Meinung
Mallorca lieben heißt auch: der Insel gerecht werden
Mallorca ist Sehnsuchtsort für Deutsche, Schweizer und Österreicher. Doch wer die Insel liebt, darf sie nicht nur für sich beanspruchen, sondern muss ihr mit Respekt begegnen, meint MZ-Chefredakteur Ciro Krauthausen

Preise der Mallorca Zeitung. / MZ
„Niemand fühlte so stark wie ich die Anziehungskraft, die von dieser Insel ausging“, heißt es in dem Buch von Alfred Erhart, dem Gründer der Hotelkette Universal, dessen Sohn, Enkel und Schwiegerenkeltochter an diesem Donnerstag mit einem Preis der Mallorca Zeitung ausgezeichnet werden. Die Aussage bezieht sich auf 1961, und sie ist übertrieben. Diese Anziehungskraft bestand schon zuvor, und Alfred Erhart war zu diesem Zeitpunkt nicht der Einzige, der sie verspürte. Mehr noch: Mit seinen Reiseangeboten und Hotels sollte er sie noch Hunderttausenden von Urlaubern vermitteln. Mallorca ist ein Magnet, dem man sich kaum entziehen kann.
Ganz besonders von ihm angezogen sind bekanntlich Deutsche und in etwas geringerem Maße Schweizer und Österreicher. Die Begeisterung für die Insel ist über die Generationen zu einem Selbstläufer geworden, befeuert durch die immer weiter ausgebauten Flugverbindungen. Wer hier schon als Kind die Sommerferien verbrachte, kommt auch im Erwachsenenalter wieder. Oder zieht eines Tages sogar ganz auf die Insel. Dass das nicht immer gut ausgeht, davon wissen die ehrenamtlichen Helfer der evangelischen Gemeinde zu berichten, die wir ebenfalls auszeichnen.
Die Insel könnte noch deutscher werden
Nun schwächt sich diese gewaltige Anziehungskraft nicht ab, sondern verstärkt sich immer weiter, zumal in einer unsicheren Weltlage wie der jetzigen. Es sind längst nicht mehr nur Deutsche, die es auf die Insel zieht, aber bleiben wir bei ihnen: Sie haben ein privates Geldvermögen von zehn Billionen Euro angehäuft; in den kommenden Jahren wird eine gewaltige Erbmasse verteilt, und laut einer Umfrage haben 21 Prozent der Bundesbürger im vergangenen Jahr zumindest darüber nachgedacht, für mehr als drei Monate in ein anderes Land zu ziehen, vielleicht sogar ganz auszuwandern. Natürlich nicht alle nach Mallorca, aber doch einige von ihnen. Sollten sie zur Tat schreiten, wird die Insel noch deutscher werden.
Die Folgen dieser Entwicklung beschäftigen uns Tag für Tag. Im Alltag, in unseren Gesprächen, bei der Wohnungssuche. Die Insel ächzt unter dem Ansturm der Urlauber und Zuwanderer wie wohl noch nie zuvor. Die Ressentiments wachsen, die früher nur ganz vereinzelten Anfeindungen gegenüber den Deutschen und anderen Nationalitäten nehmen zu.
Sich auf die Insel einlassen
Dass diese Entwicklung ungut ist, darüber sind wir uns sicherlich einig. Die Frage ist, wie wir gegensteuern können. Vielleicht sollten wir zunächst einmal offen darüber reden, dass hier etwas aus dem Ruder läuft, auch weil manche unserer Landsleute – vielleicht nicht bewusst, aber gefühlsmäßig – Mallorca längst als eine Verlängerung von Deutschland empfinden. Entsprechend werden sie dann auch von den Einheimischen wahrgenommen. Dabei wird man Mallorca nur gerecht, wenn man sich auf die Insel einlässt, sie respektiert und sich einbringt. Dafür braucht es noch nicht einmal die Sprache, es kann auch die Kunst sein, wie im Fall von Jule Kewenig, der dritten Preisträgerin. Aufeinander zugehen. Miteinander im Gespräch bleiben. Voneinander lernen. Darauf kommt es an. Dafür steht diese Zeitung, und dafür stehen diese Preise.
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