Meinung | Insel(t)räume
Mallorcas neue Normalität
MZ-Kolumnistin Sophie Mono wohnt bei einer Mallorquinerin zur Miete und zittert jeden Monat um ihr Zuhause

Fensterläden streichen ist nur eine der Aufgaben, die von der Vermieterin gefordert werden / Sophie Mono
Drinnen streiten sich die Kinder, der Wäschekorb quillt über und eigentlich müssen wir auch noch einkaufen. Und was mache ich? Streichen. Pinselstrich um Pinselstrich, ein dunkles Waldgrün. So gar nicht meine Farbe. Aber um meine Meinung geht es hier nicht. Und auch nicht darum, ob die Streicherei nun in meine Zeitplanung passt (nein, sie passt nicht).
Ich muss streichen. Elf mittelgroße Fensterläden und sechs große fensterlädenartige Terrassentür-Elemente. Mit je 52 Lamellen vorne und 52 hinten. Fleißarbeit. Ich muss streichen, weil unsere Vermieterin, eine Mallorquinerin, es so will. Und was unsere Vermieterin will, ist für uns derzeit so gewichtig wie für die Pilger auf dem Petersplatz die Worte des Papstes.
Die Vermieterin hat das Sagen
Die Weisung kam bei ihrem monatlichen Mietkassier-Besuch. Er lässt uns stets erzittern. Kündigt sie uns den ohnehin immer nur ein Jahr gültigen Mietvertrag? Erhöht sie die Miete? Nichts von beidem. Stattdessen: „Streicht ihr die Fensterläden, wenn ich euch Farbe bringe?“
Eine Fangfrage, die kein Nein zulässt. Nicht in unserer Situation.
„Vorher abschleifen, jede Lamelle einzeln“, fügte sie hinzu.
„Klar“, sagte mein Freund matt. In meinem Kopf wuchs die imaginäre To-do-Liste für alles, was in den kommenden Wochen gemacht werden muss - neben den ganz normalen zwei-kleine-Kinder-Haushalt-Berufs-Aufgaben. Da ist ja auch die marode Gartentreppe, die von uns repariert werden will. Und die kaputte Türaufhängung im Gartenschuppen, dessen Dach schon wieder undicht ist. Nicht zu vergessen die Elektrik im Schlafzimmer, die immer wieder spinnt. Früher haben wir bei solchen “Problemchen” unsere Vermieterin angerufen und sie engagierte Handwerkerfreunde.
Im Abhängigkeitsverhältnis
Heute nicht mehr. Sie lässt uns wohnen, in einem teils renovierungsbedürftigen Haus mit chronisch feuchten Wänden und 50 Jahre altem Badezimmer - dafür aber auch mit Garten, drei Schlafzimmern und Garage. Ein Luxus, der auf Mallorca längst nicht mehr selbstverständlich ist. Und das zu einem Mietpreis, der zwar jährlich erhöht wird, aber immer noch deutlich unter allem liegt, was der kopfstehende Mietmarkt heutzutage an Wahnsinnssummen aufzuweisen hat.
Wenn unsere Vermieterin wollte, dann könnte sie dreimal so viel Miete verlangen, als bei unserem Einzug vor neun Jahren vereinbart. Mietanfragen hätte sie dann trotzdem genug. Wir allerdings säßen bei solchen Summen auf der Straße - würden vermutlich nicht einmal eine kleine Zweizimmerwohnung finden. Das weiß ich und das weiß sie. Und so ist aus einem anfangs ebenbürtigen Mietverhältnis (Wohnrecht gegen Geld) in den letzten Jahren ein Abhängigkeitsverhältnis geworden, bei dem wir die Bittsteller sind und ihrem Wohlwollen unterliegen – und ihren Ansprüchen.
Pinselstrich um Pinselstrich, Lamelle um Lamelle arbeite ich mich weiter vor. Als der erste Fensterladen zur Hälfte fertig ist, entspanne ich mich innerlich. Unsere Kinder lieben “ihr Zuhause”, wir kommen finanziell über die Runden. Es geht uns verdammt nochmal gut! Auch wenn wir jeden Monat zittern müssen. Mallorcas neue Normalität.
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