Meinung | Insel(t)räume
Auswandern nach Mallorca – und dann allein: Der stille Alltag eines Deutschen Mitte 80
Heinz ist Mitte 80, allein, ohne Smartphone oder Auto. MZ-Kolumnistin Sophie Mono über Auswandern, Altern und ihr schlechte Gewissen, das immer mitläuft.

Einsamkeit betrifft viele deutsche Rentner auf Mallorca / fragile.ch
Es ist immer da. Oft gut versteckt hinter dem Alltagstrubel. Zwischen Arbeit und Kinderbetreuung, Haushalt und Hobbies, Spielplatz, Familientreffen und den ganz seltenen, zeitlich begrenzten und dafür umso kostbareren Ich-Momenten. Das schlechte Gewissen darüber, dass ich eigentlich irgendwann zwischen all dem ein wenig Zeit für einen Mann abzwacken müsste.
Nicht für meinen Mann. Sondern für Heinz*. Mitte achtzig, alleinlebend. Und so einsam, dass ich kaum darüber nachdenken mag – sonst werden sie noch größer, die Gewissensbisse. Vor eingen Jahren waren wir Nachbarn. Er lebte schräg gegenüber in einer Erdgeschoss-Mietswohnung. Stand stets an seinem Zäunchen, immer bereit für einen Plausch. Mit mir und allen anderen, die so vorübergingen. Immer an seiner Seite: Sein kleiner Mischlingshund. Maxi*. Halbblind, halbtaub, alt, aber an Treue zu seinem Herrchen nicht zu überbieten.
Zusammen ausgewandert – doch dann kam alles anders
Damals kam regelmäßig seine “Ex” bei ihm vorbei. Lisbeth*. Um ihm den Einkauf zu bringen, nach dem Rechten zu sehen, zu quatschen. Meist käbbelten sich die beiden wie Katz' und Maus. Aber es war ein wohlwollendes Käbbeln. So eins, bei dem die Jahrzehnte der Verbundenheit spürbar sind. Ein Käbbeln, das nichts daran ändert, dass die beiden irgendwann mal auf dem Friedhof von Capdepera liegen wollten – zusammen. Trotz der Trennung, trotz allem. So hatten sie es sich vor einem Vierteljahrhundert bei der gemeinsamen Auswanderung von NRW nach Cala Ratjada überlegt. Für immer unter Mallorcas Sonne. Zusammen. Bis zum Ende.
Doch was macht sich das Leben aus Plänen und Träumen? Kurz nach Corona wollten Heinz' Vermieter die Wohnung plötzlich gewinnbringender vermieten – und warfen ihren verlässlichen Langzeitmieter kurzerhand hinaus. In seiner existenziellen Not freute sich Heinz damals sogar noch, als er ein winziges Hinterhäusschen auf einem abgeschiedenen Grundstück anmieten konnte. Mehr als bescheiden, außer Sicht- und Hörweite von Nachbarn wie mir. Keine Passanten mehr, mit denen man plauschen kann. Und bald auch kein Maxi mehr. Nach 15 Jahren rief ihn der Hundehimmel.
Dann brach plötzlich auch Lisbeth – selbst immer gebrechlicher und seniler – den Kontakt ab. Dass sie schließlich nach Deutschland zurückging und dort nach kurzer Zeit verstarb, erfuhr Heinz erst deutlich später und über Umwege.
Vereinsamt auf der Trauminsel
Jetzt sitzt Heinz tagein tagaus in seinem Winzhäusschen. Ohne Auto, ohne Smartphone oder Internet, und praktisch ohne menschliche Kontakte. Während ich kaum weiß, wo mir als erwerbstätiger Zweifach-Mutter der Kopf steht, ist da ein Mensch, der nicht mehr weiß, wofür er morgens überhaupt noch aufstehen soll. Nein, nicht einer; es gibt viele von ihnen auf Mallorca. Deutsche Auswanderer, die altern, vereinsamen, leiden. Dutzende, vermutlich hunderte. Aber ich kenne nur den einen. Und der ist nur einen Anruf von mir entfernt. Morgen rufe ich ihn an. Oder übermorgen. Vielleicht nächste Woche. Wenn es in meinen Zeitplan passt. Und dann besuche ich ihn. Ganz bestimmt. Reminder im Terminkalender? Nicht nötig. Mein schlechtes Gewissen erinnert mich ja oft genug daran.
*Namen geändert
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