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Meinung | Insel(t)räume

„Ohne Papiere ist man ein Niemand“: Was die NIE auf Mallorca wirklich bedeutet

Für MZ-Kolumnistin Sophie Mono gehört die kleine grüne Residencia-Karte mit Ausländer-Identifizierungs-Nummer zu ihrem Alltag auf Mallorca. Doch während sie für manche nur Formsache ist, entscheidet sie für andere über Rechte, Sicherheit und Perspektiven

Schlange vor der Ausländerbehörde in Palma

Schlange vor der Ausländerbehörde in Palma / Sarah López

Ein Wartezimmer voller Leute und ein kurz angebundener Sachbearbeiter – das sind alle Erinnerungen, die ich noch an meinen ersten Besuch in der Ausländerbehörde (Extranjería) in Palma habe. Schemenhaft, wenig greifbar. Fast elf Jahre ist es her, dass ich meine Número de Identidad Extranjera (kurz: NIE) bekommen habe. Jene Ausländernummer, aufgedruckt auf der kleinen grünen Residencia-Karte, die man am besten ganz schnell auswendig lernt, weil man im Mallorca-Alltag an jeder Ecke nach ihr gefragt wird. Bei der Bank. Bei der Polizeikontrolle. Bei Vertragsabschlüssen.

Die Nummer der NIE braucht man im Alltag auf Mallorca fast täglich

Der Gang zum Amt damals – er war kein besonders prägender Schritt in meiner Mallorca-Auswanderung. Klar: Ohne die NIE hätte ich gar nicht anfangen können zu arbeiten. Aber auf Drängen meines Freunds (seine Familie kommt aus Uruguay und weiß, wie es ist, Ausländer zu sein) hatte ich den Termin frühzeitig beantragt. Letztlich war alles nur eine lästige Formsache, mehr nicht. Heute kann ich meine NIE im Schlaf auf verschiedensten Sprachen vorwärts und rückwärts aufsagen. Noch immer sind die Ziffern auf der Karte mein ständiger Begleiter. Das gute Stück selbst habe ich in all der Zeit nur einmal umgetauscht – nach der fünf-Jahres-Residencia bekommt man die unbefristete Eintragung ins Ausländerregister. Wieder nur ein nerviger Behördengang. Wieder nur Formsache.

Der Gang zur Ausländerbehörde braucht Geduld

Doch von diesem zweiten Besuch in der Extranjería habe ich klarere Erinnerungen: an den unfreundlichen Sicherheitsbeamten am Eingang des Gebäudes. An die meterlangen Schlangen bis draußen in den Regen. An die teils angespannte Stimmung, die Frustration und Aufregung, die Resignation und Hoffnung in den Blicken vieler Wartender. An die Aufstell-Schilder, die die Bittsteller in zwei Klassen einteilten: in EU-Ausländer und den Rest. Ich weiß noch genau, wie unangenehm es mir war, unter den Blicken der "Anderen" an ihnen allen vorbeizugehen. In einen weniger trubeligen Wartebereich mit viel kürzeren Schlangen. Zu EU-Bürgern, denen vor allem eins ins Gesicht geschrieben stand: Langeweile und Genervtheit, weil's mal wieder länger dauert.

Das Privileg Europäer zu sein

Erst damals wurde mir so richtig bewusst: Was für mich schnöden bürokratischen Aufwand bedeutete, bedeutet für viele, die nicht in Europa geboren wurden, eine Entscheidung über Gehen oder Bleiben. Über Leben oder bloß Überleben. Über Partizipation in einer Wohlstandsgesellschaft oder die reine Existenz vor ihren Toren.

 “Ohne Papiere ist man ein Niemand”, sagte mir vor Kurzem eine der “Anderen”. Südamerikanerin, gut integriert – aber seit Jahren illegal im Land. Ohne Arbeitserlaubnis, ohne Anspruch auf Sozialleistungen, ohne Rechte. In ihrem Blick liegt jetzt wieder mehr Hoffnung, als noch vergangenes Jahr. Dank Pedro Sánchez dürfen die “Illegalen” ihren Aufenthaltsstatus in den kommenden Monaten regulieren. Gut so – und längst überfällig.

Heute denke ich jedes Mal, wenn ich die kleine grüne Karte aus dem Portemonnaie krame, an diese Frau. Und an die “Anderen” in der Ausländerbehörde. Wie konnten mir meine NIE und die Aufenthaltsbescheinigung anfangs so gleichgültig sein? Keine Frage: Privilegien erkennt man oft erst, wenn man merkt, dass andere sie nicht haben. Stimmt's?

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