Meinung | Unter Strom
Künstliche Intelligenz im Fadenkreuz: Wie Moskaus Desinformationsnetz die Glaubwürdigkeit unserer digitalen Helfer untergräbt
MZ-Kolumnist Markus Dold warnt vor manipulierten Informationen im Netz

Künstliche Intelligenz vernetzt Informationen, ohne nachzufragen / RS-Studios/stock.adobe.com
Während sich Europa auf touristische Rekorde vorbereitet und die Insel mit Sonnenstrahlen und Sommerangeboten glänzt, braut sich in der digitalen Welt ein Sturm zusammen, der nicht nur das Vertrauen in Technologie erschüttert, sondern auch die demokratische Meinungsbildung bedroht. Im März dieses Jahres veröffentlichte die US-Organisation NewsGuard einen alarmierenden Bericht: Russland manipuliert gezielt westliche KI-Systeme – darunter auch populäre Chatbots wie ChatGPT – mit dem Ziel, Desinformation im großen Stil zu verbreiten.
Die Rede ist von einem neuen strategischen Mittel: „LLM Grooming“ – ein Begriff, der so unscheinbar wie technokratisch klingt, aber in Wahrheit einen beunruhigenden Kern hat.
Der neue Informationskrieg
Statt sich mit Bots in Kommentarspalten oder manipulierten Videos zu begnügen, nutzt das sogenannte Prawda-Netzwerk aus Moskau nun die moderne Funktionsweise von KI-Systemen aus. Es schleust gezielt Millionen von Propagandainhalten ins Internet – auf Webseiten, in Foren, sozialen Netzwerken und vermeintlichen Nachrichtenseiten. Ziel ist es, diese Inhalte so präsent zu machen, dass sie von den großen Sprachmodellen bei ihrer Datenverarbeitung mitgelernt werden.
Diese sogenannten LLMs (Large Language Models) – das Herzstück moderner KI – reproduzieren in Folge Desinformation, ohne dies als solche zu erkennen. Sie zitieren etwa Kreml-nahe Quellen wie „Prawda“ oder verbreiten falsche Narrative, etwa über angebliche US-Biowaffenlabore in der Ukraine.
Laut NewsGuard fiel eine erschreckende Zahl von sieben der zehn getesteten KI-Systeme auf diese Manipulation herein.
Mallorca, Madrid, Moskau – das Problem kennt keine Grenzen
Was auf den ersten Blick nach einem US-amerikanischen Problem klingt, hat längst globale Ausmaße. Das Prawda-Netzwerk operiert laut Bericht in 49 Ländern, verwendet Dutzende Sprachen – und nutzt Plattformen wie Telegram, X (ehemals Twitter) und sogar Bluesky, um Falschinformationen millionenfach zu verbreiten. Die KI wird so zum willfährigen Verbreiter von Halbwahrheiten – nicht aus böser Absicht, sondern weil sie auf fehlerhaften Quellen lernt.
Und während die Propaganda ihre Kreise zieht, herrscht auf der politischen Bühne bemerkenswerte Stille. In den USA hat Verteidigungsminister Pete Hegseth nach Medienberichten alle Cyberoperationen gegen Russland vorübergehend gestoppt – mit der Folge, dass russische Desinformationskampagnen derzeit nahezu unbehelligt expandieren können.
Die Vertrauenskrise in der Technologie
Diese Entwicklung ist keine akademische Fußnote. Sie betrifft die Funktionsweise von Suchmaschinen, digitalen Assistenten, Service-Bots in Unternehmen und sogar Bildungseinrichtungen. Wenn KI nicht mehr zuverlässig ist – was bleibt dann? Vertrauen ist die Währung digitaler Kommunikation. Wird dieses Vertrauen verspielt, stehen nicht nur Tech-Unternehmen unter Druck, sondern auch Institutionen, die auf KI setzen.
Entscheider in Politik und Wirtschaft stehen nun vor einer unangenehmen Frage: Wie lässt sich verhindern, dass fremde Mächte unsere digitalen Werkzeuge gegen uns wenden?
Was jetzt geschehen muss
Der Schutz vor „LLM Grooming“ erfordert ein Bündel an Maßnahmen:
- Transparenz: KI-Systeme müssen klar angeben, auf welchen Quellen ihre Aussagen basieren.
- Zusammenarbeit: Regierungen, Tech-Konzerne und Forschungseinrichtungen müssen global vernetzt agieren, um Manipulationen frühzeitig zu erkennen.
- Aufklärung: Nutzerinnen und Nutzer sollten besser verstehen, wie KI funktioniert – und wo ihre Grenzen liegen.
Und Mallorca? Auch wir auf der Insel sind Teil dieser digitalen Welt. Hotels, Behörden, Unternehmen nutzen zunehmend KI-basierte Systeme. Wenn wir unsere digitalen Helfer nicht kritisch hinterfragen, laufen wir Gefahr, zum unbewussten Teil einer globalen Desinformationsmaschinerie zu werden.
Fazit: Digitale Souveränität beginnt im Kopf
Künstliche Intelligenz ist weder gut noch böse. Sie spiegelt das, womit wir sie füttern. Umso wichtiger ist es, dass wir als Gesellschaft wachsam bleiben. Denn wer die Informationsflüsse kontrolliert, kontrolliert letztlich auch das Denken.
Der digitale Krieg ist längst entbrannt. Seine Schlachtfelder sind nicht sichtbar – aber sie reichen bis in unsere Smartphones, Suchanfragen und Chatbots. Es liegt an uns, ob wir zuschauen oder handeln.
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