Meinung | Ja, aber...
Reifeprüfung in Sachen Tourismus
MZ-Kolumnistin Alexandra Wilms ordnet die aktuellen Formulierungen von José Marcial Rodríguez, dem Ressortleiter für Tourismus im Inselrat von Mallorca, ein

Alle Impressionen von der Großdemonstration gegen die Wohnungsnot in Palma / Nele Bendgens
Das Dasein eines Politikers ist wirklich kein leichtes. Ständig will jemand was von einem, die eigenen Wähler, die des „feindlichen“ Lagers, und nicht zuletzt nervige Journalisten. Das kann ganz schön ermüdend sein.
Doch es gibt ja bewährte Hilfsmittel. Zum einen Wort- und Satzhülsen, die sich hervorragend dafür eignen, unangenehme Fragen mit ein paar knackigen Sätzen inhaltlich vollkommen unbeantwortet zu lassen, ohne dass sich groß jemand darüber aufregt.
Oder festangestellte Profis zwei bis drei Phrasen formulieren zu lassen, die die Problematik umschiffen oder so relativieren, dass man niemandem wirklich auf die Füße tritt, die eigene Klientel aber trotzdem zufriedenstellt.
Diese Aussage ging jedenfalls gründlich daneben
Welchen der Lösungsansätze der im Inselrat von Mallorca zuständige Ressortleiter für Tourismus beherzigt, ist unklar. Doch seine vergangene Woche getroffene Aussage „Mallorca hat kein Tourismusproblem, sondern ein Problem der sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Reife“ wirkt doch etwas unglücklich gewählt.
Vielleicht auch, weil sie recht viel Interpretationsspielraum zulässt. Gerade für zynisch gesinnte Schreiberlinge auf der Suche nach Rohmaterial. Sagt er da ernsthaft, dass es der Gesellschaft, also den Einheimischen, an der nötigen Reife fehlt, einfach mal die Klappe zu halten und halt bitte sechs Monate pro Jahr zu Hause zu bleiben, um einen ruhigen Ablauf des Business zu garantieren, das – relativ betrachtet – recht vielen, absolut aber doch eher wenigen die Taschen vollmacht?
Meint er mit „Mallorca“ gar nicht die Bevölkerung, sondern die Entscheider? Also eher ein hilflos-selbst therapeutisches „Wir kriegen es leider einfach nicht hin“? Oder hat er einfach verbal beherzt in die Wirtschaftstheorie-Kiste gegriffen, die glücklicherweise so tief ist, dass der ahnungslose Bürger das halt nicht verstehen kann?
Kein Wunder wenn bald noch mehr Einheimische auf die Straße gehen
Keine der Optionen lässt den Leser der Aussage sonderlich glücklich zurück. Entweder ist es nur die Schuld der Mallorquiner, weil sie aus einem Flugsaurier ein schwarzes Loch gemacht haben (der Mücke-Elefant-Vergleich würde der Problematik an dieser Stelle einfach nicht gerecht werden). Oder das Eingestehen des Totalversagens derjenigen, die doch eigentlich dafür bezahlt werden, Probleme anzugehen und zu lösen. Oder eine jener Formulierungen, die so vieldeutig daherkommen, dass man sie notfalls in jede Richtung deuten kann - solange sie nicht allzu konkret werden muss.
Darf der Gute sagen, was er will? Ja. Nur sollte er sich nicht wundern, wenn am Sonntag bei der „Weniger Tourismus, mehr Leben“-Demo noch ein paar mehr Menschen auf die Straße gehen. Reif genug sind sie jedenfalls.
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