Meinung | Insel(t)räume
“Zwölf Punkte? Ernsthaft?”
MZ-Kolumnistin Sophie Mono über Missverständnisse auf Spanisch

Kommunikation ist nicht immer eindeutig / Shutterstock
Ich starre meinen Freund entsetzt an. Da sitzt er ganz locker hinterm Steuer, und erzählt mir seelenruhig, dass er schon zwölf Punkte in Flensburg hat. Also nicht direkt in Flensburg natürlich. Wir sind ja in Spanien. Wie heißt das hier eigentlich? Flensburgo? Wohl kaum. Egal. “Du hast wirklich zwölf Punkte? Wieso hast du denn da noch den Führerschein”, hake ich aufgebracht nach. Was fällt dem eigentlich ein, so zu rasen, wo er doch schon mit einem Bein im Gefängnis zu stehen scheint. Es dauert fünf weitere Minuten größter Verwirrung, bis wir (ich Deutsche, er Spanier), klären können: In Deutschland sind Punkte im Straßenverkehr schlecht, in Spanien gut. Zwölf Punkte, besser geht's nicht. ¡Aaaah, vale!
Kommunikation auf Spanisch ist manchmal verwirrend
Es sind diese kleinen Missverständnisse, die es ganz schön in sich haben. Besonders in der ersten Zeit nach der Auswanderung. Manchmal entgeht man ihretwegen nur knapp kleinen Beziehungsdramen. So wie damals, vor Jahren: Unsere Beziehung ist noch frisch, die familiären Bande zart, da fragt mein Freund aus heiterem Himmel: “Ich muss meine Oma besuchen, sie ist krank. ¿Te importa venir?” Oh, denke ich. Die Frage hat Tiefgang. ¿Te importa venir? Warum fragt der mich, ob es mir wichtig ist, mit zu seiner kranken Oma zu gehen? Ist das jetzt ein Test, um herauszufinden, wie ernst ich unsere Beziehung einstufe? Oder will er damit sagen, dass er mich nur mitnimmt, um mir einen Gefallen zu tun, weil er denkt, dass es mir wichtig sein könnte? “Äääh, no sé...”, antworte ich ausweichend, noch ganz damit beschäftigt zu verstehen, wie ich diese seltsame Frage einordnen soll – und wo auf einer Skala von 1 bis 10 für mich nun die Wichtigkeit eines Besuchs bei seiner Oma liegt.
Missverständnisse mit Humor nehmen
Es soll ein paar Wochen dauern, bis wir dieses malentendido aufklären können. Da nämlich kommt mein werter Herr Freund schon wieder mit so einer philosophisch anmutenden Frage um die Ecke: “¿Te importa sacar la basura?” Also jetzt will der auch noch wissen, ob es mir wichtig ist, den Müll rauszubringen? “No”, ist meine eindeutige Antwort. Warum sollte es mir wichtig sein, die Abfälle auf ihrem letzten Gang zum Container zu begleiten? Ich spüre keine tiefere Verbindung zu den Essensresten und dem verschmierten Küchenpapier im Sack. “No me importa. Das kannst du gerne selber machen”, sage ich. Und merke an seiner Reaktion: Irgendwie war das jetzt schon wieder daneben.
Das Schöne an Missverständnissen ist: Irgendwann lösen sie sich meist auf – und der Erkenntnisgewinn ist hoch. Auf sachlicher und beziehungstechnischer Ebene. Nach einigem Hin und Her habe ich dann nämlich doch kapiert, was er meint. Dass “¿te importa?” nämlich gar nicht “ist es dir wichtig?” bedeutet, sondern “stört es dich?”. Mit einem knappen “Nee, kein Problem, ich begleite dich zur Oma, das stört mich gar nicht” und “Nein, klar, ich kann den Müllsack runterbringen” wäre die Sache gegessen gewesen. Und selbst wenn nicht – manchmal muss man in Beziehungen eben Kompromisse eingehen. Kompromisse, im Sinne von acuerdos, nicht im Sinne von compromisos wohlgemerkt. Aber das ist eine andere Geschichte...
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