Meinung | Fels in der Brandung
Mallorca als Vorbild für öffentlichen Nahverkehr
Mallorca macht es Deutschland vor: Kostenloser Nahverkehr anstatt Millionenkosten und wenig Nutzen durch Strafen für Schwarzfahrer

Der Gratis-Nahverkehr auf Mallorca kann ein Vorbild für deutsche Städte sein / Guillem Bosch
Deutschlands Justizministerin will das Schwarzfahren im öffentlichen Nahverkehr aus dem Strafgesetzbuch streichen. Nach § 265 a StGB wird das Schwarzverfahren mit einer Geldstrafe oder Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr bestraft. Bereits der Versuch ist strafbar. 2024 wurden 144.000 Personen beim Schwarzfahren in Deutschland erwischt. Die Dunkelziffer ist enorm. „Haupttäter“ sind Personen aus prekären Verhältnissen, Arbeitslose, Obdachlose, Kranke und Studenten. Die Verfolgung von Schwarzfahrern kostet den Staat per anno hohe Millionenbeträge – für den Verwaltungsapparat und Haftkosten (150 bis 200 Euro pro Tag). Dieses System macht wirtschaftlich keinen Sinn und hat auch nicht den erwünschten erzieherischen Wert. Wer die Wahl hat, sich ein Brot zu kaufen oder schwarzzufahren, wird sich wohl für das Brot entscheiden. Und zuletzt: Menschen, die sich keinen Fahrschein leisten können, gehören gewiss nicht ins Gefängnis. Der Deutsche Anwaltverein zieht zu diesem Thema die folgende Bilanz: „Der soziale Nutzen der Strafbarkeit ist zweifelhaft, der Schaden für die Allgemeinheit dagegen immens.“ Einige Städte in Deutschland, z.B. Bremen, Dresden, Düsseldorf und Frankfurt am Main, haben auch schon die Notbremse gezogen und verfolgen das Schwarzfahren nicht mehr als Straftat, sondern verlangen nur noch ein „erhöhtes Beförderungsentgelt“, das allerdings meist auch nicht zu realisieren ist.
Gute Lösung: Kostenloser Nahverkehr für alle Residenten
Mallorca hat den Kampf gegen Schwarzfahrer elegant gelöst und kann vielleicht als Blaupause und Vorbild für Deutschland dienen. Seit Herbst letzten Jahres gibt es für Residenten die tarjeta única, eine persönliche Karte, mit der kostenlos fast das gesamte System des öffentlichen Nahverkehrs genutzt werden kann, egal ob man mit dem Stadtbus der EMT Palma, der Metro oder dem Zug fahren will. Für 2026 stehen die finanziellen Mittel für die Beibehaltung des Systems zur Verfügung. Zwischenzeitlich sollen 65.000 Personen im Besitz der tarjeta única sein. Damit hat Mallorca nicht nur die Problematik des Schwarzfahrens gelöst. Die tarjeta única ermöglicht vielen Menschen, die auf der Schattenseite leben, die gesellschaftliche Teilhabe und macht das Leben durch die kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs lebenswerter.
Vorbild auch für deutsche Städte?
Neben den bereits angeführten sozialen und wirtschaftlichen Vorteilen wird das „System Mallorca“ auch aus weiteren Gründen (eine vorläufige Bilanz liegt noch nicht vor) als Vorbild für andere Städte und Länder dienen können: bessere Auslastung der Verkehrskapazitäten im öffentlichen Nahverkehr, Verkehrsberuhigung durch Umsteigen vom Privat-PKW auf öffentliche Verkehrsmittel, bessere CO2-Klimabilanz und geringere Unfallzahlen. Klar – das alles kostet Geld. Für Deutschland hat man ausgerechnet, dass die hundertrozentige Umstellung auf kostenfreien Nahverkehr zwölf Milliarden Euro kosten würde. Hier sollte die Politik hinsichtlich von Vor- und Nachteilen mit spitzem Bleistift rechnen.
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