Meinung | Der normale Wahnsinn
Warum Palma mit seiner Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt 2031 baden ging
Palma ist mit seiner Bewerbung zur Kulturhauptstadt 2031 deutlich gescheitert. Wer nicht einmal einen Weihnachtsmarkt gewuppt bekommt, sollte sich nicht als Kulturhauptstadt bewerben findet MZ-Kolumnist Ingo Wohlfeil

Der Bürgermeister, Mitglieder des Kulturdezernats und der Fachgremien verfolgten die Bekanntgabe der Finalistenstädte. / Stadtrat Palma
Wahrscheinlich waren sie im Rathaus Palma der festen Überzeugung, das Ganze sei ein Selbstläufer. Im Prinzip würde schon eine mittelalterliche Kathedrale am Meer mit etwas Begleitprogramm drumherum reichen, und der Titel Europäische Kulturhauptstadt 2031 sei im Sack. Trotz dieser überaus gefährlich leichtsinnigen Laissez-faire-Attitüde wurde das Projekt zur persönlichen Chefsache des Bürgermeisters Jaime Martínez.
Ganz augenscheinlich nach kurzem Kulturhauptstadt-Brainstorming in dessen Büro. Kultur-Checkliste:
- – Miro-Ausstellung? Mega!
- – Technofestival? – Hammeridee!
- – Neues Kulturzentrum in Endesa-Ruine? Wurde längst Zeit!
- – Noch was? Wir brauchen noch schnell einen Weihnachtsmarkt! – Genial!
Statt sich weiterhin selbst zu feiern, wäre kritische Reflexion angesagt
Jetzt noch die knackige Behauptung, "kulturelles Zentrum im Mittelmeer zu sein“. "Mediterrània in Motion". So klingt Siegermentalität. Eigentlich. Seit dem Wochenende wissen wir, dass das Gesamtkonzept dann wohl doch nicht ganz so überzeugend war. Unter den vier Finalistinnen findet sich, wenn überhaupt, nur eine Namenscousine mit entfernt bekanntem Klang: Las Palmas de Gran Canaria. Aber nichts mit Mallorca. Ein Schlag auf den Solarplexus des heliozentrischen Selbstverständnisses. Und spätestens jetzt sollte sich der Trainer der unterlegenen Fußballmannschaft fragen: „Woran hat es gelegen?" Eine ehrliche Antwort könnte sein, dass wir zu provinziell sind. Weil gute Ideen in der Bürokratie oder im Kleinstadtdenken zermalmt werden. Und weil sich dieses destruktive Verhalten herumspricht.
Beispiel Weihnachtsmarkt - sieht so weltoffen aus?
Nehmen wir nur mal den Weihnachtsmarkt, der im Dezember erstmalig im Schatten der Altstadt veranstaltet beziehungsweise verunstaltet wurde. Statt den Weihnachtsmarkt in vollster Bildermacht an der Kathedrale zu inszenieren, wurde er, das arme Christkind, in einen unbekannten Nebenpark abgeschoben. Anschließend erklärte man das Abspielen weihnachtlicher Musik für christlich unzumutbar. Verweilmöglichkeiten wie Tische, Bänke und Stühle wurden als Sicherheitsrisiko und Ausgeburten teuflischen Müßiggangs gebrandmarkt. Eine Rodelbahn wurde gar nicht erst aufgebaut, weil die Behörden einen angebrochenen Ast als Risiko für die Allgemeinheit ausmachten. Am Ende wurde so viel genörgelt, dass sich niemand mehr für den Weihnachtsmarkt interessierte, mal abgesehen von einer Handvoll schlechtgelaunter Anwohner, die auf die exakte Einhaltung der Schließungszeiten (21.30 Uhr) achtete. Verschroben statt weltoffen! So konnte das auch einfach nichts werden.
Hausaufgaben machen für die nächste Chance
Immerhin dürfte der Chefsachen-Alcalde jetzt viel Zeit haben, um frei werdende Energien in neue Projekte zu stecken, in Wohnungsbauprojekte zum Beispiel. Und, bleiben wir mal optimistisch: Vielleicht klappt es ja im nächsten Anlauf. Noch bis 2033 wird jährlich der Titel Kulturhauptstadt vergeben. Dann werden die Karten qua Rotationsprinzip neu gemischt. Palma wird eine neue Chance bekommen. Ungefähr 2055. Bis dahin: Nutzen wir die Zeit.
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