15. März 2021
15.03.2021
Mallorca Zeitung

"Ihr könnt beruhigt kommen" - so ist die Lage in Cala Ratjada auf Mallorca

Die Corona-Flaute hat den beliebten Urlaubsort hart getroffen. Nun hofft man dort auf die Rückkehr der Besucher. Ein Gespräch mit Joan Ferrer, dessen Verband "First Sun" 88 Hotels in der Gegend vertritt

15.03.2021 | 01:00
Joan Ferrer, Vorsitzender der Hoteliersvereinigung in Capdepera und Umgebung

Joan Ferrer ist der Vorsitzende des Hotelverbunds First Sun, der 88 Häuser aus der Gegend von Cala Ratjada, Canyamel, Cala Mesquida, Font de Sa Cala und Capdepera vertritt.

Kurzer Rückblick: Vor der momentanen Flaute hat Cala Ratjada ziemlich fette Jahre erlebt, oder?
Ja, zwischen 2014 und 2018 gab es hier einen bedeutenden Aufschwung. Neue Hotels gab es kaum, weil die Bettengrenze in der Gegend erschöpft ist. Auch aktuell ist nur ein neues Luxushotel in Canyamel geplant, das aber auf ein zuvor bereits bestehendes Hotel aufbaut. Allerdings haben fast alle Hoteliers große ­Investitionen getätigt, um ihre Häuser weitreichend zu renovieren und höhere Sterne­-Kategorien zu erreichen. Die Qualität wurde enorm gesteigert. Die Mehrheit der Baufirmen, die die Renovierungen durchgeführt haben, kamen ebenfalls aus der Gegend, also gab es viel Arbeit und viel zu verdienen. Wir haben die Zone attraktiver gemacht, gerade für Kunden aus Deutschland. Denn für viele Deutsche ist Mallorca wichtig, und Cala Ratjada ist das Größte überhaupt.

Warum eigentlich?
Wegen der Natur. Aber ich glaube, viele deutsche Urlauber schätzen auch den persönlichen Umgang in den Hotels. 83 Prozent werden von Familien aus Cala Ratjada geführt. Wir haben viele Wiederholungsgäste, die immer wieder ins gleiche Hotel kommen. Man kennt sich seit Jahrzehnten, teilweise haben die Gäste die aktuellen Betreiber aufwachsen sehen, und umgekehrt lernen wir die Kinder und später die Enkel unserer Gäste kennen.

Das Jahr 2019 fing normal an, aber dann kam im September die Thomas-Cook-Pleite.
Genau, das war der 23. September, da wurde die Pleite offiziell, und ab da fing es an, bergab zu gehen. Die Insolvenz von Thomas Cook hat vor allem die vielen Familienbetriebe hart getroffen, einige haben seitdem durchgehend geschlossen. Dann kam 2020, die Pandemie. Und so steigen die Kosten. Die Situation ist ­dramatisch. Jetzt sind wir im Jahr 2021 und wissen weder, wer öffnen kann, noch wann.

Zählen Sie noch auf Ostern?
Nein. Momentan haben nur zwei der insgesamt 88 Hotels auf, und ich glaube nicht, dass viele weitere dazukommen. Wir haben keine Buchungen. Die Leute wollen kommen, aber die Umstände erlauben es kaum. Wenn wir ­optimistisch sind, denken wir, dass es ab Juni losgehen kann.

Wann wäre der letzte Moment, damit sich das Öffnen diesen Sommer noch lohnt?
Bis Juli, danach nicht mehr. Letztes Jahr haben einige Hotels im Juni geöffnet, aber Mitte August war es dann schon wieder vorbei wegen der Reisewarnungen. Diese Erfahrung war sehr schlimm. Eine allzu kurze Saison hilft uns nicht, und im Winter funktioniert der Tou­rismus hier erfahrungsgemäß auch nicht, obwohl wir es jahrelang versucht haben. Wir brauchen die Sommermonate.

Sollte die Sommersaison dieses Jahr komplett ausfallen – was dann?
Dann kann die Mehrheit der Hotels in der Umgebung nicht bis zum kommenden Jahr durchhalten. Unmöglich. Das schaffen dann nur die Ketten, die mehrere Häuser an verschiedenen Standorten haben. Das ist hier, wie gesagt, bei mehr als 80 Prozent nicht der Fall, die Eigentümer haben keine Häuser anderswo. Wenn wir kleinen Hotels 2021 nicht öffnen können, dann werden wir es kaum bis 2022 schaffen. Das ist die Realität.

In der Gemeinde Capdepera leben etwa 12.000 Menschen. Wie viele Existenzen hängen in etwa vom Tourismus ab?
In den Hotels arbeiten rund 4.000 Menschen. Von den übrigen 8.000 Einwohnern arbeiten auch bestimmt 80 Prozent im Tourismus oder in Branchen, die vom Urlauberaufkommen abhängen. Das zeigt ja auch die Einwohnerentwicklung: Im Jahr 1980 lebten hier nur 6.000 Menschen und jetzt sind es 12.000. Im Sommer kommen in normalen Zeiten dann auch noch die Saisonarbeiter von außerhalb dazu.

