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Meinung | Insel(t)räume

Illegal – scheißegal? Schluss mit Mallorcas salonfähigen Gesetzesbrüchen

Auf Mallorca ist der Grat zwischen Alltag und Gesetzesverstoß schmal. MZ-Kolumnistin Sophie Mono kritisiert, dass illegale Bauten, Schwarzarbeit und Tricksereien vielerorts zur Norm gehören.

Illegal errichtetes Gebäude im ländlichen Raum.

Illegal errichtetes Gebäude im ländlichen Raum. / ADT

Keine Frage: Es gibt Deutsche, die sind durchtriebene Betrüger. Und Mallorquiner, die sind päpstlicher als der Papst. Oder umgekehrt. Und dann gibt es ganz viele Menschen jeglicher Nationalitäten, die im Großen und Ganzen regelkonform leben. In Deutschland genauso wie auf Mallorca. Und doch: Es ist nicht vermessen zu behaupten, dass von dieser großen Masse gesetzestreuer Bürger, die sich bemühen, alles mehr oder weniger so zu machen, wie es die staatlichen Spielregeln verlangen, auf der Insel doch ein wenig mehr Menschen ein wenig weniger gesetzestreu handeln.

Schwarzbauten und Schwarzarbeit sind gang und gäbe auf der Insel

Total überzogen? Geht so. Bestes Beispiel: Schwarzbauten. Auf Mallorca fallen mir auf Anhieb mehr als ein Dutzend engere und auch weniger enge Bekannte ein, von denen ich weiß, dass ihre Immobilie – meist frei stehende Häuser außerhalb der Ortschaften – nicht legal sind. Und noch ein weiteres Dutzend, bei denen zumindest Anbauten, Pools oder andere Extras nicht genehmigt sind – und laut geltendem Gesetz auch keine Lizenz bekommen würden. Warum ich das weiß? Weil sie es offen erzählen, wenn man das Thema auch nur streift.

Anderes Beispiel: Arbeitsschutz. Gerade in der Gastro- und Tourismusbranche sind die Arbeitgeber, die wirklich alle leyes laborales einhalten, in der absoluten Minderheit. Hier wird getrickst, mit Gehaltsabrechnungen, freien Tagen, Zusatzzahlungen und anderen unter-der-Hand-Abmachungen, sodass die in den letzten Jahren vermehrt eingesetzten Inspektoren eigentlich nur mit den Ohren schlackern können. Gleichzeitig versucht auch die Mehrheit der Angestellten, den Staat so gut es geht beim Thema Steuern auszutricksen – und macht bereitwillig mit bei den absurden Abkommen, die die Chefs ihnen vorschlagen.

Ganz zu schweigen von den Gesetzesbrüchen, die Vermieter und Immobilienagenturen täglich und an jeder Ecke begehen – ebenfalls, ohne auch nur die Stimme zu senken, wenn sie darüber sprechen.

Die Versuchung, mitzumachen, ist groß

Anfangs schockierten mich diese gängigen Praktiken. Doch man stumpft ab. Und gerät in die Gefahr, sich anzupassen. Zumindest passiv mitzumachen bei den kruden Spielchen. Das System droht, einen zu absorbieren. Wer nicht mitmacht, steht schlicht schlechter da. Das ist unfair, aber die Realität. Ein bisschen wie beim Thema Schönheitswahn. Wenn so gut wie alle tricksen, mit falschen Wimpern, falschen Brüsten, falschen faltenfreien Gesichtern, Nasen oder Haaren – was ist dann mit den wenigen, die nichts machen lassen?

Letztlich bleibt neben der Frage nach der eigenen Moral auch die des Warum. Warum ist Gesetzes-Trickserei auf Mallorca salonfähiger? Weil der Sozialstaat hier weniger Gewicht hat, als in Deutschland? Weil der Wohlstand geringer ist? Oder manche Gesetze realitätsferner sind und geradewegs dazu einladen, umgangen zu werden à la hecha la ley, hecha la trampa? Weil viele Strukturen und Bestimmungen noch auf Diktatur-Zeiten fußen und es nach Franco nie einen klaren Cut gab? Weil man den Gesetzesgebern dank der Korruptionsskandale ja eh nicht mehr trauen kann?

Hm. In Einzelfällen mag der ein oder andere dieser Aspekte als Ausrede gelten. In der Regel aber nicht. Es hinkt, sich gleichzeitig über eine zugebaute Insel zu beschweren, während man illegal auf suelo rústico haust. Oder sich über zu wenig staatliche Förderung für Wenig-Verdiener aufzuregen, und gleichzeitig den Fiskus zu bescheißen. Verbessern tut man dadurch nichts. Außer für sich selbst. Mallorca braucht gewiss keine deutsche Paragrafenreiterei. Aber hier und da etwas mehr Anstand.

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