11. Juni 2021
11.06.2021
Mallorca Zeitung

Anders als in Deutschland macht Impfen auf Mallorca gute Laune

Einige Dinge laufen auf der Insel gerade ziemlich gut. Ein Kommentar von MZ-Redakteur Tom Gebhardt

11.06.2021 | 13:29
Die balearische Ministerpräsidentin Francina Armgengol ist Jahrgang 1971, also war sie Ende Mai mit der Erstimpfung an der Reihe.

Es ist doch komisch, dieselben Corona-Impfstoffe verursachen auf Mallorca und Deutschland gerade sehr unterschiedliche Nebenwirkungen. Denn wer als Mallorca-Deutscher mit Freunden und Verwandten über das Dauerthema redet, stellt schnell einen krassen Gegensatz fest. Wer den Impfprozess auf der Insel hinter sich hat, berichtet meist positiv darüber, wie reibungslos alles geklappt hat. In Deutschland verbreitet das Thema hingegen zunehmend schlechte Laune. Einige Dinge - so scheint es - laufen hier auf Mallorca gerade ziemlich gut.

Erstens: Spanien hält die Impfreihenfolge streng ein. Der spanische König Felipe VI. ist Jahrgang 1968, also war er im Mai an der Reihe, im öffentlichen Impfzentrum des Wizink-Centers in Madrid. Die balearische Ministerpäsidentin Francina Armengol ist Jahrgang 1971 und saß ein paar Tage später im Impfzentrum in Palma de Mallorca. Man vergleicht das eigene Alter und denkt: Ach, sieh an, die ist also jünger oder älter als ich. Da die wenigen Impf-Vordrängler, zum Beispiel der mallorquinische Bischof, sofort gesellschaftlich geächtet wurden, versucht das nun niemand mehr.

Das hat den positiven Nebeneffekt, dass man nicht das Gefühl haben muss, ins Hintertreffen zu gelangen, nur weil man nicht über Beziehungen oder technische Tricks versucht, einen früheren Impftermin zu forcieren. Genau dieses Gefühl entsteht aber gerade bei vielen Deutschen. Das brave In-der-Schlange-stehen auf Mallorca ist viel stressfreier. Jahrgang für Jahrgang werden eben so viele Termine im Portal freigeschaltet, wie es auch an Impfdosen gibt.

Funktioniert das Portal einmal nicht, probiert man es halt eine Stunde später wieder und hat den Termin. Beim Impfen selber trifft man dann auf lauter gut gelaunte Leute. Erstaunlich: Die meisten kommen tatsächlich mit einem Grinsen aus dem gut organisierten Zentrum!

Zweitens: So wie man sich auf Mallorca keinen Impftermin über einen wohlgesinnten Hausarzt ermauscheln kann, darf sich auf Mallorca auch niemand - mit ganz wenigen medizinisch indizierten Ausnahmen - den Impfstoff aussuchen. Den legen die Behörden fest. Man kann sich dem Impfen komplett verweigern, aber nicht sagen, dass man zum Beispiel nicht mit AstraZeneca geimpft werden will. Damit hat niemand das Gefühl, dass er sich auf die Hinterbeine stellen müsste, um an den teureren oder vermeintlich besseren Stoff zu gelangen. Auch das verursacht nämlich in Deutschland gerade die unerwünschten Nebenwirkungen Stress und Missgunst.

Drittens: Durch die zentrale Organisation hat man in Spanien auch nicht das Gefühl, dass öffentliche Steuergelder unnötig verprasst werden. Die Skandale über Betrug mit teuer abgerechneten, aber niemals durchgeführten Tests oder Maskeneinkäufe halten sich in Grenzen. Den Covid-Impfpass muss man sich selber runterladen oder bis in die nächste größere Stadt fahren. Auf Apotheker als Zwischenhändler verzichtet man hierzulande.

Selbstverständlich kann diese positive Grundstimmung auf Mallorca auch wieder kippen. Vielleicht kommen die großen Skandale erst später ans Tageslicht. Aber im Moment entsteht gerade ein solidarisches Gefühl. Sogar sonst sehr kritische Stimmen wie der Schrifsteller Isaac Rosa sind gerade ein bisschen stolz auf Spanien und seine Bevölkerung. /tg

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