Meinung | Insel(t)räume
Über die Relativität von Distanzen
MZ-Kolumnistin Sophie Mono fragt sich, warum sich bei Inselbewohnern die räumlichen Perspektiven verändern

Lebt man auf einer Insel, erscheinen Distanzen plötzlich größer. Hier: Blick auf die Insel sa Dragonera. / Consell de Mallorca
Alles ist, wie wir wissen, relativ. Die politischen Vorstöße zur Schwarzbauten-Legalisierung, mit denen die rechtsextreme Partei Vox den Landschafts- und Umweltschutz auf Mallorca untergräbt, sind beispielsweise relativ skrupellos. Verglichen mit Donald Trumps Anti-Klima-Entscheidungen, die immerhin globale Auswirkungen haben, sind die Insel-Rechtspopulisten allerdings eher ein bedauerlicher, aber relativ bedeutungsloser Haufen.
Auch Entfernungen sind relativ. Je begrenzter das Gebiet, desto weiter kommen einem auch kürzere Strecken vor. Ich war nie auf Formentera, aber ich vermute, dass für die Einheimischen dort ein Trip von der Südostspitze zur Nordwestspitze (gerade mal 20 Kilometer) relativ weit ist. Mallorquiner hingegen empfinden die Strecke von Palma nach Cala Ratjada (80 Kilometer) als regelrechte Himmelfahrt. Einige Jahre bin ich die Strecke mehrmals pro Woche zur Arbeit gependelt. Ich habe nicht einen Mallorquiner getroffen, der sagte: “Ach, halb so schlimm.” Stattdessen war die einhellige Reaktion: Augenaufreißen, entsetzte Stimmlage und der Satz “Das ist aber weit, und das so oft, Wahnsinn”. Interessant: Bei Palmesanern fiel die Reaktion durch die Bank noch dramatischer aus als bei Einwohnern aus dem Inselosten – gezwungenermaßen sind die es nunmal eher gewohnt, den relativ weiten Weg auf sich zu nehmen, sei es zum Flughafen, zu Behörden oder zum Baumarkt.
Wenn die eigene Welt perspektivisch immer kleiner wird
So oder so: Eingeborene Insulaner haben die Abneigung gegenüber relativ langen (oder je nach Perspektive kurzen) Strecken wohl mit in die Wiege gelegt bekommen. Erstaunlich ist eher, dass wir Zugezogenen da auch mitziehen. Nicht lange, und ich nahm selbst die Haltung an, dass die Strecke Palma-Cala Ratjada an Aufwand kaum zu übertreffen ist. Man wird träger, je länger man auf der Insel wohnt. Geradezu überrascht war ich daher, als eine Freundin aus Berlin ganz anders reagierte, als ich mich über den langen Arbeitsweg beschwerte. “Eine Stunde, das geht ja. So lange brauche ich auch ungefähr von Tür zu Tür. Unter meinen Kollegen ist das so Standard.” Meine Freundin wohnt übrigens nicht nur in Berlin, sie arbeitet auch dort.
Anders als die Mallorquiner können wir Auswärtigen die eigene Entwicklung zur relativen Distanz-Perspektive vermutlich bewusster verarbeiten. Ich erinnere mich an einen Trip am Anfang meiner Insel-Zeit, bei dem ich an einem Tag Lluc, Sa Calobra, Sóller und Palma besuchte, bevor ich mich zurück nach Cala Ratjada begab. Oder an meine Erkundungstour von Palma aus, bei der ich nach Pollença, Formentor und Alcúdia auch noch einen Abstecher nach Cala Millor wagte – wenn man schonmal in der Gegend ist. Heute ist mir der bloße Gedanke ein Graus.
Zur Erweiterung des kulturellen Horizonts wäre es sicher relativ förderlich, wenn sich manch ein Bewohner öfter in weiter entfernte Inselgegenden aufmachte, statt nur ins Nachbardorf. Für den Umwelt- und Klimaschutz wäre die Gurkerei dagegen relativ doof. Bleiben wir also lieber bei kurzen Strecken. Am besten gleich mit dem Fahrrad – auch wenn die Radwege der Insel relativ bescheiden sind. Aber das ist eine andere Geschichte.
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