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Meinung | Insel(t)räume

Mallorca 2056: Wenn der Urlaub auf dem Laufband stattfindet

Zwischen Ballermann, Kreuzfahrttouristen und Fünfthausbesitzern entwirft MZ-Kolumnistin Sophie Mono ein dystopisches Mallorca im Jahr 2056 – absurd, aber erschreckend nah an heutigen Debatten

So sah Mallorca aus Urlaubersicht schon im Sommer 2025 aus - Titelbild der MZ 1325

So sah Mallorca aus Urlaubersicht schon im Sommer 2025 aus - Titelbild der MZ 1325 / MZ

Mallorca, im Sommer 2056: Die Durchschnittstemperatur liegt bei 55 Grad im Schatten, die Bademeister-Roboter an den Stränden der Insel schlagen den Gong: das Zeichen zum Wenden. Rund um die Küste drehen sich die 40 Millionen angereisten Strandtouristen brav und synchron vom Bauch auf den Rücken. Zehn Minuten, dann ist die andere Seite dran. Nur so kann auf der Insel noch ganzkörpergebräunt werden. Für individuelle Umdrehbewegungen ist ob der Urlaubermassen schlicht kein Platz mehr. Das Ganze dreimal, dann ist Platzwechsel. Alle werden von selbstfahrenden E-Autos in ihre Hotels gebracht – denn zu Land, zu Wasser und in der Luft wartet schon die nächste Schicht Strandbesucher.

Die Insel ist aufgeteilt in Wohnviertel der Multimilliardäre und Touristen-Parks

Die superreichen Fünfthausbesitzer rümpfen beim Anblick der Touri-Kolonnen, die an ihren Hightech-Villen mit Hyperklimatisierungssystemen vorbeiziehen, die Nase. „Was wollen die alle auf der Insel?“, denkt sich so mancher mittel- oder nordeuropäischer Multimilliardär. „Rein von der gesellschaftlichen Klasse her haben sie hier doch nichts zu suchen.“ Stimmt. Die Arbeiterklasse ist längst durch Maschinen ersetzt worden. Und die Mittelschicht gibt es – abgesehen von den Urlaubern – schon seit Jahrzehnten nur noch drüben: in Valencia, Andalusien, Galicien. Irgendwo, weit weg halt.

Obwohl: Stand da nicht neulich was in den KI-News, dass auf dem Festland nun auch alles voll sei? Angeblich geht der neuste Auswanderungstrend Richtung Antarktis. Das störende Eis da unten soll ja auch fast weg sein. Gut, dass nicht wenige Mallorca-Villen-Besitzer sich dort schonmal vorsorglich ihr Sechsthaus gesichert haben – man kann nicht genug investieren.

Von einem Selfiespot zum nächsten auf Laufbändern, während man am Ballermann weiter bis zum Brechreiz feiert

Doch zurück auf die Insel: In Palma steht die große Wiedereröffnung der Altstadt bevor. Lange waren die Einkaufsstraßen und Plätze im Zentrum wegen Bauarbeiten geschlossen, jetzt ist der Themenpark bald fertig: Traditionsläden sind streng verboten, die Filialen der internationalen Konsumketten dafür genau nach Schema 08/15 ausgewählt – der geschätzte Urlauber soll sich ja schließlich heimisch fühlen. Elektrische Laufbänder (oder besser gesagt: Stehbänder) tun ihr Übriges, um Kreuzfahrttouris durch die Gassen zu manövrieren – von einem Selfie-Spot zum nächsten. Und die neuen Schallschutzwände am westlichen Stadtrand halten den Fluglärm ab. Dass der Airport seit seiner letzten Erweiterung mittlerweile bis Portixol reicht, ist also kein Problem.

Nur in Palma Bay – ehemals Playa de Palma – ist alles beim Alten. Hier feiert Heino gerade sein 118. Künstlerjubiläum im Bierkönig, während im Megapark die Massen zu „Zehn nackte Friseusen“ grölen und den Pegel halten. Allein die Brechrinne, die parallel zur Schinkenstraße verläuft, ist neu. Volltrunkene können sich jetzt direkt dort hinein übergeben, ordentlich und stilecht. Ein letztes Aufbegehren im Kampf um saubere Straßen der kürzlich verstorbenen Palma-Beach-Initiative. Für sie steht ein Denkmal am Strand, mit der KI-übersetzten Aufschrift „Gràcies per res. I que sa festa continuï.“ Auf Mallorquinisch, wegen der Nostalgie. Auch, wenn das seit Jahren schon kein Mensch mehr versteht.

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