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Meinung

Werteverfall im Alltag und in der großen Politik: Betrüger und Diebe wollen die Beute behalten

Eine zufällige Beobachtung entlarvt den Deal: Provision geprellt, Prozess gewonnen – doch die Dreistigkeit folgt danach erst richtig. Warum MZ-Kolumnist Lutz Minkner darin ein Muster erkennt, das auch bei internationalen Verhandlungen auftaucht

Wladimir Putin (M.).

Wladimir Putin (M.). / DM

Die Wissenschaft führt seit vielen Jahren eine Ethik- und Moraldebatte. Alte Wertvorstellungen, die als Grundlage und Kanon für den Zusammenhalt der Gesellschaft dienten, scheinen außer Kraft gesetzt zu sein. Im Alltag und in der großen Politik.

Trotz Urteil dreist genug, um zu verhandeln

Ich musste jüngst folgende Geschichte erleben: Kaufinteressent (A) waren von einem Mitarbeiter mehrere Villen vorgestellt worden. Von einer, die Verkäufer (B) gehörte, war er spontan begeistert, und mein Mitarbeiter moderierte Kaufverhandlungen. A bat noch um einen Tag Bedenkzeit. Am nächsten Tag rief A bei uns an und teilte mit, seine Frau wolle doch lieber auf dem Festland kaufen, und wenige Tage später meldete sich B bei uns und nahm sein Haus aus dem Verkauf, „da seine Kinder es behalten wollten“. So weit, so gut.

Bis einige Wochen später unser Mitarbeiter an dem Grundstück zufällig vorbeifuhr und sah, wie A die Hecke beschnitt. Kurzum: A und B hatten sich geeinigt, den Verkauf ohne uns abzuwickeln und uns um die Provision zu prellen. Das Ende: Wir verklagten A und B als Gesamtschuldner und gewannen natürlich den Prozess. Doch, die Betrüger toppten ihre Frechheit noch, als wir die Zwangsvollstreckung einleiteten: A erschien in meinem Büro: „Ja, das sei ja alles nicht so gut gelaufen, aber wir könnten uns doch bestimmt auf die Hälfte der Klagesumme einigen.“ „Wie?“, fragte ich. „Sie sind als Betrüger verurteilt und fragen mich ernsthaft, ob Sie die Hälfte der Beute behalten dürften?“ Schlussendlich zahlte A alles einschließlich Zinsen und Kosten.

Das Prinzip funktioniert genauso auf der Bühne der Weltpolitik

Die große Politik folgt offenbar demselben Geschäftsmodell: Da führt Putin einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine, in dem Hunderttausende Menschen getötet oder verletzt wurden, und erobert fast 20 Prozent des ukrainischen Staatsgebietes (beinahe 120.000 Quadratkilometer). Bei den aktuellen Verhandlungen in Genf ist aufgrund US-amerikanischen Drucks und unzureichender Hilfe der westlichen Unterstützerstaaten sogar der tapfere ukrainische Präsident Selensky bereit, Landverluste für gesicherten Frieden in Kauf zu nehmen, und die russische Delegation will eroberte Gebiete behalten und noch einen Zuschlag von noch nicht erobertem Gebiet. Kurzum: Auch hier will der Dieb, gegen den ein internationaler Haftbefehl besteht, die Beute behalten. Das kann nicht die Welt sein, in der wir leben wollen.

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