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Meinung

Ohne Angst vor der letzten Reise: Was Erwachsene von Kindern über das Sterben lernen können

Eine Reise mit seinen Kindern wird für MZ-Kolumnist Mirko Perković eine berührende Lektion über das Leben und den Tod

Gelassen mit dem Tod umgehen: Kinder haben oft eine andere Sichtweise als Erwachsene dazu.

Gelassen mit dem Tod umgehen: Kinder haben oft eine andere Sichtweise als Erwachsene dazu. / Fotolia / t0m15

Abflug! Meine Frau und ich sind ein ungleiches Paar, wenn es um das Überleben in der Luft geht. Sie ist die Planerin, die die Tasche mit der Akribie einer Apothekerin bestückt – mit Galletas und Apfelschnitzen. Ich hingegen vertraue immer auf das Augenblickliche, auf das Improvisieren, selbst wenn die Welt ins Wanken gerät. In der Erziehung ist das unsere Stärke: Sie das Netz, ich der doppelte Boden. 

Über den Wolken, eingezwängt zwischen fremden Knien, hilft genau dieser Mix gegen die Ungeduld zweier Kleinkinder. Nach zwanzig Minuten ist der gesamte Proviant aufgegessen, zerbröselt, vergessen. Was bleibt, war die Energie einer Zweijährigen und einer Vierjährigen. Ein Tanz auf engstem Raum — bis die Stewardess mit Malheft und Buntstiften erscheint. Plötzlich: Stille.

Kinder begreifen den Abschied vom Leben intuitiver

Jedoch: der Grund unserer Reise ist kein farbenfroher. Wir fliegen zum Schwiegervater, dessen Körper müde geworden war. Im Krankenzimmer, zwischen dem Piepen der Monitore und dem so unendlich schweren Geruch von Abschied, passiert das, wovor wir Erwachsenen uns fürchten. Kinder hingegen haben diese schreckliche, wunderbare Gabe, die Wahrheit auszusprechen, bevor wir sie dann mit Trostworten ersticken können.

Die beiden stehen am Bett, sehen die Zerbrechlichkeit und fragen mit dieser glasklaren, unschuldigen Neugier: „Opa, bist du bald im Himmel?“ In diesem Moment bleibt die Zeit stehen. Es ist keine Frage der Angst, sie dient der Orientierung. Für sie ist der Himmel kein abstrakter Ort, sondern vielleicht nur die nächste große Reise, für die man nicht mal Koffer braucht.

Wieder auf Mallorca scheint die Sonne, als wäre nichts gewesen. Wenn ich jetzt nach oben schaue, sehe ich nicht mehr das Blau. Ich bete, dass meine Kinder recht behalten: Opa darf ja im Himmel sein, nur bitte im Flieger, um uns schon bald zu besuchen.

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