kosten für den Betreiber liegen bei null. Die Mehrheit von ihnen wird ihre Aktivität in der kommenden Saison wieder aufnehmen können, obwohl wir davon ausgehen, dass etwa 20 Prozent auf der Strecke bleiben", sagt auch Alfonso Robledo vom Verband Restauración-CAEB. In Bars oder Restaurants, die normalerweise ganzjährig geöffnet haben, sei das Personal dagegen momentan in vielen Fällen in Kurzarbeit und die Betreiber daher dazu verpflichtet, 100 Prozent der Sozialversicherung für die Angestellten zu zahlen. „Von ihnen werden viele nicht durchhalten können, vermutlich mehr als die Hälfte", so Robledo. Er betreibt das Restaurant Ses Coves de Génova.

Am besten gewappnet gegen die Krise seien selbstverständlich internationale Ketten mit finanziellem Rückhalt, sagt Helmut Clemens. Ganz kleine Lokale, die die Betreiber allein oder gemeinsam mit dem Ehepartner führen, kämen oft mehr schlecht als recht durch. „Am schlimmsten trifft es die mittelgroßen Betriebe", so Helmut Clemens. Denn hier müssen die Eigentümer für viel Personal in Kurzarbeit aufkommen. „Es wäre fürchterlich, wenn letztlich nur die Franchise-Unternehmen großer Ketten übrig bleiben würden, die keine Probleme haben, auszuhalten. Dann würden wir unsere gastronomische Vielfalt verlieren und damit auch touristischen Mehrwert", sagt Alfonso Robledo.

Die Hoffnung, dass der Betrieb zur sonst lukrativen Osterwoche wieder hochgefahren werden könnte, wird immer geringer. Bis Ende März, Anfang April sei es für viele Gastronomen aber noch ein weiter Weg, betont Robledo. „Der Tsunami ist noch nicht da, das Schlimmste steht uns im Januar, Februar und März bevor. Viele Kellner sind in Kurzarbeit, haben aber nichts zu essen, weil die Hilfszahlungen auf sich warten lassen. Da sollte die Politik mit den Banken verhandeln."

„Es ist eine Unverschämtheit", findet Helmut Clemens deutlichere Worte. Überhaupt sieht er das Krisenmanagement der spanischen und der balearischen Regierung sehr kritisch. „Die strikten Beschränkungen für die Gastronomie sind Schikanen. Die Politiker mögen versuchen, das Richtige zu tun, was bestimmt schwierig ist in so einer Situation, und ich möchte auch nicht mit ihnen tauschen. Dennoch erscheinen mir die Entscheidungen oft unstrategisch und unüberdacht", sagt Clemens. Ihm fehlt vor allem die Kommunikationsbereitschaft der politischen Verantwortlichen mit den Gastronomen. „Ab und zu dürfen wir mit an den Tisch und zuhören, aber unsere Meinung wird selten einbezogen, stattdessen werden uns solch strikten Auflagen auferlegt." Die Bars und Restaurants, so Clemens, sollten wieder ungehindert öffnen dürfen – wenn auch mit Abstand zwischen den Tischen und Maskenpflicht beim Aufstehen.

Robledo sieht das anders – und verteidigt die harten Restriktionen wie die Beschränkung der gastronomischen Aktivität auf die Außenterrassen und die Schließung der Lokale ab 18 Uhr, die bisher galten. „Die kommende Tourismussaison steht auf dem Spiel, und die Infektionszahlen sind aus dem Ruder gelaufen. Einige aus meiner Branche werden mir vielleicht an den Kragen gehen, aber ich denke, dass die Maßnahmen notwendig sind." Er habe viele Treffen mit Tourismusminister Iago Negueruela und der Ministerpräsidentin Francina Armengol gehabt. „Sie versuchen, alles möglich zu machen, damit sich die Situation bessert." Die Erweiterung der Terrassentische auf öffentliche Bürgersteige oder Plätze sei zum Beispiel sehr positiv zu bewerten. „Aber dennoch haben wir Momente erlebt, in denen wir in der Gastronomie die Polizei rufen mussten, weil einige Gäste die Hygieneauflagen nicht einhalten wollten, weil sie immer mehr tranken und sich die Masken abnahmen und durchs Lokal liefen." Solche Szenen könnten durch die aktuelle Sperrstunde eingedämmt werden. „Vielleicht sollten sie uns alle 20 Tage einsperren, aber uns Geld geben, um durchzuhalten, wie in Frankreich oder Deutschland."

Auch Helmut Clemens sieht finanzielle Direkthilfen für die Gastronomen in der Pandemie-Situation als unverzichtbar. „Es ist natürlich schön, dass der Inselrat uns fünf Millionen Euro verspricht, aber bei 3.330 Betrieben bleibt da für jeden nicht viel, wenn man bedenkt, dass viele sich momentan monatlich mit 30.000 bis 50.000 Euro im Monat verschulden." Auch Steuererleichterungen könnten eine wichtige Maßnahme sein, um die gebeutelte Gastronomie zu beleben.

Ein weiteres Problem ist laut Alfonso Robledo, dass die Hilfen nicht bei allen ankommen. „Man bekommt keinen Cent, wenn man beim Finanzamt oder der Sozialversicherung Schulden hat, und das ist momentan bei
80 Prozent der Unternehmer in unserer Branche der Fall, aber es sind genau die, die das Geld wirklich brauchen."

Bei der Frage nach den neuen CO2-Messgeräten, die nun in den Lokalen Pflicht sind, gehen die Meinungen der Gastronomen auseinander. Während Clemens sie für nutzlos hält, da jedes Lokal andere Begebenheiten habe, lobt Robledo die Installationspflicht. „Es sind langfristige Maßnahmen, die bleiben werden. Ich verteidige sie – sie kommen meinen Mitarbeitern zugute, aber auch meinen Kunden."

Einig sind sich die beiden, wenn es um das Herausfiltern schwarzer Schafe unter den Gastronomen geht. „Es ist traurig, dass es so weit kommen muss, Kollegen anzuzeigen, aber wenn es schon Auflagen gibt, dann sollten sich wenigstens alle daran halten, um nicht letztlich allen anderen zu schaden", findet Helmut Clemens. „Wir werden da sehr strikt sein. Wer die Regeln nicht beachtet, den werden wir anzeigen", so auch Alfonso Robledo. Tatsächlich zeigte CAEB über die Feiertage gut ein Dutzend Betreiber an, die sich den Regeln widersetzten.

Und was, wenn die kommende Sommersaison auch ausfallen sollte? „Dann geht es mit der ganzen Insel den Bach runter", sagen sowohl Robledo als auch Clemens. „Mallorca schafft es nicht ohne eine weitere Saison, dann gehen wir ein, dann können wir nicht einmal mehr die Straßen säubern", sagt Robledo.

Angesichts der neuen Auflagen, die ab Dienstag (12.1.) gelten sollen, und vorsehen, dass sämtliche Bars und Restaurants für 15 Tage geschlossen werden, haben Gastronomen nun zu einer Großkundgebung aufgerufen. Mehr dazu lesen Sie hier.

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