Meinung | Mein erstes Mal auf Mallorca
Als ich mit Mallorquinern Schnecken essen ging – und plötzlich 1,5 Kilo vor mir standen
Es gibt Momente auf Mallorca, in denen man merkt, dass man kein Einheimischer ist. Zum Beispiel dann, wenn zum ersten Mal eine Schüssel Schnecken vor einem steht – und alle erwarten, dass man einfach zugreift.

Schnecken gehören auf Mallorca zur typischen Esskultur / Michael Wrobel
„Micha, was machst du denn an Sant Marc?“ Die Frage meines Nachbarn Pep klang harmlos. „Nichts“, sagte ich. „Gut, dann hole ich dich mittags zum Caracoles essen ab!“ Essen klingt immer gut, dachte ich. Und Caracoles – zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch keine Ahnung, was das sein sollte. Schnecken also. Gut, die kenne ich aus Deutschland. Nicht unbedingt meine Lieblingsspeise. Aber: Ich bin offen. Also hin.
Am 25. April, dem Feiertag Sant Marc, fand ich mich schließlich im Restaurant „Rincón de Cabra“ in Inca wieder – umgeben von einer gut gelaunten Gruppe Mallorquiner, denen man die Vorfreude deutlich ansah. „Heute isst jeder Mallorquiner Schnecken“, erklärte mir Pep. „Das ist Tradition.“
Ein Essen mit Tradition auf Mallorca
Tatsächlich werden an diesem Tag auf der ganzen Insel Schnecken serviert. Ein alter Volksglaube besagt, dass ihr Verzehr vor Krankheiten schützt. Wer an Sant Marc Schnecken isst, bleibt gesund – so heißt es.
Während wir warteten, wurde ich ausgefragt: Kennst du Schnecken? Isst man die in Deutschland auch? Wie magst du sie? Als ich erzählte, dass mein Vater sie früher überbacken in kleinen Förmchen servierte – sechs Stück pro Teller –, erntete ich zunächst Kopfschütteln, dann Gelächter. „Nur sechs Stück?“, fragte Pep entsetzt. Ich ahnte: Das hier würde anders werden.
Als der Kellner schließlich kam, fühlte ich mich kurz bestätigt: ein Teller Sopa Mallorquina – mit sechs Schnecken. Perfekt, dachte ich. Für meine mallorquinischen Freunde offenbar weniger. „Jetzt gehen wir einmal mit einem Deutschen Schnecken essen – und bekommen eine deutsche Portion“, kommentierte einer trocken. Großes Gelächter.
1,5 Kilo Schnecken für jeden
Doch die Situation klärte sich schnell. Nur Minuten später kam der Kellner zurück – und brachte große Schüsseln. Voll mit Schnecken. Für jeden. Dazu Brot. Viel Brot. Und ein großer Pott All i Oli für jeden. „So essen wir das“, sagte Pep zufrieden. Die Menge: rund anderthalb Kilo Schnecken pro Person.
Mit einem Zahnstocher zieht man sie aus dem Haus, taucht sie ins All i Oli – und genießt. „Zuhause nehmen wir Palmstachel“, erklärte Pep stolz. „Geht noch besser.“ Ich beschloss, nicht lange zu überlegen. Wer hier lebt, sollte auch essen, was hier auf den Tisch kommt. Also: Augen auf – und durch. Und dann passierte etwas, womit ich nicht gerechnet hatte: Es schmeckte einfach köstlich.
Schneckenessen als Integrationsprüfung
Die Schnecken waren würzig, mit Knoblauch, Kräutern, intensivem Geschmack. Mit jedem Bissen wurde die Situation normaler. Und irgendwann war sie es einfach. Meine Freunde nickten zufrieden. Offenbar hatte ich eine weitere kleine Integrationsprüfung bestanden.
Einmal mehr hatte sich gezeigt: Viele Dinge auf Mallorca wirken zuerst fremd – bis sie es plötzlich nicht mehr sind. Und ich habe gelernt: Sechs Schnecken sind auf Mallorca kein Essen. Das ist höchstens ein Anfang.
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