Sie sind eines der Gründungsmitglieder der Plataforma Llevant, die die Hilferuf-Kam­pagne „SOS Turismo" initiiert hat.
Ja, die Bürgerplattform hat sich gegründet, um auf die verzweifelte Situation hier im Insel­osten aufmerksam zu machen. Auch aus den Nachbargemeinden sind fast alle Unternehmen betroffen. Die Kampagne „SOS Turismo" war sehr erfolgreich, was die Resonanz in der mallorquinischen Gesellschaft angeht, aber es hat sich seitdem wenig bewegt, und wir denken über weitere Aktionen nach, da ist aber noch nichts spruchreif.

Anfang Februar haben Sie Ihr Leid auch Ministerpräsidentin Francina Armengol bei einem Ortstermin in Cala Ratjada geklagt. Hat es geholfen?
Wir haben Direkthilfen gefordert, nicht Kredite, die haben wir genug. Bisher gab es gar nichts. Außerdem wollen wir Steuererleichterungen. Wir tragen Kosten wie Müllsteuer, Grundsteuern, Wassergebühr und Stromkosten, die absurd hoch sind, obwohl die Hotels zu haben. Bisher hat sich nichts getan.

Könnten die angestrebten EU-Gelder eine Möglichkeit sein?
Auch das haben wir von Armengol gefordert. Dass die Gelder aus Brüssel einerseits für ­Zuschüsse für die Familienunternehmen verwendet werden, und dass mit ihnen andererseits Investitionen in die Infrastruktur hier ­getätigt werden. In Plätze, Straßen, Fahrrad­wege, um den Urlaubsort attraktiver zu machen. Wir Hoteliers haben privat vor der Krise so viel renoviert, aber wenn die Gäste aus dem Hotel treten, ist vieles in schlechtem Zustand. Es gibt konkrete Projekte, beispielsweise die Verschönerung der Carrer Cala Agulla oder ­einen Fahrradweg, der alle Ortsteile der Gemeinde verbindet. Teile der Kosten könnten mit EU-Geldern gedeckt werden.

Die Projektideen sind nicht neu. Könnte die Krise sogar eine Chance sein, den ersehnten Wandel zu beschleunigen?
Zunächst muss man sehen, ob Geld aus Brüssel kommt und wie viel. Unser Ziel ist es jetzt erst einmal, durchs Jahr 2021 zu kommen, um im nächsten Jahr weiterhin aufmachen zu können. Ich bezweifle stark, dass wir bis dahin hier in Capdepera Geld von Brüssel gesehen haben. Denn letztlich ist es die balearische Landes­regierung, die entscheidet, welche Projekte auf den Inseln bei der Verteilung der Gelder Prioritäten haben werden. Wir fühlen uns ­immer etwas vergessen hier in Cala Ratjada, abseits, nicht nur von der geografischen Lage her, sondern auch im Kopf. Für die Politiker in Palma sind wir sehr weit entfernt.

Immerhin will die Landesregierung – unabhängig von Brüssel und Corona – 6,1 Millionen Euro in die große Hafenrenovierung im kommenden Herbst stecken.
Das wird den Ort nicht unbedingt attraktiver machen, da geht es viel um bauliche Notwendigkeiten. Aber wir hoffen doch, dass danach mehr Menschen mit dem Schiff hier anlegen können und ein paar Tage bleiben. Diese Art von Gästen käme uns zugute.

Mehr Qualität hat auch höhere Buchungspreise zur Konsequenz. Bürgermeister Rafa Fernández betont aber immer wieder, dass auch der Partytourismus seine Berechtigung in Cala Ratjada hat. Wollen die Hoteliers den Partytourismus von Cala Ratjada ausmerzen?
Wir wollen nichts ausmerzen. Es gibt immer noch Hotels, die diese Urlauber anziehen, und wir werden es ihnen nicht verbieten. Aber letztlich passt sich der Tourismus an die Gegebenheiten an. Viele jugendliche Partyurlauber haben in den vergangenen Jahren Bulgarien vorgezogen, weil es billiger ist. Zu uns kamen dagegen mehr Familien, Pärchen, ältere Leute. Wir sind hier offen für alle, aber wenn sich diese Urlaubergruppe von hier abwendet, dann ist es halt so.

Was möchten Sie den Menschen in Deutschland sagen, die auf einen Cala-Ratjada-Urlaub hoffen?
Unseren deutschen Freunden? Nun, dass wir hoffen, sie möglichst bald zu sehen. Ihr könnt beruhigt kommen. Alle Einrichtungen hier sind darauf vorbereitet, die Hygienestandards zu garantieren. Die Strände, die Promenaden und der ganze Ort warten auf euch.

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