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Meinung | Der normale Wahnsinn

Die Work-Life-Balance der Polizisten am Ballermann

MZ-Kolumnist Ingo Wohlfeil sinniert über die Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit des neuen Sicherheitskonzeptes an der beliebten Urlaubermeile

Die Schinkenstraße an der Playa de Palma

Die Schinkenstraße an der Playa de Palma / Pere Joan Oliver

Seit Neuestem bietet sich ein tolles Spektakel in der Schinkenstraße. Zeitgleich packen rund 200 Straßenhändler in aller Seelenruhe ihren Trikot- und Tinnef-Basar zusammen und schlurfen in einer müden Massenbewegung in eine Seitenstraße. Sobald sich der Schwarm der fliegenden Händler aufgelöst hat, wird der Grund dieses Massenexodus im Schlendergang sichtbar: es ist die großangekündigte Rathaus-Offensive gegen Sauftourismus, Diebstahl & Drogenhandel. Und die erscheint in der Schinkenstraße in Form von drei wenig trainiert wirkenden Herrschaften von der Policia Local auf gemütlicher Patrouille durch die Feiermeile. Vielleicht sind die drei Burschen in Uniform aber auch nur dort, um ein Grinse-Selfie zu machen für oder die anschließende Kaffee-Siesta in der Schinkenbude San Siro, oberhalb des Bierkönig. Diese Beamten scheinen es wirklich ernst zu meinen – mit ihrer Work-Life-Balance. 

Trotz dieser Beobachtung; die Maßnahmen zeigen erste kleine Wirkungen. Der sogenannte ambulante Handel der afrikanischen Händler ist vorerst gestört. Auch werden immer wieder Beamte in Zivil beobachtet, die die Plagiats-Waren konfiszieren.

Doch da ist es wie mit der Hydra. Wird ein Kopf abgeschlagen, wachsen zwei neue nach.

Im reichhaltigen Offensiv-Vokabular des Bürgermeisters wider der mannigfaltigen Playa-Probleme zu Saisonbeginn spielten auch Dronen eine Rolle. Die sollen den Strand nach Alko-Rüpeln absuchen sollte. Wie Geschäftsleute versichern sei in den letzten 30 Tagen ein einziges Mal eine Drone gesichtet worden, wobei nicht klar sei, ob die in offizieller Mission unterwegs war oder von einem Touri gelenkt wurde. 

Beindruckendes Verhalten legen die Beamten der Policia Local allerdings bei der Kontrolle gastronomischer Einrichtungen an den Tag. Da wird schon mal kurz vor Zapfenstreich geguckt, ob der Feuerlöscher an der richtigen Stelle hängt oder ob alle Papiere auch in Ordnung sind. Gastronomen haben einen Vorteil für die Behörden: sie laufen nicht einfach schnell weg, wie der illegale Getränkehändler oder reisen auch nicht ab, wie der verhaltensauffällige Tourist.

Der Wirt ist des Polizisten, was der Sauftourist des Diebes ist: leichte Beute.

Und damit sind wir beim bisher ungelösten Playa-Problem: den Diebesbanden. Täglich werden Dutzende Handys, unzählige Portemonnaies geklaut. Menschen werden bedroht, geschlagen, verletzt. Hier ist die Polizei bisher überfordert, auch wenn ihre derzeitige Präsenz ein gewisses Sicherheitsgefühl suggeriert. Dennoch bleibt eine Text-Bild Schere. Da klafft ein großes Loch zwischen den Ankündigungen aus dem Rathaus und der Realität der Straße. Bürgermeister Jaime Martinez sollte daran gelegen sein, dieses Loch in dieser Saison tunlichst zu schließen. Es sei denn, er möchte in die Ahnengalerie seiner Amtsvorgänger einreihen, die viel am Strand versprachen, um am Ende nichts durchzusetzen.

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