24. April 2021
24.04.2021
Mallorca Zeitung

Vermisst auf Mallorca: Die Hoffnung stirbt zuletzt

718 Personen wurden im vergangenen Jahr auf den Balearen als vermisst gemeldet, nicht alle tauchten wieder auf. Die Vereinigung SOS Desaparecidos unterstützt bei der Spurensuche

24.04.2021 | 01:00
Die Liste der auf Mallorca und den Nachbarinseln vermissten Personen ist lang

Auf dem Foto seiner Vermisstenanzeige lächelt Rem Michael Kingston sympathisch in die Kamera. Die Spur des 30-Jährigen verlor sich am 22. März 2019. Er wurde zuletzt in Palma de Mallorca gesehen, bekleidet mit einer Skinny-Jeans, einem grauen Kapuzenpulli und Turnschuhen. Mehr als zwei Jahre ist das nun her, und noch immer warten Angehörige vergeblich auf ein Lebenszeichen – oder auf die Bestätigung, dass Kingston verstorben ist. „Die Ungewissheit ist das Schlimmste", sagt Joaquín Amills Bonet. Er leitet die spanienweit agierende Vereinigung SOS Desaparecidos. Hier laufen täglich Vermisstenmeldungen ein – und im schlimmsten Fall bleiben sie über Jahrzehnte in der Kartei all derjeniger, die einfach nicht mehr auftauchen.

„Bis zum 110. Geburtstag der Person, danach löschen wir sie", berichtet Amills. Sein zurückhaltender Tonfall ist bemüht sachlich, doch es scheint, als schwingen auch Resignation und Trauer mit. Viele, fast alle der 34 ehrenamtlichen Mitarbeiter von SOS Desaparecidos haben selbst nahe Angehörige oder Freunde, die als vermisst gelten. Der Verein gründete sich im Jahr 2010 als Zusammenschluss von Suchenden, um die Kräfte zu bündeln und die Chance – und sei sie noch so gering – zu erhöhen, dass der geliebte Bruder, die Partnerin, der Sohn oder die Großmutter wieder auftauchen. „Damals gab es keine einheitliche Koordination der verschiedenen polizeilichen Institutionen, und auch keine öffentlich im Internet einsehbaren Vermisstenlisten mit Fotos", so Amills.

Das ist mittlerweile anders. Im Centro Nacional de Desaparecidos, das dem spanischen Innenministerium untersteht, laufen die Fäden zusammen. Egal, wo in Spanien jemand eine Vermisstenanzeige bei der Polizei aufgibt: Die Daten werden direkt ins zentrale Register der Vermisstenbehörde eingespeist – und dann auch direkt an SOS Desaparecidos weitergeleitet, wo man nach jahrelanger Erfahrung auf die möglichst weitreichende Verbreitung der Steckbriefe spezialisiert ist. „Wir bekommen sie etwa 30 Minuten, nachdem die Anzeige aufgegeben wurde. Dann machen wir uns mit allen Kräften daran, sie so weit wie möglich zu streuen", so Amills. Das sei dank der technischen Fortschritte natürlich immer einfacher. Trotzdem zähle vor allem, dass es schnell geht. „Denn die Zeit ist nie auf der
Seite der Verschwundenen
."

Tatsächlich tauchen 43 Prozent der als vermisst gemeldeten Personen innerhalb der ersten 48 Stunden wieder auf, nach zwei bis vier Tagen sind es nur noch 17 Prozent, nach fünf bis sieben Tagen elf Prozent. „Von denen, die seit mehr als 180 Tagen verschollen sind, ist es nur noch ein Prozent", so Amills. Umso wichtiger sei es daher, mit Vermisstenanzeigen nicht lange zu warten. „In Spanien gibt es da keine Mindestdauer, die jemand weg sein muss. Wenn ein begründeter Verdacht besteht, dass ein Mensch verschwunden ist, dann sollte man besser nach drei Stunden zur Polizei gehen als erst am nächsten Morgen."

Sich direkt an SOS Desaparecidos wenden können sich die Angehörigen oder Freunde ohne offizielle Anzeige nicht. „Die brauchen wir, alleine schon, um Witzbolde auszubremsen, oder auch Menschen, die beispielsweise ein Annäherungsverbot im Fall des angeblich Vermissten haben und diesen ausfindig machen wollen." Einmal bei der Polizei registriert, steht Angehörigen jedoch die breite Hilfspalette von SOS Desaparecidos zur Verfügung: juristischer Beistand, Hilfe bei bürokratischen Schritten, psychologischer Beistand.

