05. Juli 2018
05.07.2018

Wirkliches, Unwirkliches, allzu Unwirkliches

Ein neuer Beitrag von Heinz Rogel aus seiner MZ-Kolumne "Zwei zu null für Wittgenstein"

05.07.2018 | 16:30
Wirkliches, Unwirkliches, allzu Unwirkliches

Wenn die alemannische Nationalmannschaft spielt, dann geht eine Art kommunikativer Ruck durch unsere landsmännische Stammtischrunde. Plötzlich ist keine Rede mehr davon, dass man den Bayern die Lederhosen ausziehen müsse. Oder dass die Kicker der einen oder der anderen nordalemannischen Stadt Fischgestank verbreiteten. Oder dass es sich bei jenem Club in Königsblau um den FC Scheiße handle. Nunmehr halten wir treu und unverbrüchlich zusammen und schmähen gemeinsam den bösen Feind aus England, aus Frankreich oder aus Österreich.

Oder aus Südkorea...

Nach dem Schlusspfiff stehen wir kognitiv wie affektiv vor einem philosophischen Erkenntnisproblem universalen Ausmaßes. Sind wir da eben?„?bei "Can Joan" an der Hafenpromenade sitzend und umgeben von hämisch jubelnden Einheimischen?„?etwa Zeugen geworden, wie ein asiatischer Fußballzwerg uns ewige Fußballweltmeister besiegt hat? Beziehungsweise besiegt haben soll?

Nein, ist Manfreds Antwort. Nein, das könne nicht wahr sein, das widerspreche ja allen Naturgesetzen. Und allen grundlegenden Geltungsansprüchen, pflichtet Erich ihm bei. Und er fügt hinzu: Was da eben passiert sei, äh, passiert sein soll, das trage deutliche Anzeichen des Unwirklichen. Man dürfe bestimmten Sinneswahrnehmungen nicht so einfach unbesehen zugestehen, sie seien realitätstauglich. Vor allem dann nicht, wenn diese Wahrnehmungen sich ganz offensichtlich dem gesunden Menschenverstand widersetzten. Wir nicken eifrig und blicken finster zu dem Bildschirm hinüber, auf dem die Südkoreaner sich aus irgendeinem völlig unverständlichen Grund gerade triumphierend in den Armen liegen.

Erich versucht sich an einer Erklärung für dieses merkwürdige Verhalten. Psychologisch gesehen sei das eine so genannte Dissoziation. Diese armen kleinen Kerle da litten vorübergehend an kollektivem Realitätsverlust. Die würden wahrscheinlich alle gerade irgendwelche Stimmen im Kopf hören, die ihnen einredeten, sie hätten das Spiel gewonnen. Wir brechen in höhnisches Gelächter aus und schütteln grimmig die Köpfe, als jetzt auf dem Bildschirm das völlig illusorische Ergebnis erscheint, 2 : 0 für Südkorea.

Den restlichen Abend verbringen wir in einer anderen Tapas-Bar, vorsorglich in einer ohne Fernseher. Dort versichern wir uns gegenseitig anhand von Platons, Kants und Wittgensteins epochalen epistemologischen Letztbegründungen, wer der wahre Sieger der heutigen Begegnung war. Dabei trinken wir uns in Stimmung und gehen unser Repertoire an Tribünengesängen durch, von "Es gibt nur ein' Rudi Völler" bis "We are the Champions". Und auf dem Heimweg lassen wir unseren Mitternachtschor durch Cala Ratjada schallen: "So ein Tag, so wunderschön wie heute, so ein Tag, der dürfte nie vergehn."

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