Meinung | Insel(t)räume
Mallorca und die Schubladen im Kopf: Warum wir Menschen auf der Insel ständig einordnen
Touristen, Zweithausbesitzer, Zugezogene, Einheimische: Auf Mallorca scheint jeder seinen Platz in einer unsichtbaren Hierarchie zu haben. Eine persönliche Reflexion über Vorurteile, Zugehörigkeit und die Sehnsucht nach einem respektvolleren Miteinander, von MZ-Kolumnistin Sophie Mono

Touristen in Palmas Innenstadt / Clara Margais/dpa via Europapress
Manchmal ertappe ich mich. Bei Gedanken, die ich immer abgelehnt habe. Denkmustern, die mir früher fremd waren. Ich ertappe mich beim Schubladendenken. Beim Einstufen von Menschen. In eine Klassen- oder Wertigkeitsgesellschaft.
Ganz unten die Touristen: nervig, naiv, störend, oberflächlich und unwissend. Dicht gefolgt von den mittel- und nordeuropäischen Zweithausbesitzern: reich, ignorant, überheblich, schlecht integriert, zerstörerisch. Dann kommen zugezogene Festlandspanier und Latinos: Ein fester Bestandteil der Inselgesellschaft, über den sich wenig sagen lässt. Und über allem schwebend die Ur-Mallorquiner: edel, authentisch, unantastbar, erhaben – und stets diejenigen, die die Leitkultur verkörpern, der man nah kommen möchte, um als “gut integriert” zu gelten. Schließlich sind sie es, und sie allein, die ein Anrecht auf diese Insel haben. Und die darüber urteilen können, wer ebenfalls gebilligt und Mallorcas wert ist.
Für alle gibt es eine Kategorie - wo ist meine?
Ich übertreibe natürlich. Ich verallgemeinere. Hier, während ich diese Zeilen schreibe, der Dramaturgie wegen. Aber das Schlimme ist: Ich übertreibe und verallgemeinere auch, wenn ich die gedanklichen Schubladen öffne. Je länger ich auf der Insel bin, desto mehr. Die Klischees in meinem Kopf sind absoluter Mallorca-Mainstream – und einfach ätzend!
Wieso mache ich mit bei diesem Stereotype-Denken? Und wo stehe ich selbst eigentlich in dieser Insel-Klassengesellschaft? Es fällt so leicht über "die reichen Deutschen in ihren Luxusvillen" oder "die unkultivierten Touris" zu lästern. So viel leichter, als mich damit auseinander zu setzen, was eigentlich mein eigener Platz in diesem Gefüge ist.
Klar, ich bin schon lange kein Malle-Touri mehr. Aber meine Lieben aus Deutschland schon, wenn sie herkommen. Oder sind sie Besucher? Wer will schon Touri sein? Eigentlich sind Millionen von Urlaubern vor allem eins: Millionen von Menschen, die nicht alle in dieselbe Schublade passen. Und von denen niemand persönlich etwas dafür kann, dass Mallorcas Wirtschaftssystem vorne und hinten krankt.
Uns wieder ohne Vorurteile begegnen
Auch neue Zweithausbesitzerin mit Gehalt und Vermögen aus Deutschland bin ich nicht. Stattdessen lebe ich ganz hier, verdiene Insellöhne, habe meine Kinder hier geboren, kann Spanisch, bin integriert. Wie schön. Vor allem für mich selbst. Aber macht mich das irgendwie wertvoller? Besser? Mallorquinischer? Verleiht es mir Anspruch auf Existenz und Eigentum auf der Insel? Und das Recht, über andere zu urteilen, mich über sie zu stellen, weil ich finanziell und linguistisch den Einheimischen näher bin als sie?
Verdammt seien all diese Fronten. Die Vorurteile. Die Arroganz. Die “Tourists go home”-Schmierereien. Aber auch die “Ohne uns Auswärtige wäre Mallorca noch ein Bauernstaat”-Attitüde.
Wie schön es wäre, wenn wir uns alle einfach wieder als Menschen begegneten. “Imagine all the people, livin' life in peace” Ja, ich träume. Im Wachzustand sind die Probleme wohl zu vielschichtig, die Kausalitäten zu komplex, die Wunden zu tief für eine Gruppenumarmung. Aber manchmal täte es uns allen gut, mal einen Schritt zurückzutreten. Oder besser doch: aufeinander zu. Missgunst, Neid, Unverständnis und Abkapselung tun der Insel nicht gut. Wage ich mal zu behaupten. Und dabei kann ich noch nichtmal fließend mallorquí.
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