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Meinung | Insel(t)räume

Hagel statt Schnee: Wie ein Wetterphänomen Kinderherzen auf Mallorca berührte

Hagel, Sonne, Grillwetter – Mallorca im Dezember begeistert MZ-Kolumnistin Sophie Mono immer wieder

Mallorca: Wenn Hagelkörner den ersehnten Schnee ersetzen

Mallorca: Wenn Hagelkörner den ersehnten Schnee ersetzen / Sophie Mono

Zweiter Advent: 23 Grad, strahlend blauer Himmel. Feuer im Gartengrill statt im Kamin – herrlich! Auch nach mehr als zehn Jahren Mallorca staune ich jeden Winter aufs Neue entzückt, was das Inselwetter teilweise so zu bieten hat. Geht das eigentlich irgendwann weg? Dass man den Dezember automatisch mit Kälte, Frost und Schnee verbindet? Vermutlich nicht. Denn selbst die mallorquinischsten Mallorquiner tun das ja irgendwie. Mein Sohn musste in der Grundschule neulich inseltypische Weihnachtsverse auswendig lernen. In drei von vieren ging es um Eiseskälte und schneebedeckte Landschaften. Grillpartys im T-Shirt eignen sich einfach nicht gut als Motiv für die winterliche Lyrik – auch auf Mallorca nicht. Dann doch besser ein Winterwonderland, wie man es aus der Coca-Cola-Werbung kennt. Dabei haben die meisten der Kinder, die hier aufgewachsen sind, noch nie auch nur eine Schneeflocke gesehen – die paar Familien, die hoch oben in der Tramuntana wohnen, einmal ausgenommen.

Wenn Hagel zu Schnee wird

Noch lange Jahre werden die kleinen – und die großen – Insulaner sich daher an jenen 26. November 2025 erinnern. Den Tag, an dem der Hagel kam. La granizada. Innerhalb weniger Stunden gleich mehrere extreme Hagelschauer im Inselosten, bei denen wirklich viel herunterkam, was dann tatsächlich auch nicht ganz sofort wieder wegschmolz. Mit etwas Fantasie und ganz viel gutem Willen hatte man sie plötzlich vor sich, die weiße Winterlandschaft in Cala Ratjada, von der man sonst nicht einmal zu träumen wagt. Zumindest an der ein oder anderen Straßenecke, wo der Wind die Hagelkörner auf einen Haufen gefegt hatte, türmten sich sogar kleine weiße Hügelchen auf an jenem Novembertag. Naja, Hügelchen ist übertrieben. Nicht mehr als 20 Zentimeter hoch, nicht länger als zwei Stunden haltbar und nicht mal ansatzweise genug, um wirklich etwas damit anfangen zu können. Aber doch genug, um Kinderaugen zum Glänzen zu bringen. Schnell verwandelte der Volksmund den Hagel an diesem Morgen in Schnee. La nieve war plötzlich in aller Munde, da konnte kein Mallorquiner widerstehen. Und so entstanden bald an jeder dieser weißen Ecken entfernte Verwandte des gemeinen Schneemanns: die Hagelmännchen.

Sehnsucht nach weißer Weihnacht

Mickrig, trostlos, lächerlich – als Schnee erfahrene Sauerländerin kamen mir viele ähnliche Ausdrücke in den Sinn, als ich das Hagelmännchen betrachtete, das mir mein Sohn voller Stolz präsentierte. Doch dann musste ich daran denken, was ganz oben auf seinem Wunschzettel für den Papa Noel steht, und hielt lieber den Mund. „Schnee“, steht dort in seiner krakeligen Schulanfängerschrift. Immerhin wollen wir ja dieses Jahr ausnahmsweise mal in Deutschland Heiligabend feiern. Seit Wochen versuche ich, den Kindern klarzumachen, dass es auch bei Oma und Opa keine Schneegarantie gibt – nicht einmal im Dezember. Aber ich stoße damit regelmäßig auf taube Kinderohren. Weihnachten und Schnee, das gehört für sie in ihren Mallorca-Köpfen unzertrennlich zusammen, erst recht in Deutschland. Dabei sind 3 Grad und Nieselregen dort deutlich wahrscheinlicher. Wie tröste ich die Jungs, wenn es für sie trotz der Reise in den Norden keine weiße Weihnachten geben sollte? Mit Erinnerungen an den Hagel-Tag. Und an ein verschwindend kleines Hagelmännchen, das den bisherigen Winter für sie ebenso lohnenswert gemacht hat, wie es für mich die kurzärmeligen Grillpartys am Adventssonntag tun.

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