„Es ist schlimm, wenn man ganz plötzlich vom Unfalltod eines nahestehenden Menschen hört. Doch obwohl es einen schockiert und wehtut, kann der Trauerprozess einsetzen, und der Schmerz beginnt langsam abzuflauen. Wenn aber jemand einfach verschwindet, ist das anders, dann wird der Schmerz mit den Jahren höchstens eingefroren", so Amills.

Mit das Schlimmste sei es, dass es Millionen Fragen gebe, aber niemanden, der sie beantworten kann. Und dass die Hoffnung – egal, wie unwahrscheinlich ein Auftauchen mit der Zeit wird – nie ganz sterbe. „Man kann so etwas nicht verarbeiten, es verändert das Leben. Man kann nur allmählich lernen, irgendwie mit dem Schmerz weiterzuleben."

Ähnlich beschrieb auch Natalia Rodríguez in den vergangenen Jahren in Interviews mit mallorquinischen Lokalmedien ihre Gefühle. Ihre Tochter Malén Ortiz verschwand 2013 im Alter von 15 Jahren ganz plötzlich auf dem Weg zu ihrem Freund nahe Magaluf. Sie gilt als der bekannteste Fall der Balearen. Nicht nur, weil ihre Mutter bis heute regelmäßig öffentlichkeitswirksame Gedenkveranstaltungen organisiert und nicht müde wird, vor die Presse zu treten, sondern auch, weil es sich um eine Minderjährige handelt, die ohne nachvollziehbaren Grund verschwand. „Die Medien interessieren sich nun mal weniger stark für eine über 70-jährige Demenzkranke", so Amills. Dennoch befürwortet er Rodríguez' Medienauftritte. „Es schärft allgemein das Bewusstsein für das Thema, und das kann auch anderen Fällen zugutekommen."

In Maléns Fall gingen die Ermittler schon nach kurzer Zeit davon aus, dass es sich um eine desaparición forzada handelt, wörtlich ein „erzwungenes Verschwinden". In solchen Fällen, hinter denen mutmaßlich auch ein
Gewaltverbrechen stehen kann, sind nicht selten auch Elternteile von Kindern verwickelt, die den Sohn oder die Tochter gegen den Willen des anderen Elternteils und gegen gesetzliche Bestimmungen mitnehmen und den Kontakt zum familiären Umfeld abbrechen.

Davon zu unterscheiden ist zum einen die desaparición voluntaria, also das freiwillige Verschwinden eines Volljährigen, der beispielsweise Kleidung, Geld und Papiere mitgenommen hat und untergetaucht ist. „Teilweise melden sich die Personen später bei uns, um mitzuteilen, dass es ihnen gut geht, dass sie aber keinen Kontakt zu ihren Angehörigen wünschen", so Amills. In rund 70 Prozent der Fälle sprechen die Ermittler von einer desaparición involuntaria, also dem unfreiwilligen Verschwinden ohne Fremdeinwirkung. Dazu gehören Menschen, die aufgrund von psychischen Erkrankungen, Demenz oder geistigen Behinderungen verschollen sind. „Natürlich kann im Laufe der Ermittlungen der Grund des Verschwindens auch anders eingestuft werden", so Amills.

Was immer die Ursachen dafür sind, dass Menschen plötzlich einfach nicht mehr auffindbar sind – die Sicherheitskräfte müssen ihr Möglichstes tun, um die Spuren zurückzuverfolgen, gegebenenfalls auch zusammen mit ausländischen Kollegen und Interpol.

Allein auf den Balearen gingen über das Jahr 2020 hinweg 718 Vermisstenmeldungen ein, insgesamt 132 Meldungen sind noch immer aktiv, darunter auch die von dem sympathisch lächelnden Rem Michael Kingston. „Natürlich sind wir davon überzeugt, dass Hoffnung wichtig ist, sonst würde unsere Arbeit keinen Sinn ergeben", so Joaquín Amills. Manchmal trage das dann auch Früchte: Im vergangenen Dezember konnte mithilfe der Vereinigung SOS Desaparecidos ein Mann in Peru gefunden werden, der zwei Jahre zuvor in Spanien verschwunden war und seitdem in Südamerika auf der Straße lebte. „Er hatte einige Verletzungen und war verelendet, als man ihn fand, aber er lebte."

Im Fall von Kai Palmer dagegen, der im August 2017 in Cala Ratjada verschwand, gab es kein Happy End. Die Leiche des 28-jährigen Kölners wurde fünf Monate nach seinem Verschwinden in einem privaten Keller in dem Küstenort aufgefunden. So schrecklich die Todesnachricht für die Mutter gewesen sein muss, so wertvoll war sie auch. „Nur so kann die innere Qual beendet werden", so Amills.

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