Meinung | Mein Mallorandum
Balkonien auf Mallorca: Die wahre Schönheit liegt in der flatternden Unterhose im Wind
Das Stadtviertel Pere Garau ist ein Ort, an dem Balkone bekennen, wer hier wirklich lebt, findet MZ-Kolumnist Mirko Perković

Balkone ohne Sichtschutz können viele Geschichten erzählen. / Mirko Perković
Pere Garau. Ein Viertel, das kein Postkartenmotiv ist. Hier trägt Palma keine Sonnenbrille mehr, hier hat Palma Augenringe. Mein iPhone will mich zu einem peruanischen Lokal peitschen, der blaue Punkt auf Google Maps zuckt nervös wie ein Koffein-Junkie, plötzlich: Stillstand. Schockstarre vor diesem rostroten Haus hier. Ein offenes Buch! Rissig, stolz, schamfrei.
In Deutschland ist „Balkonien“ eine sterile Schutzzone. WPC-Dielen, Sichtschutz in Anthrazit, Paranoia-Architektur. Wer hier grillt, hat vorher die Hausordnung auswendig gelernt. In Pere Garau ist die Fassade, die ich mustere, eben keine „Fassade“, eher ein Wimmelbild. Und ein öffentliches Bekenntnis.
Dritte Etage: Verwaschene Disney-Shirts hängen neben schwarzen BHs. Patchwork-Mutti-Territorium. Sie hat seit Jahren nicht durchgeschlafen, rührt im dritten Topf Spaghetti und ignoriert den zehnten Anruf des Ex-Mannes. Er sitzt wahrscheinlich unten in einem dieser weißen, verbeulten Berlingos und hofft auf einen Sekundenbruchteil Sichtkontakt am Fenster.
Ein Haus mit vielen Geschichten - offen für alle sichtbar
Im zweiten OG: Die Fahrrad-WG. Drei abgerockte Mountainbikes, festgekettet am Geländer. Vier argentinische Kellner im Schichtdienst auf Bodenmatratzen. Hier riecht es nach Moschus-Deo, alten Kaffeekapseln und der unerschütterlichen Hoffnung auf genug Trinkgeld für die eigene Bar.
Unten die Basis: „Barbería y Estética“. Fade-Cut für zehn Euro. Der Klempner aus dem Vierten parkt gerade seinen Trafic ein, um mit dem Opa aus dem Ersten – Thronfolge Plastikstuhl – über Real Madrid zu philosophieren. Bestimmt bei zwei bis drei Literflaschen des Eigenmarken-Cervezas.
Was will mein Navi jetzt? „Sie haben Ihr Ziel erreicht.“ Und eine Erkenntnis erlangt: Ein Haus ohne Nutz-Balkon – es hat nichts zu erzählen. Gilt ebenso für Gesichter ohne Falten. Wir Deutsche verstecken uns gerne hinter Doppelstabmattenzäunen, aber die wahre Schönheit? Sie liegt in der schamlosen Ehrlichkeit einer flatternden Unterhose im Wind. Hier wird nichts mehr inszeniert, hier wird einfach gelebt. Und das ist zwischen all dem polierten Insel-Marketing verdammt beruhigend.
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