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Meinung | Mein Mallorandum

Warum es sich auf Mallorca ganz anders anfühlt, wenn einem etwas "spanisch vorkommt"

Früher stand „spanisch“ für das Unverständliche. Heute zeigt sich für MZ-Kolumnist Mirko Perković auf der Insel die andere Seite: Glasfaser bis in die Finca, Bankgeschäfte per WhatsApp und ein Kalender, der den Menschen Erholung gönnt

Auf Mallorca lassen sich viele Amtsgänge bereits komplett digital erledigen

Auf Mallorca lassen sich viele Amtsgänge bereits komplett digital erledigen / Zacharie Scheurer

Redewendungen! Sie verraten so viel über uns. Nähern wir uns mal einem besonderen Bonmot. Den Italienern? Kommt etwas Deutsch vor. Den Spaniern chinesisch. Und uns Deutschen? Kommt all das wie vor? Spanisch, korrekt!

Die Sache hat einen historischen Kern, tief im 16. Jahrhundert. Kaiser Karl V. reiste damals an, um das spanische Hofzeremoniell in Aachen zu etablieren. Für den Adel ein Kulturschock. Diese ganzen Sitten? Streng, formell, undurchschaubar. Was man nicht verstand, nannte man fortan „spanisch“. Ein Sprach-Schutz-Wall dagegen, womit man irgendwie fremdelt.

Das spanische "laissez faire"

Heute sitze ich hier auf der Insel und bin auch überfordert. Nur mit gedrehten Vorzeichen. Was mir so herrlich spanisch vorkommt, ist diese Schwerelosigkeit, die pragmatische Leichtigkeit des Alltags.

Neulich in Santanyí. Markttag. Das Licht fällt weich auf den Sandstein. Ich bin im Café. Das Handy: voller Ausschlag. Glasfaser! Bis in die letzte Finca in den Bergen. Die Daten fließen. Mir, der bei Elternbesuchen im Ruhrgebiet noch immer ehrfürchtig vor einem 16-Mbit-DSL-Router sitzt, kommt diese Selbstverständlichkeit immer ungeheuer spanisch vor.

Nahbar und direkt

Dann der Alltag. Ich brauche etwas von Belén, meiner Bankberaterin. Instinktiv rechne ich schon mit Warteschleife oder Briefversand. Stattdessen schreibe ich ihr eine WhatsApp. Belén antwortet. Daumen-hoch-Emoji. Erledigt. 

Sogar die Schule meldet den Ausfall der Phonologie-AG per Messenger. Kurzer Dienstweg allerorten, unglaublich nahbar ist das, menschlich. Ein Leben ohne Leitz-Ordner? Kommt mir total spanisch vor.

Der Gipfel der gesellschaftlichen Großzügigkeit ist aber der Kalender. Fällt mal ein gesetzlicher Feiertag auf einen Sonntag, wird er am Montag einfach nachgeholt. Man will ja niemandem die Erholung rauben, nur weil das Jahr mal ungünstig fällt. Der Staat gönnt. Jedem seine Ruhe. Wirklich, das kommt mir derartig spanisch vor, ich muss mich erst daran gewöhnen.

Ich bestelle mir meinen ersten Carajillo im Leben. Bin vernetzt. Entspannt. Espresso mit Schuss. Wunderschön, wenn einem alles wohltuend spanisch vorkommt, nicht wahr?

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